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Emotionen beim Einkauf

Stationärer Handel in Göttingen Emotionen beim Einkauf

Mit dem Siegeszug des Netzes ist der stationäre Handel zunehmend unter Druck geraten, auch in Göttingen. Trotzdem wird es auch in Zukunft Geschäfte vor Ort geben, ist sich der neue Vorsitzende des Handelsverbandes Hannover, Alexander Grosse, sicher. Eine Studie der PFH Göttingen bestätigt dies.

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Alexander Grosse hat als Vorsitzender des Handelsverbandes in Göttingen die Nachfolge von Willi Klie angetreten.

Quelle: CH

Göttingen. Seit April ist Alexander Grosse, Vorsitzender des Handelsverbandes Hannover – Kreisverband Göttingen. Der 40-Jährige ist Geschäftsführer und Inhaber der Firma Wiederholdt in Göttingen.

Zur Zukunft des Einzelhandels in Göttingen: Es gibt Prognosen, dass bis 2025 etwa 20 Prozent der Geschäftsinhaber in Städten aufgeben. Was tun?
Grosse : Bis 2025 werden laut einer Studie rund 25 Prozent des Einzelhandels online getätigt. Das heißt, ein Viertel des Umsatzes wandert aus dem stationären  Göttinger Handel ab. Momentan werden bundesweit etwa zehn Prozent der Einkäufe online geordert. Bei uns in Südniedersachsen liegt der Wert etwas höher, bei 11,5 Prozent. Das zeigt, wie wichtig der Onlinehandel ist. Man darf ihn aber auch nicht überbewerten. Der Großteil der Einnahmen wird auch in Zukunft über den stationären Handel generiert. Ein Teil der Online-Umsätze wird ja außerdem vom stationären Handel getätigt. Es gibt auch in Göttingen viele gute Beispiele dafür, dass kleine Händler nebenbei einen Online-Shop betreiben.

Das ist aber noch nicht sehr verbreitet, oder?
Das ist richtig. Es ist aufwendig, einen Online-Shop für Privatkunden anzubieten.

Warum das denn?
Es gibt enorme Auflagen. Wir selbst haben Online-Shops für Gewerbetreibende. Im Bereich Business-to-Business ist das wesentlich leichter anzubieten als für Privatkunden. Wenn wir beispielsweise elektronische Geräte und Zubehör, wie eine Lampe für einen Globus,  verkaufen wollen, müssen wir sehr viele Daten deklarieren. Der Aufwand ist ungleich höher. Die Frage ist doch, was der Händler am Ende möchte. Möchte der Händler einen Shop betreiben oder im Internet einfach gefunden werden? Eine gute digitale Visitenkarte mit einem Angebotsüberblick halte ich für sehr, sehr wichtig. Da führt zukünftig kein Weg dran vorbei.

Gibt es in Göttingen noch Händler, an denen das digitale Zeitalter spurlos vorbei gegangen ist?
Ja, die gibt es noch. Jeder hat natürlich die unternehmerische Freiheit, sich auch gegen das Netz zu entscheiden. Wenn ich 65 wäre, keinen Nachfolger hätte und noch einmal dafür kräftig investieren müsste – warum sollte ich das tun für die letzten Jahre meiner unternehmerischen Tätigkeit?

Wie wollen Sie als Vorsitzender dafür werben?
Man muss mit den Kollegen ins Gespräch kommen und immer wieder informieren. Es gibt ganz vorbildliche Geschäfte in Göttingen, auch mit Online-Shops für Privatkunden. Generell gilt: Man muss die Zahlen genau betrachten und bewerten.

Was meinen Sie damit?
Wenn es heißt, dass der Online-Handel wieder um elf Prozent zugelegt hat, der stationäre aber nur um drei Prozent, dann klingt das erst einmal gewaltig. Wir reden hier aber darüber, dass 90 Prozent des Umsatzes stationär und zehn Prozent online gemacht werden. Der Online-Umsatz ist also von zehn auf elf Prozent gestiegen.

"Wichtig ist, dass der Kunde sich wohl und gut beraten fühlt."

