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„Der Kalk frisst alles“

Trinkwasser „Der Kalk frisst alles“

Einige Kommunen fördern Trinkwasser aus eigenen Brunnen. Doch das ist mitunter so hart, dass über Kalkablagerungen geklagt und weiches Wasser gefordert wird. In Friedland war das so, in Gleichen ebenfalls, und auch im Flecken Bovenden. Dort gibt es am 24. September eine Einwohnerbefragung zum Thema.

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Frank Räuschel, Inhaber mehrerer Textilpflege-Filialen, darunter eine in Bovenden, zeigt einen „komplett vom Kalk durchgefressenen“ Heizstab, den er aus einem Dampferzeuger ausbauen musste.
 

Quelle: Arne Bänsch

Bovenden.  Hartes Ringen um weiches Wasser“ – das war eine der Tageblatt-Schlagzeilen während der kontroversen Diskussion um den Bau einer Enthärtungsanlage für die Gemeinde Friedland. Während der Wasserverband Leine-Süd für das Rosdorfer Gemeindegebiet im Bereich Tiefenbrunn bereits seit 2012 eine Wasserenthärtungsanlage durch Nanofiltration betreibt, wurde die geplante zweite Anlage für das Friedländer Gebiet zwar per Bürger-Votum von 75 Prozent der Stimmberechtigten befürwortet, die Umsetzung aufgrund der Klage einer Bürgerinitiative aber ausgebremst. Inzwischen sei Einigkeit mit der Initiative erzielt worden, und das Ergebnis der Meinungsumfrage könne in die Entscheidungsfindung des Rates eingehen, heißt es auf der Internetseite des Wasserverbands.

Auch in der Gemeinde Gleichen bewegen Härtegrad und Nitratgehalt im Trinkwasser die Einwohner. Immerhin zwischen 19 und 24 Grad deutscher Härte (°dH) hat das Wasser in einigen Ortschaften, sodass auch hier der Wunsch nach weicherem Wasser und der Ruf nach einer Bürgerbefragung laut geworden ist. Während in Gleichen noch diskutiert wird, können die Einwohner im Flecken Bovenden nach 2008 jetzt schon zum zweiten Mal abstimmen.

„Hart“ und „Weich“ gestrichen

Seinerzeit entschied sich die Mehrheit für die Beibehaltung des Status quo. Die SPD-Fraktion im Bovender Gemeinderat hatte 2016 aufgrund „neuer Erkenntnisse“ die Diskussion um weiches Wasser erneut angestoßen und die Nanofiltration ins Gespräch gebracht. Im Gemeinderat gab es zwar eine Mehrheit für eine erneute Einwohnerbefragung, doch für die vom Wasserverband Leine-Süd angewandte Technik der Wasserenthärtung als mögliche Antwortoption fand sich keine Mehrheit. In der abschließenden Abstimmung zur Einwohnerbefragung setzte die Mehrheitsgruppe im Rat aus CDU, Freien Wählern und Grünen dann sogar durch, die Begriffe „hart“ und „weich“ vom Stimmzettel zu streichen.

Wahl am Tag der Wahl

Am Tag der Bundestagswahl, 24. September, können die rund 11 500 Einwohner des Fleckens Bovenden über folgende Frage abstimmen: „Für welches Modell der Wasserversorgung im Flecken Bovenden durch die Gemeindewerke Bovenden GmbH & Co.KG sprechen Sie sich aus?“ Die Antwortoptionen sind „Bezug von Wasser von der Stadtwerke Göttingen AG“ oder „Beibehaltung der bisherigen Wasserversorgung mit Bovender Wasser“.

Das Tageblatt hat vorab einige Bovender Bürger und Geschäftsleute nach ihren Erfahrungen mit dem bisherigen Wasser befragt. Das liegt immerhin im Bereich von 20 bis 24 Härtegraden.

Duschen öfters zu reinigen

Probleme wegen des kalkhaltigen Wassers seien zum Beispiel in der Schwimmbadtechnik des Ratsburgbades Reyershausen nicht bekannt, so Erster Gemeinderat Lutz Kiefer. Allerdings müssten „die Duschen öfters gereinigt werden“, und die „Heizungsbefüllung erfolgt nur mit enthärtetem Wasser“. In den gemeindeeigenen Immobilien komme es „naturgemäß“, so Kiefer weiter, „hin und wieder zu Leitungswasserschäden. Zu welchem Anteil diese auf ,hartes Wasser’ zurückzuführen sind, lässt sich nicht genau sagen.“

Keine Probleme bei Feuerwehr

Kalk im Wasser mache den Feuerwehren in den Ortschaften des Fleckens nicht zu schaffen, sagt Feuerwehrsprecher Marcel Lahrsow. Bisher seien keine Beschädigungen, etwa bei Pumpen oder in den Tanklöschfahrzeugen, in Folge des kalkhaltigen Wassers bekannt.

