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Langes Warten auf eine Entscheidung

Thema des Tages Langes Warten auf eine Entscheidung

Die Odyssee der Familie Shirin Agha Dendarzada ist mit der Ankunft in Deutschland nicht beendet. Zwei Jahre nach ihrer Flucht aus Afghanistan ist die Familie immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Die aktuelle Wohnsituation im ehemaligen Institut für wissenschaftlichen Film (IWF) ist bedrückend. Auf eine Entscheidung zu ihrem Antrag auf Asyl wartet die Familie noch.

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Shirin Agha Dendazad verlor bei einem Bombenanschlag beide Beine. Heute lebt er mit seiner Familie im Flüchtlingsheim IWF am Nonnenstieg.

Quelle: Marks

Göttingen. Die Räume im IWF sind schmucklos. Die Wände könnten etwas Farbe vertragen, der Fußboden ist schmutzig. Der alte Teppich ist an den Rändern ausgefranst. Hier lebt die Familie Dendarzada in drei Zimmern mit ihren inzwischen sieben Kindern. Privatsphäre ist hier kaum möglich. Mittendrin wird gegessen - auf dem Fußboden - wie es in Afghanistan üblich ist. In einem kleinen Schrank stapeln sich Teller und Pfannen. „Die sind in der Gemeinschaftsküche nicht sicher“, erzählt Ruth Gaillard. Die ehemalige Lehrerin, die im IWF Flüchtlingen Gitarrenunterricht gegeben hat, kennt die Familie Dendarzada seit ihrer Ankunft in Göttingen im Jahr 2015. Ein Jahr habe die Familie in einer Wohnung im Maschmühlenweg gewohnt, erzählt sie. Doch dort gab es einen Wasserrohrbruch, weswegen die Familie ausziehen musste. So kamen sie wieder ins IWF, dort, wo die Familie erneut beginnen muss, sich einzuleben. Amtlich wird die Familie aufgefordert, sich eine neue Wohnung auf dem freien Markt zu suchen. Eine Liste von Vermietern liegt dem Schreiben der Stadt Göttingen bei.
Shirin lächelt fröhlich – trotz alledem, denn in einem Punkt hat sein Herz Ruhe gefunden. Er weiß, dass seine Kinder an diesem Ort sicher sind - so viel hat ihm Deutschland bereits gegeben. „Das ist viel“, sagt er dankbar.
Die Kinder im Alter von 16, 14, zwölf, zehn, acht und sechs Jahren gehen zur Schule. Die drei ältesten Kinder besuchen sogar das Gymnasium. Shirin war ein solches behütetes Leben in seinem Heimatland nicht vergönnt. Im Alter von 15 Jahren verlor er während der sowjetischen Intervention in Afghanistan bei einem Bombenanschlag in Kabul seine beiden Beine. Heute sitzt der 50-Jährige im Rollstuhl. Die Situation im Land habe sich verschlechtert, sagt er. Immer wieder gibt es Anschläge und Angriffe auf Sicherheitskräfte. Laut eigenen Aussagen werde Shirin  zudem von den Taliban verfolgt, weil er mit den USA kooperiert  habe und sich angeblich an Behindertenunterstützung bereichert haben soll. Um das zu beweisen, zeigt er einige Papiere, die das belegen sollen.
Die Familie Dendarzada musste, so erzählt der Familienvater, das Land verlassen. Im Jahr 2015 gelang allen die Flucht. Zusammen mit seiner Ehefrau und seinen sechs Kindern ging es zunächst per Flugzeug in die Türkei. Von dort verlief die Flucht per Schiff nach Griechenland und schließlich über die Balkanroute nach Deutschland. 24 000 Dollar habe Shirin an die Schlepper gezahlt. Doch in Deutschland ging es weiter: Über Stationen in Hamburg und Berlin kam die Familie schließlich nach Göttingen in der Hoffnung auf Anerkennung des Asylantrages.
Die Stadt Göttingen unterstützt die Familie finanziell. Die Kosten für Unterkunft werden zusätzlich getragen. „Die Dendarzadas sind Selbstversorger und müssen sich ihre Lebensmittel selber kaufen“, berichtete der Leiter des Flüchtlingsheimes Jawed Yazdani. Seit 1996 arbeitet der gebürtige Afghane in der Flüchtlingssozialarbeit. Das Schicksal der Familie Dendarzada sei nicht ungewöhnlich. „Viele haben solche und ähnliche tragischen Geschichten über ihre Flucht zu berichten“, sagt er. Yazdani versucht deshalb allen zu helfen, wenn es irgendwie geht. Unterstützt werde der auf den Rollstuhl angewiesene Shirin im IWF vor allem mit einem rollstuhlgängigen Aufgang zu den Wohnräumen sowie einem behindertengerechten Bad. Seine Kinder bekommen zudem Hilfe von einer Erzieherin in der Schule, die im Flüchtlingsheim arbeitet.

