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„Traurige und brutale Botschaft“

US-Amerikaner aus Göttingen zu Trumps Wahlsieg „Traurige und brutale Botschaft“

Die Reaktionen in Göttingen lebender US-Amerikaner auf den Ausgang der Präsidentenwahl reichen von ungläubiger Überraschung über ernste Befürchtungen für die Zukunft bis zu Entsetzen. „Ich war Mittwochmorgen im Schock“, sagt Ben Sandidge. „Das ist nicht zu verstehen.“

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Amerika hat entschieden: Donald Trump wird ihr neuer Präsident.

Quelle: dpa

Göttingen. Den ehemaligen Hochschullehrer und Göttinger Vorsitzenden von Democrats Abroad, der Auslandsorganisation der Demokratischen Partei in den USA, erstaunt vor allem das Wahlverhalten vieler Wählerinnen: „Da haben sie eine Chance, zum ersten Mal eine kompetente und erfahrene Frau zur Präsidentin zu wählen, und dann tun sie das einfach nicht.“ Stattdessen komme jetzt mit Donald Trump ein Mann ans Ruder, der viele seiner Versprechen im Wahlkampf gar nicht halten könne: „Die Mauer zwischen den USA und Mexiko, eine Einreisesperre für Muslime, Hillary Clinton hinter Gitter – das ist unseriös, und verstößt ganz klar gegen amerikanische Prinzipien.“

"Die Schlammschlacht des Wahlkampfs ist beendet. Trumps Erfolg ist die verzögerte rechte Antwort auf die Finanzkrise. Mit Trump stehen die USA – und der Rest der Welt – vor einer Phase der Ungewissheit. Dieser Unsicherheitsfaktor wird die transatlantischen Beziehungen belasten. Dabei wäre die Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA gerade angesichts der weltweiten Krisen besonders nötig."

Jürgen Trittin,

Bundestagsabgeordneter der Grünen

Quelle: Archiv

Als besonders übel empfindet Sandidge, dass es so aussieht, als habe Hillary Clinton zwar mehr Stimmen als Trump erhalten, die Wahl aber dennoch verloren: „Die Mehrheit geht an den Verlierer.“ Schuld sei das Wahlmänner-System in den USA: „Ich war schon immer für ein Gesetz, das die Bundesstaaten ihre Wahlmänner verpflichtet, bei ihrer Schlusswahl des Präsidenten proportional, also als Mehrheitswahlrecht abzustimmen.“ Schuld daran, dass dem Wahlsieger in einem Bundesstaat stattdessen alle Wahlmänner-Stimmen zufallen, sei „die Trägheit des Systems“, meint Sandidge: „Das Establishment tut alles dafür, dass das so bleibt.“

Scott Gissendanner, ehemals Professor für Politikwissenschaften an der Göttinger Universität, befürchtet, mit der Wahl Trumps sende Amerika „eine traurige und brutale Botschaft“ an die Welt: „Die Politik in den USA hat ihre Grundlage einer gemeinsamen Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit aufgegeben.

"Ich bin persönlich erschrocken über den Ausgang der Wahl. Eine Präsidentschaft von Donald Trump kann negative Konsequenzen für das amerikanische Wissenschaftssystem haben. Ich mache mir außerdem Sorgen, wie sich die neue amerikanische Außenpolitik auf die internationalen Beziehungen und die globale Entwicklung auswirken wird."

Ulrike Beisiegel,

Präsidentin der Georg-August-Universität

Quelle: Archiv

Unser Vertrauen in aufgeklärte politische Institutionen ist tot, und das bedeutendste Experiment einer großangelegten Demokratie in der Geschichte der Menschheit steht vor dem Scheitern.“ Der Politologe erwartet, dass die Bereitschaft der USA, seine europäischen und pazifischen Allierten gegenüber Russland und China zu stützen, schwinden werde. Die Zukunft der Nato sei jetzt unklar, Die Entscheidung in den USA gebe Putin und Erdogan einen unerhörten Auftrieb. Nach dem Ausgang der Wahl schätze er das deutsche Grundgesetz und die Entschlossenheit, es zu verteidigen, um so mehr.

„Ich habe die Wahlen bis 4 Uhr morgens am Fernseher verfolgt und konnte danach nicht so gut schlafen“, sagt Jabril Jamal, 23-jähriger Stürmer des Fußball-Landesligisten FC Grone und gebürtiger Texaner. „Ich denke, meine Landsleute haben eine Fehlentscheidung getroffen und einen Kandidaten gewählt, der spaltet, statt zu versöhnen.“ Er habe gewusst, dass es in den USA Rassismus gibt, aber dass er so weit verbreitet sei, habe ihn schockiert. Vor einigen Jahren sei die US-amerikanische Gesellschaft bereits einen Schritt weiter und toleranter gewesen: „Ich weiß nicht, was da jetzt gerade geschieht in der Gesellschaft.“ Er habe gehofft, dass die rassistischen Äußerungen Trumps eine Gegenbewegung provozierten. Stattdessen halte nun eine andere politische Kultur Einzug. Jamal sieht schwarz für die USA: „Ich kann es nicht ändern: Trump wird mein Präsident. Ich hoffe nur, dass er das Beste daraus macht.“

"Donald Trump ist der Gewinner der Präsidentschaftswahl in den USA. Er ist demokratisch, in freien und fairen Wahlen gewählt worden. Das Ergebnis erkenne ich an und hoffe, dass sich dadurch an der Partnerschaft mit den USA nichts ändert. Das funktioniert natürlich nur, wenn die USA und vor allem auch der neue Präsident weiterhin für die demokratischen Grundwerte eintreten."