Ganz anders sieht das Milic Vujaklija vom Eiscafé Venezia im Kernort Bovenden. „Kalk ist eine Katastrophe“, sagt er und begründet: „Man braucht viel mehr Chemie, um die Geräte, Filter oder Arbeitsflächen aus Edelstahl zu reinigen.“ Nach einer Saison – etwa von Februar bis November – sehe man zum Beispiel einem Heizstab nicht mehr an, „was das ist“.

Viel Geld in Wasserenthärtung zu investieren

Ähnliche Erfahrungen hat auch Frank Räuschel, Inhaber der gleichnamigen Textilpflege-Filialen in Göttingen und Bovenden gemacht. Im Vergleich zu den Standorten in Göttingen müsse er in der Filiale an der Industriestraße in Bovenden „sehr viel Geld in die Wasserenthärtung investieren, um den Kalk aus dem Wasser rauszufiltern“, sagt Räuschel. Reinigungsgeräte und Dampferzeuger benötigten Wasser. Die Heizstäbe des Dampferzeugers „setzen sich regelmäßig mit Kalk zu“, berichtet der Firmeninhaber und ergänzt: „Ich habe schon erlebt, dass die Stäbe komplett im Kalkbett verkrustet sind.“

Höherer Waschmittelverbrauch

Duschen, Haare oder Wäsche waschen, „der Verbrauch an Shampoo oder Waschmittel ist viel höher als bei Wasser normaler Härte“, sagt Susanne Wolf, die mit ihrem Mann in einem Sechs-Parteien-Haus wohnt. Gekauft hätten sie die Wohnung seinerzeit nur, weil sich die Eigentümergemeinschaft für den Einbau einer Entkalkungsanlage entschieden habe. Die Anlage reduziere den Härtegrad des Wassers auf acht bis neun. Aber abgesehen von den Anschaffungskosten fielen für Reparaturen und Wartung der Anlage pro Jahr und Eigentümer-Partei etwa 54 Euro pro Jahr an, rechnet Wolf vor: „Geld, das wir nicht dafür bezahlen, dass wir weiches Wasser haben, sondern damit unser Wasser etwas weniger hart ist.“

Wasser für Tee im Kanister aus Weende

„Das Bovender Wasser hat eine Super-Qualität“, betont Wolf, „aber der Kalk frisst ja alles.“ Und die Bovenderin nennt einen weiteren Punkt: „Man schmeckt den Salzgehalt des Wassers, weil es durch die Entkalkungsanlage läuft.“ Sie fülle sich daher Wasser für Kaffee oder Tee im Betrieb ihres Mannes in Weende in Kanister, sagt Wolf. Auch vom Putzen schildert Wolf ihre Erfahrungen, die so oder ähnlich wohl viele Bovender kennen. „Normale Kalklöser wie in der Werbung reichen nicht“, weshalb sie Essigessenz verwende, so Wolf. Nachteil: „Das stinkt wie Hulle, und man muss Handschuhe tragen.“ Außerdem mache Essigessenz auf Dauer die Armaturen kaputt. Viele der erforderlichen Reinigungsmittel täten zudem „der Ökologie nicht gut“.

Kalk als Schutz für Leitungen in Altbauten

Raimund Nolte aus Lenglern vermutet hinter dem Vorstoß in puncto Trinkwasserversorgung in Bovenden „knallharte Wirtschaftsinteressen“ und fragt: „Wer verdient denn daran?“ Für ihn sei schon jetzt klar, wie er am 24. September abstimmen werde. Für die Beibehaltung des eigenen Bovender Wassers spreche nach Ansicht des 60-Jährigen, dass die verzinkten Leitungen in den vielen Altbauten der Bovender Dörfer den Kalk als Schutz benötigten. Durch weiches Wasser, ist Nolte überzeugt, „gehen in den alten Häusern die Rohre kaputt“.

„Hart“ oder „Weich“?

Für welches Modell der Wasserversorgung im Flecken Bovenden durch die Gemeindewerke Bovenden GmbH & Co.KG sprechen Sie sich aus?

Der Aufwand, der wegen des kalkhaltigen Wassers derzeit betrieben werden müsse, ist nach Auffassung des Lenglerners zu vernachlässigen. „Ich komme mit dem bisherigen Wasser wunderbar zurecht“, betont er. Nolte bezweifelt, dass die dezentralen Brunnen Bovendens „weiterhin gepflegt werden“, wenn das Trinkwasser von den Stadtwerken Göttingen komme, denn die Gemeinde habe „ohnehin kein Geld“.