Von Bernard Marks

Afghanische Flüchtlinge

In Göttingen leben zur Zeit 298 Flüchtlinge aus Afghanistan. Davon befinden sich 164 in laufenden Verfahren, 69 haben bereits einen Ablehnungsbescheid, leben aber mit Duldung. Im Landkreis Göttingen leben 306 afghanische Flüchtlinge, von denen 24 eine Anerkennung als Flüchtling haben, 21 nur im Besitz der Duldung sind. Derzeit gilt für die Menschen mit Duldung ein Abschiebestopp. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat sich am Wochenende gegen einen generellen Abschiebestopp für Flüchtlinge ausgesprochen. Dies gelte auch für Flüchtlinge aus unsicheren Herkunftsstaaten wie Afghanistan. Wer nicht straffällig werde oder kein Gefährder sei, habe nichts zu befürchten und schon durch das Duldungsrecht eine reelle Chance, sich in Deutschland zu integrieren. Nach einem Terroranschlag Anfang Juni  in Kabul hatte sich die Bundesregierung dafür ausgesprochen,  Afghanen vorerst nur in begrenzten Fällen in deren Heimat zurückschicken. bib

Rund 4300 Flüchtlinge leben in Stadt und Landkreis Göttingen

Am 20. Juni ist  Weltflüchtlingstag  - ein von den Vereinten Nationen eingerichteter Aktionstag. Wie viele Flüchtlinge leben in der Region und wo kommen sie her? Die regionalen Zahlen zum UN-Aktionstag:

  • Wie viele Flüchtlinge leben in der Region?
    In der Stadt Göttingen leben derzeit 2385 Flüchtlinge, im Landkreis Göttingen sind es 1976. Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge ist gesunken. Waren es von August bis Dezember 2015 noch 568  Flüchtlinge, die in der Stadt ankamen, so waren es im ersten Halbjahr 2017 noch 175 Personen, die der Stadt, und 56, die dem Landkreis zugewiesen wurden. Den Trend bestätigt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in einer aktuellen Veröffentlichung. Demnach ist die Zahl der „Einreisen von Asylsuchenden“  nach Deutschland bereits im Jahr 2016 deutlich zurückgegangen: von rund 890 000 im Jahr 2015 auf etwa 280 000 im Jahr 2016.
  • Aus welchen Ländern kommen derzeit die meisten Schutzsuchenden?
    In der Stadt Göttingen, so Verwaltungssprecher Detlef Johannson, stammen die meisten der aktuell einreisenden Flüchtlinge aus Syrien, gefolgt von Menschen aus dem Irak und Afghanistan. Im Landkreis Göttingen sind es nach Angaben von Sprecher Ulrich Lottmann ebenfalls Syrer, die die größte Gruppe stellen, gefolgt von Menschen aus Eritrea und Afghanistan.
  • Wieviele der Menschen sind bereits anerkannte Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsgenehmigung, wie viele Asylanträge wurden abgelehnt?
    In der Stadt Göttingen leben 1023 Menschen, deren Asylantrag positiv entschieden wurde, sie haben ein gesichertes Aufenthaltsrecht. Die Verfahren von 778 Flüchtlingen laufen noch. Die Bearbeitungszeit des BAMF für einen Asylantrag liegt nach Angaben der Behörde „regelmäßig“  zwischen drei und sechs Monaten, oftmals kann es auch länger dauern. Liegen keine Asyl- oder Schutzberechtigungsgründe und auch keine Abschiebungsverbote vor, lehnt das BAMF den Asylantrag ab - der Bewerber wird zur Ausreise aufgefordert. Das droht derzeit 585 Menschen in der Stadt Göttingen. Von den 2000 Flüchtlingen im Landkreis haben etwa 800 eine gesicherte Aufenthaltserlaubnis. Abgelehnte Anträge aber Duldungsstatus haben 545 Bewerber. Dazu kommen in der Stadt Göttingen noch  64 minderjährige unbegleitete Asylbewerber. Sie genießen einen besonderen gesetzlichen Schutz.
Leben zunächst in der Flüchtlingsunterkunft Siekhöhe: Die beiden afghanischen Frauen Lina und Parwin Afshat.

