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Wenn Mama traurig ist, helfen die Paten

Thema des Tages Wenn Mama traurig ist, helfen die Paten

Es gibt Tage, da können sich Eltern nicht um ihre Kinder kümmern. Vor allem, wenn Vater oder Mutter wegen psychischer Krankheiten plötzlich ausfallen – und das immer wieder. ?Das hat auch Auswirkungen auf die Kinder, denen in dieser Zeit eine verlässliche Konstante fehlt. Für diese Fälle vermittelt die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Göttingen Patenschaften ?für Kinder psychisch kranker Eltern. Eine feste Bezugsperson außerhalb der Familie ?soll durch gemeinsame Erlebnisse die Kinder stärken.

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Freuen sich über die Unterstützung der Paten: Sandra Müller und ihr Sohn Hamza (8).foto: Mischke

Göttingen. Wenn es der Mama nicht gut geht, tröstet Hamza sie. Aber nicht immer, denn für den Achtjährigen ist das eine normale Situation. Sandra Müller ist oft müde, schlapp und antriebslos. Sie leidet an Depressionen. Doch von ihrer Krankheit lässt sich die dreifache Mutter nicht kleinkriegen. Sie  sucht Hilfe bei den Awo-Paten – für ein Stück Normalität in Hamzas Leben.

Lesen mit Pettersson und Findus

Immer mittwochs holen Tanja* (32) und Hans* (36) ihr Patenkind um halb fünf ab. Seit Dezember 2015 zeigen sie ihm eine andere Welt, die nichts mit der Traurigkeit und Überforderung der alleinerziehenden Mutter zu tun hat. Auch nicht mit Tablet- und Handyspielen, in die sich Hamza gerne flüchtet. Bei den Paten ist alles echt: „Wir spielen Spiele, gehen raus oder pflanzen etwas im Garten“, erzählt Hamza. Sein Lieblingsspiel? „Das Meeresquartett“, sagt der achtjährige Junge. Und seine Lieblingskarte? „Der Blauwal.“ Außerdem übt er mit Tanja und Hans in dem Buch „Pettersson und Findus“ lautes Lesen.

Eier sammeln und Hühner füttern

Wenn es regnet, spielen sie drinnen. Hamza hat ein eigenes Lego-Technik-Set: „Wir haben jetzt ein großes Auto gebaut“, berichtet der Junge stolz. Manchmal bringt er auch etwas mit nach Hause. Das war im vergangenen Jahr eine Tomatenpflanze, die er gerettet hat. Gerade hat er mit Hans aus Zweigen einen Bogen gebastelt. Der Junge ist mit seinen Paten oft draußen. Das Patenpaar wohnt sehr ländlich, so dass es immer jede Menge zu entdecken gibt. Hamza hilft im Garten, füttert die Hühner und sammelt Eier. „Die gibt‘s dann immer abends“, erklärt der Drittklässler.
Seiner Mutter ist es wichtig, dass ihr Sohn eine männliche Bezugsperson in seinem Leben hat. Jemanden, „mit dem man Jungsprobleme besprechen kann“, sagt sie. Denn Hamzas Zuhause ist fest in Frauenhand, in dem außer seiner Mutter noch die beiden Schwestern Leila (6) und Alica (5) leben.
Sein leiblicher Vater kommt manchmal zu Besuch, doch meistens ist die 41-jährige Göttingerin mit ihren drei Kindern allein. „Es war mir ganz wichtig, dass er einen männlichen Paten bekommt“, sagt Müller. „Da hat er einen Platz, sich gut zu entfalten.“

Immer glücklich zurück

„Ich bin immer müde“, beschreibt sie die Auswirkungen ihrer Depression. Als die Kinder noch kleiner waren, brauchte sie täglich mindestens zweieinhalb Stunden Anlauf, um rausgehen zu können. „Umso wichtiger ist es, dass es meinem Sohn gut geht“, sagt seine Mutter.
Hamza hat nicht immer Lust, die Paten zu besuchen. Doch er komme jedes Mal glücklich zurück, erzählt Müller. Ihr Zustand sei inzwischen stabiler. Sie kann sogar täglich eine Stunde arbeiten und jobbt als Mensaaufsicht in Hamzas Grundschule. Das klappe, seit sie medikamentös „richtig eingestellt“ sei. „Im Sommer geht‘s mir besser“, sagt sie mit Blick auf die kommenden Monate und erzählt von Ausflügen, die sie mit ihren Kindern unternehmen möchte. „Doch es gibt Zeiten, da geht nur die Grundversorgung“, sagt Müller. Dann heißt es wieder, „Mama geht‘s halt nicht so gut.“ Es habe schon seinen Grund, warum Hamza Paten hat, sagt sie.
*Die Namen der Paten wurden geändert.

Ein Bilderbuch

„Papa Panda ist krank“ ist ein Bilderbuch für Kinder mit einem depressiven Elternteil. Die Göttingerin Anne Südbeck hat es geschrieben, als sie sich auf die Tätigkeit als Patin für Kinder psychisch kranker Eltern vorbereitet hat. Das Buch ist 2016 im Mabuse-Verlag erschienen und kostet 16,95 Euro. wes

Ein Nachmittag nur für Marie

Eine Konstante für ein Mädchen: Anne Südbeck betreut als Patin die zehnjährige Marie

Wenigstens einmal pro Woche kann die zehnjährige Marie* unternehmen, wozu sie Lust hat. Dann geht sie mit ihrer Patin ins Kino, schwimmen, oder sie basteln. Sonst macht das mit Marie niemand. Ihre Mutter ist weg und der Papa immer sehr traurig. Er hat Depressionen - und die Awo Göttingen unterstützt die Familie mit ihrem Patenprojekt. Anne Südbeck betreut Marie seit vier Jahren. Das Mädchen ist ihr inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Ihr Engagement entstand eher zufällig: Sie las eine Zeitungsanzeige über das Patenprojekt, informierte sich bei der Awo und wurde schnell mit Marie zusammengebracht.