Aspekt Wasserpreis

Auf einen wichtigen Aspekt zum Wasserpreis weist Susanne Wolf hin. Zum einen zahle man für den Wasserverbrauch pro Kubikmeter, zum anderen müssten aber auch die Grundkosten einkalkuliert werden. Ihr Vergleich der Wasserpreise von den Gemeindewerken Bovenden und den Stadtwerken Göttingen habe ergeben, dass bei den Grundkosten Bovenden höher liege als die Göttinger.

Die derzeitigen Tarife in Bovenden und Göttingen: Der Arbeitspreis (Kosten für die gelieferte Wassermenge je 1000 Liter) pro Kubikmeter beträgt in Bovenden 1,52 Euro, bei den Stadtwerken Göttingen 1,74. Für einen durchschnittlichen Einfachzähler bezahlen die Kunden der Gemeindewerke Bovenden momentan einen Grundpreis in Höhe von 5,89 Euro pro Monat, Göttinger Kunden werden dafür 3,60 Euro monatlich in Rechnung gestellt. Wolf hat nachgerechnet: Bei einem Durchschnittsverbrauch von 150 Kubikmetern im Jahr zahlen Bovender zurzeit 298,68 Euro und Göttinger 304,20 Euro.

Fakten: Wissenswertes über Wasser

Das Trinkwasser in Deutschland unterliegt als Lebensmittel Nummer eins strengen Vorgaben. In aller Regel gilt die Qualität des Trinkwassers gut bis sehr gut, aber nicht immer makellos, wie die Stiftung Warentest bei einem Vergleich der Wasserqualität aus Hahn und Flasche (stilles Mineralwasser) vor einem Jahr herausgefunden hat. Und vor wenigen Tagen haben sich die Verbraucherschützer in einem Special zum Thema auch der Frage gewidmet, ob Leitungswasser besser als Mineralwasser ist.

Die Infos dazu gibt es hier: www.test.de/FAQ-Wasser-ist-Leitungswasser-besser-als-Mineralwasser-4745742-0/

Dem Umweltbundesamt zufolge werde jeweils ein Drittel des im Haushalt verwendeten Wassers für die Körperpflege und die Toilettenspülung genutzt, etwa fünf Liter würden für die Speisenzubereitung und zum Trinken gebraucht, und durchschnittlich 30 Liter pro Person und Tag werden für die Reinigung von Wäsche, Geschirr, Wohnung oder Auto verwendet.

Ob das Trinkwasser aus der Leitung „hart“ oder „weich“ ist, hängt im Wesentlichen vom Kalzium- (Ca) und Magnesium (MG)-Gehalt ab. Diese Mineralien lösen sich in Gestein oder Boden und gelangen so ins Grundwasser, aus denen Trinkwasserrbrunnen gespeist werden. Wasser, das aus Talsperren stammt, ähnelt Regenwasser und enthält vergleichsweise wenige Mineralstoffe.

In einer Trinkwasser-Broschüre des Umweltbundesamtes heißt es, dass Kalzium und Magnesium wichtige Bestandteile des menschlichen Körpers und der Ernährung seien. Wollte man aber über Trinkwasser seinen täglichen Bedarf an Kalzium und Magnesium decken, „müssten sie täglich einen Eimer Wasser trinken“. Zehn Liter Wasser hätten etwa den gleichen Effekt, wie 100 Gramm Emmentaler-Käse.

Die Broschüre stellt das Umweltbundesamt hier zur Verfügung: www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/479/publikationen/uba_rund_um_das_trinkwasser_ratgeber_web_0.pdf

Informationsveranstaltungen: Die Termine

Vor der Einwohnerbefragung über die künftige Versorgung der Gemeinde Bovenden mit Trinkwasser sind mehrere Informationsveranstaltungen geplant. Diese werden von Bürgermeister Thomas Brandes (SPD) moderiert. Als Experten stehen seitens der Gemeindewerke Bovenden der Geschäftsführer Frank Berlin und der Technische Leiter Thorsten Buschjost zur Verfügung. Die Informationsveranstaltungen beginnen um 19.30 Uhr. Die Termine sind: Spanbeck, Montag, 14. August, im Dorfgemeinschaftshaus; Billingshausen, Dienstag, 15. August, im Dorfgemeinschaftshaus; Bovenden, Montag, 21. August, im Bürgerhaus; Reyershausen, Dienstag, 22. August, im Anbau der Glückauf-Halle; Eddigehausen, Montag, 28. August, im Clubraum der Adolf-Kierschke-Mehrzweckhalle; Lenglern, Dienstag, 29. August, im Landgasthaus Fricke; Harste und Emmenhausen, gemeinsame Veranstaltung am Mittwoch, 30. August, im Sporthaus Harste.