Dennoch ist der Trend nicht zu leugnen. Womit kann der stationäre Handel in Zukunft punkten?
Ganz wichtig ist ein Einkaufserlebnis, bei dem sich der Kunde wohl und gut beraten fühlt. Und dass die Mitarbeiter eine Lösung für den Kunden finden.

Das kann das Netz nicht?
Das will ich so nicht sagen. Aber im Netz braucht man für eine Problemlösung oft viel mehr Zeit. Was das Netz nicht kann, ist beispielsweise Gerüche oder Haptik zu bieten. Etwas riechen, etwas anfühlen, das schafft Spaß und Emotionen beim Einkauf.

Wohlfühlen und gute Beratung: Wie kann der stationäre Handel hier noch besser werden?
Dazu muss man sich zunächst selber einige Fragen stellen: Warum kommen die Kunden zu mir, welche Kunden kommen zu mir, was möchte der Kunde von mir? Jeder für sich kann so seine Schwächen, aber auch seine Stärken herausarbeiten. Jeder muss seine Nische finden und ausbauen.

Wie findet der Händler das heraus?
Am besten ist es, seine Kunden direkt zu fragen. Wir haben kürzlich an der Kasse unsere Kunden angesprochen und wollten wissen, was sie vom Kleingeld und 99-Cent-Preisen halten – ob wir beispielsweise Preise aufrunden sollen und ob die kleinen Münzen stören.

Was kam dabei heraus?
Interessanterweise wollen die meisten unserer Kunden gar nichts ändern, es soll so bleiben, wie es ist. Für den Händler macht es zunächst keinen großen Unterschied, ob er sein Produkt nun für 9,99 Euro oder zehn Euro verkauft. Für den Kunden ist die größere Zahl aber oft unbewusst eine Grenze.

Wie schafft man es, am Puls der Zeit zu bleiben?
Wir schauen regelmäßig, ob das, was wir verkaufen, noch zeitgemäß ist. Hätten wir heute noch eine Vielzahl Schreibmaschinen im Angebot und würden die im Schaufenster präsentieren, wäre das nicht mehr bedarfsgerecht. Dennoch sollte man auf Sonderwünsche der Kunden eingehen, das Angebot aber gegebenenfalls herunterfahren.

Herunterfahren? Heute kauft doch niemand mehr Schreibmaschinen, oder?
Aber ja, wir verkaufen die immer noch. Etwa einmal im Monat geht eine über den Ladentisch.

Fast jeder Göttinger hat ja den einen oder anderen Laden auf dem Index, weil er dort nicht so behandelt wurde, wie er es erwartet. Was sagt der Vorsitzende – das darf doch nicht sein, oder?
Da gebe ich Ihnen recht, so etwas darf nicht sein. Ich kann nur dringend an meine Kollegen appellieren, die Mitarbeiter so zu schulen, dass so etwas nicht passiert. Vielleicht sollte man als Kunde dem Geschäft aber fairerweise eine zweite Chance geben. Wenn es mehrfach passiert, empfehle ich, den Inhaber anzusprechen.

"City ohne Baustellen? Das wäre eine Katastrophe."

Baustellen, Parkplätze, Busverkehr: Welche Wünsche haben Sie an Politik und Verwaltung, um die Rahmenbedingungen für die Händler in der Innenstadt zu verbessern?
Durch die Baustellen haben Händler natürlich eine gewisse temporäre Einschränkung. Wir hatten in den vergangenen Jahren zwei große Baustellen vor der Tür. Das bringt Frequenzverluste. Aber es wird investiert. Stellen Sie sich mal vor, es gebe in der Innenstadt keine Baustellen, das wäre eine Katastrophe. Es muss kontinuierlich etwas gemacht werden. Ich wünsche mir weiterhin eine gute Zusammenarbeit und eine gute Abstimmung. Und dass die Sanierung der Innenstadt weiter so vorangetrieben wird wie bisher. Die Innenstadt muss attraktiv bleiben. Dazu gehört auch, dass Parkplätze nicht wegfallen und die Leute gut in die Stadt kommen.

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren?
Wir müssen daran arbeiten, dass wir das niedrige Niveau an Leerständen halten. Wir haben in Göttingen relativ wenige, die meisten sind nur vorübergehend. Das Gesamtpaket Göttingen muss attraktiv bleiben.