Marie erzählt viel

Bei der Patenschaft interessierte Südbeck vor allem die Komponente der psychisch kranken Eltern. Sie hatte sich bereits im Vorfeld mit der Krankheit Depression beschäftigt und darüber sogar ein Kinderbuch verfasst. Südbeck will Marie vor allem „die Aufmerksamkeit geben, die sie sonst nicht bekommt“. Immer montags von 16 bis 19 Uhr unternehmen die beiden alles, was das kleine Mädchenherz höher schlagen lässt. Marie liebt es, im Sommer auf dem Fahrrad unterwegs zu sein oder ins Freibad zu gehen. Im Winter backen sie Kekse, basteln und spielen am liebsten „In zehn Tagen durch Deutschland“. Alles Dinge, die auch der 30-jährigen Patin gefallen. Marie erzählt viel. Von der Schule, den Jungen – und dem traurigen Papa.

Der sich immer zurückzieht und am Computer spielt. Und auf den sich Marie nicht verlassen kann, weil er seine Versprechen meistens nicht hält. Manchmal bekommt Marie Ärger in der Schule, weil ihr Hefte fehlen, die ihr Vater nicht gekauft hat. Doch der Austausch und die Unternehmungen mit der Patin helfen ihr. „Damit sie eine Konstante hat, die sich durchzieht“, erklärt Vanessa Kalvelage, die bei der Awo Göttingen für das Patenprojekt zuständig ist. Marie musste früh lernen, auf den eigenen kleinen Füßen zu stehen. Zur Schule geht sie seit der ersten Klasse alleine, und zu Hause muss sie viel helfen.

Bei zwei älteren und zwei jüngeren Stiefgeschwistern bleibt für das Mädchen wenig Zeit. „Natürlich ist das manchmal auch traurig, was sie erzählt“, erklärt Südbeck. Als die beiden an einem Montag ein Café besuchten, zeigte Marie auf den ausgestellten Kuchen und sagte: „Die Torte ist lecker. Die hab ich mir zu meinem Zeugnis gekauft.“ Die Patin hilft ihrem Schützling zwar oft, will in der gemeinsamen Zeit aber nicht nur Besorgungen erledigen. „Die Zeit ist für Marie“, sagt sie, auch wenn die Gratwandwerung oft schwierig ist. Ziel der Patenschaft ist, dass die Kinder auch eine Bezugsperson außerhalb der Familie erleben. „Die Paten sollen die Kinder in den eigenen Alltag mitnehmen und Welten eröffnen, die sie vielleicht nicht auf dem Schirm hatten“, sagt Kalvelage. Bei Geburtstagen oder Familienfeiern ist die Patin nicht dabei.

Ein Geben und Nehmen

Das ist auch so gewollt: „Damit es keine Fläche für die Eltern gibt, den Paten für sich zu nutzen“, erklärt Kalvelage. Für Marie sind die Treffen ein wertvolles Geschenk. Als die Patin einmal wegen Krankheit länger ausfiel – sie brach sich beim Karussellfahren mit Marie die Schulter – notierte ihr kleiner Schützling genau die Anzahl der fehlenden Treffen, damit sie alle nachgeholt werden konnten. Die Patenschaft ist nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen. Zu einem Geburtstag schenkte Südbeck Marie einen kleinen Tresor. Wenn Südbeck unterwegs ist, schickt sie ihr von Reisen bunte Postkarten. Auf die Frage, was denn Marie Wertvolles in ihrem Tresor aufbewahre, antwortet diese: „Na, deine Postkarten!“

*Der Vorname des Mädchens wurde geändert.

Paten gesucht

So kommt eine Patenschaft zustande: Die Beteiligten durchlaufen eine Art Bewerbungsverfahren. Dabei achten die Awo-Mitarbeiter vor allem auf gemeinsame Interessen. Nach einem Hausbesuch von Mitarbeitern der Awo beim angehenden Paten gibt es ein Kennenlerntreffen mit Kind und Eltern. Anschließend folgt ein Probetreffen.

Wenn bei beiden „die Chemie stimmt“, wie Awo-Sozialarbeiterin Vanessa Kalvelage erklärt, und der Pate ein Führungszeugnis vorgelegt hat, wird für mindestens ein Jahr eine offizielle Patenschaft geschlossen. Schulungsprojekte bereiten den Paten auf den Umgang mit den psychischen Erkrankungen der Eltern vor. Außerdem gibt es außer der kontinuierlichen Begleitung und Beratung während der Patenschaft eine externe Supervision und eine Aufwandsentschädigung. Die Awo Göttingen sucht zurzeit Paten. Genauere Informationen gibt es bei Vanessa Kalvelage von der Awo Göttingen unter Telefon 05?51?/?38?44?58?50 und per E-Mail an v.kalvelage@awo-goettingen.de. wes

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