Fritz Güntzler,

CDU Bundestagsabgeordneter

Quelle: HW

Terry Schofield, Basketballtrainer der ASC-Meistermannschaften in den 1980er Jahren,  lebt schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Der Angersteiner hatte Trumps Sieg befürchtet: „Dieser Wahlausgang ist nicht nur schade, er ist auch gefährlich. Trumps Wahlkampagne war wie Reality-Fernsehen. Niedriger ging es nicht. Das war nur heiße Luft, er hat viele Versprechungen gegeben, die er niemals realisieren kann. Wahrheit hat keine Rolle gespielt. Das war alles Rhetorik und Angeberei, über Konzepte wurde nicht gesprochen.“ Schofield fragt sich, was Trump mit Bundesstaaten wie Ohio machen wird: „Die erwarten jetzt natürlich etwas von ihm.“ Erst vor drei Wochen war der 68-Jährige auf Heimatbesuch in Los Angeles und hat die Atmosphäre dort als „sehr angespannt“ empfunden. „Ich teile nicht die Meinung meiner Verwandten. Ich habe auch gewählt, aber es hat nichts genutzt.“ Schofield ist gespannt darauf, was in den USA nun geschieht. „Ich bin froh, dass ich hier lebe“, sagt er.  

Von Kathrin Lienig, Matthias Heinzel und Eduard Warda

Näder: "Ohweia. Trump."

In der Region gibt es zahlreiche Unternehmen, die auch international tätig sind. Wie bewerten die Akteure der Wirtschaft den Trump-Sieg?

Hans Georg Näder, Chef des international agierenden Unternehmens  Ottobock kommentiert das Wahlergebnis wie folgt: "Ohweia. Trump. Armes, reiches Amerika. Das Wahlergebnis zeigt eine fundamentale Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Es ist ein klares Votum für den Wandel und gegen das politische Establishment in Washington. Hillary Clinton hat nicht die Herzen der Wähler erreicht. Rechtspopulisten sind weltweit auf dem Vormarsch. Das macht Angst. Ich gehe davon aus, dass die Realität im politischen Tagesgeschäft Trump schnell einholen wird."

Der Göttinger Unternehmer Steven Ruhstrat (Firma Ruhstrat) sagt:  "Für mich persönlich resultiert das Wahlergebnis aus der Unzufriedenheit der Wähler mit den politischen Strukturen in den USA. Ich hoffe aber, dass es wieder mehr US-Bürger aus der Basis der Bevölkerung dazu motiviert, sich für Politik zu interessieren und aktiv einzubringen.

Als Unternehmer in Deutschland und US-Amerikaner bin ich natürlich daran interessiert, dass sich die Beziehung zwischen den USA und Europa nicht nachhaltig verschlechtert." Donald Trump, so Ruhstrat weiter, werde lernen müssen, wie Politik tatsächlich funktioniert. Um erfolgreich zu sein, müsse man nach Ansicht des Göttingers  in der Lage sein, Brücken zu bauen statt sie  nur rhetorisch einzureißen. Ruhstrat: "Leider hat Donald Trump im Wahlkampf einige Aussagen gemacht, die man mit Sorge betrachten muss. Hier hoffe ich, dass durch das politische System im Kongress das Land vor unüberlegten Entscheidungen bewahrt wird." ne/wes/bib

"Es ist schockierend und deprimierend", sagt Cynthia Bunker. "Trump hat eine krude populistische Kampagne geführt, die auf Lügen, Verdrehungen und Panikmache gründete, und er hat die ökonomischen Ängste der weißen unteren Mittelklasse ausgenutzt", meint die 55-Jährige. Neben der Mitteilung des FBI über die erneute Untersuchung von Hillary Clintons E-mail-Problem, "die Clinton ganz sicher wichtige Prozentpunkte gekostet hat", hätten auch die Medien negativen Einfluss gehabt: Clinton habe als angeblich langweilige Person wenig Aufmerksamkeit bekommen, während der polarisierende Trump "immer gut für Millionen von Clicks, Schalgzeilen und Werbegeld" war.

Von dem Wahlausgang sei sie auch persönlich betroffen. "In einem immer polarisierenderen politischen Umfeld habe sie sich seit Jahren mit Anfeindungen und Provokationen im persönlichen Umfeld auseinandersetzen müssen: "Ich nehme an, das wird sich jetzt verschärfen."

Auch für Afro-Amerikaner werde das Leben in den USA schwieriger werden, erwartet Bunker Und international werde der Wahlsieg Trumps "reaktionäre Politiker und Gruppen stärken, zum Beispiel die Hardliner im Mittleren Oste, besonders im Iran". Die Folgen: "Destabilisierung und Isolationísmus."

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016