Wie stehen Sie zur Ansiedlung des Möbel-XXXL-Marktes?
Es gibt ein Einzelhandelskonzept, das Hand und Fuß hat. Das muss meiner Meinung nach nicht geändert werden. Es sollte faire und gleiche Bedingungen für alle geben. Ich habe nichts gegen die Ansiedlung des Möbelmarktes, das Verfahren muss aber gerecht bleiben.

 Interview: Britta Bielefeld

Homepage und Lieferservice

Einkaufen in der Göttinger  Innenstadt.

Einkaufen in der Göttinger Innenstadt.

Quelle: Heller

Eine Welt ohne Geschäfte in den Innenstädten: Das wird es auch in nächster Zukunft so schnell nicht geben. Zu diesem Ergebnis kommen Studenten der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH). Sie haben die Zukunft des Einkaufens in der Göttinger City im Rahmen einer Bachelor-Arbeit untersucht.
Grundlage der Studie sind Befragungen von 411 Bürgern aus Göttingen und der Umgebung. 309 Probanden wurden in Göttingen, am Uniklinikum  und in Eddigehausen direkt befragt, 102 haben einen Online-Fragebogen ausgefüllt. Die Befragung startete im Dezember 2015.
Von den Befragten gab fast die Hälfte an, häufig im Internet Waren zu bestellen. Vor allem Kunden im Alter bis 45 Jahre nutzen das Netz zum Einkaufen. Die Gruppe der über 63-Jährigen gab an, eher selten oder nie online zu kaufen. Als Grund dafür wurde gesagt, dass Waren nicht ausprobiert werden können.
Beliebt ist besonders der Kauf von Veranstaltungstickets und Reisen im Netz, auch DVDs und Bücher werden dort häufig geordert. 266 der Befragten gaben an, Tickets online zu kaufen. Weiter „ist festzustellen, dass Bekleidung, Schuhe, Uhren und Schmuck überwiegend in der Innenstadt gekauft werden“. Auch Lebensmittel, Drogerieartikel, Schreibwaren, Sport- und Spielwaren werden „zum Großteil“ im stationären Handel gekauft. Auch nach den Gründen haben die Studenten des Studiengangs „General Management“ gefragt. Mangelnde Verfügbarkeit vor Ort, Zeitersparnis und ein Preisvorteil waren die häufigsten Antworten.
Die Kunden legen also weiterhin großen Wert auf „das Einkaufserlebnis in der Stadt“. Aber: Sie fordern von ihren Händlern  auch eine hochwertige Homepage , eine attraktive Gestaltung der Läden und moderne Geschäfte. Die Einzelhändler allerdings haben laut der Studie sehr unterschiedliche Auffassungen. Einige betreiben einen OnlineShop, den meisten wäre das aber zu aufwendig. Einige möchten nicht einmal eine Homepage anbieten. Das Fazit der Untersuchung: „Im Gegensatz zu einer Homepage ist der Online-Handel in Form eines Online-Shops oder Online-Marktplatzes in naher Zukunft keine Möglichkeit für die Bandbreite der Göttingen Einzelhändler. Die Einrichtung einer modernen Homepage sei also „dringend notwendig“. Auch ein Lieferservice sei für die Aufrechterhaltung der Attraktivität des Einkaufs in der Innenstadt zu empfehlen. bib

Wirtschaftsstandort Göttingen

Der rund 250220 Einwohner zählende Landkreis Göttingen liegt in Südniedersachsen. Die Stadt Göttingen (117.665 Einwohner) nimmt eine wichtige Versorgungsfunktion für ihr dünn besiedeltes Umland ein. Der Wirtschaftsstandort konkurriert laut Studie mit Kassel (200.000 Einwohner, 40 Kilometer entfernt) und Hildesheim (100 000 Einwohner, 70 Kilometer entfernt). Auch Hannover stellt trotz der etwa 100 Kilometer Entfernung einen konkurrierenden Wirtschaftsstandort dar. Insgesamt bietet Göttingen 859 Einzelhandelsbetriebe mit mehr als 268.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Den Jahresumsatz beziffern die PFH-Studenten auf 880 Millionen Euro. Die Kaufkraft liege mit 99,5 Prozent ganz knapp unter dem Bundesdurchschnitt.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016