Leben zunächst in der Flüchtlingsunterkunft Siekhöhe: Die beiden afghanischen Frauen Lina und Parwin Afshat.

Quelle: Heller
  • Wo leben die Flüchtlinge?
    In der Stadt Göttingen leben knapp 1300 der Flüchtlinge in städtischen Unterkünften, die anderen in privaten Wohnungen.  Im Landkreis Göttingen gibt es Unterkünfte in Wollershausen und Hann.Münden. Dort sind 114 und 32 Wohnplätze vorhanden, belegt sind nach Angaben von Verwaltungssprecher Lottmann 84 in Wollershausen und 15 in Hann.Münden. In der Stadt Göttingen verteilen sich die Flüchtlinge auf demnächst noch rund zehn Unterkünfte. Die größte ist die Unterkunft an der Siekhöhe mit 200 Plätzen, gefolgt vom Wohnhaus an der Europaallee mit 280 und den Zietenterrassen mit 174 Wohnplätzen. Auch in der Stadt Göttingen ist keine der Wohnanlagen derzeit voll belegt.
  • Wieviel Geld bekommt ein Flüchtling?
    Bei einer Unterbringung in einer Aufnahmeeinrichtung, in der die Menschen weitgehend versorgt werden, beträgt der Geldbetrag zur Deckung des persönlichen Bedarfs monatlich 135 Euro. Kinder erhalten je nach Alter 79 bis 83 Euro. Bei einer Unterbringung außerhalb von Aufnahmeeinrichtungen bekommt ein Alleinstehender 216 Euro für den persönlichen Bedarf.
  • Wie viele Menschen kommen im Erstaufnahmelager in Friedland an?
    Im Jahr 2015 waren es 21453 Flüchtlinge die im Lager Friedland aufgenommen wurden. „2016 sank die Zahl bereits auf 4908“, sagt Heinrich Hörnschemeyer, Leiter der Einrichtung. Als die Balkan-Route geschlossen wurde, seien die Zahlen drastisch zurückgegangen. In diesem Jahr waren es 1081 Flüchtlinge, die von Friedland bundesweit verteilt wurden.
  • Wie viele so genannte „Resettlement“-Flüchtlinge kommen?
    „Am Dienstag erwarten wir 250 Resettlement-Flüchtlinge“, so Hörnschemeyer. Die Menschen kommen mit dem Flugzeug aus der Türkei. Diese Flüchtlinge haben bereits dort ein Verfahren durchlaufen und reisen mit einer Aufenthaltszusage ein. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und das BAMF prüfen bereits in der Türkei, ob die Bewerber eine Perspektive haben, dann dürfen sie einreisen. 2016 waren es nach Angaben Hörnschemeyers 1208 Asylsuchende, in diesem Jahr bereits 1179.
  • Wer kommt in Friedland an?
    Das Lager Friedland bietet Platz für 800 Menschen. Die meisten Asylsuchenden kommen derzeit aus dem Irak, Syrien und dem Iran. Dazu kommen noch die Spätaussiedler aus Kasachstan und der Russischen Föderation. Deren Zahl stieg 2016 leicht auf 6613 an (2015: 6089). Auch für dieses Jahr rechnet Hörnschemeyer mit ähnlichen Zahlen wie im Vorjahr. bib
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