Die Unterschiede der Bovender Alternativen

Welche Unterschiede gibt es zwischen einer Trinkwasserversorgung mit eigenem Bovender Wasser aus den drei Brunnen (und einer Quelle) und mit Wasser der Stadtwerke Göttingen? In beiden Fällen bleiben die Gemeindewerke Bovenden übrigens Versorger und Vertragspartner der Bovender Bürger. Die Informationen der folgenden Gegenüberstellung stammen von der Gemeindeverwaltung Bovenden.

Härtegrad:

Das Bovender Wasser hat zwischen 20 und 24 Grad deutscher Härte (°dH) und gilt als hart. Das hat technische Auswirkungen für verschiedene Haushaltsgeräte und Installationen. Das Wasser der Stadtwerke Göttingen liegt bei 6 bis 7 °dH und wird als weich eingestuft – ein Vorteil für Haushaltsgeräte und Installationen.

Wasserpreis:

Bleibt es beim Bovender Wasser, ändert sich der Bezugspreis für Trinkwasser nicht. Kommt das Wasser künftig von den Stadtwerken Göttingen, so wird mit einer Erhöhung um rund 40 Cent pro Kubikmeter gerechnet. Als Gründe werden ein höherer Bezugspreis und Investitionskosten genannt.

Aufbereitung:

Der Aufwand für die Aufbereitung ist beim Bovender Wasser geringer als bei einer Versorgung durch die Stadtwerke Göttingen. Hier muss das Oberflächenwasser durch Filtrationsverfahren und Zusatz eines Silikats zur Stabilisierung der vorhandenen Wasserrohre aufbereitet werden.

Sicherheit:

Die Versorgungssicherheit wird beim eigenen Bovender Wasser durch mehrere dezentrale Einspeisepunkte als hoch bezeichnet. Zudem bedeutet die Beibehaltung des Status quo eine höhere Wertschöpfung durch die Gemeindewerke Bovenden. Durch eine vertragliche Bindung an die Stadtwerke Göttingen kommt es zu einer Abhängigkeit von Dritten. Die technische Wiederinbetriebnahme der Bovender Brunnen ist aber möglich.

Beeinträchtigungen:

Kalkablagerungen durch das Bovender Wasser führen zu Beeinträchtigungen der Funktion und erhöhten Verschleiß verschiedener technischer Geräte. Beim einer Trinkwasserversorgung über die Stadtwerke Göttingen werden in Haushalten und den meisten gewerblichen Betrieben die Kleinenthärtungsanlagen überflüssig.

Weitere Auswirkungen:

Wegen des hohen Härtegrades des Bovender Wassers besteht erhöhter Reinigungsaufwand, höherer Waschmittel- und Pflegebedarf im Haushalt. Außerdem sind Zusatzmittel zur Enthärtung des Wassers erforderlich. Bei Wasser, das die Stadtwerke Göttingen liefern ist der Reinigungsauwand geringer, ebenso der Bedarf an Wasch- und Pflegemitteln im Haushalt. Zusatzmittel für die Wasserenthärtung enfallen.

Wie sich das Trinkwasser zusammensetzt, darüber informieren die Versorger im Internet.

Trinkwasseranalysen Gemeindewerke Bovenden

Trinkwasseranalyse 2017 der Stadtwerke Göttingen

Einwohnerbefragung: Frage und Antworten für den 24. September

Fast 11 500 Einwohner des Fleckens Bovenden sind am Tag der Bundestagswahl, 24. September, auch zur Abstimmung über die künftige Trinkwasserversorgung im Gemeindegebiet aufgerufen. Die Stimmabgabe ist entweder direkt im Wahllokal – im Gemeindegebiet gibt es davon 14 – oder per Briefwahl möglich. Berechtigt dazu sind Einwohner, die das 14. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens drei Monaten im Flecken Bovenden ihren Wohnsitz haben.

Die Frage, um die es geht, lautet: „Für welches Modell der Wasserversorgung im Flecken Bovenden durch die Gemeindewerke Bovenden GmbH & Co.KG sprechen Sie sich aus?“ Zwei Antwortmöglichkeiten gibt es: „Bezug von Wasser von der Stadtwerke Göttingen AG“ oder „Beibehaltung der bisherigen Wasserversorgung mit Bovender Wasser“. Die öffentliche Auszählung der Einwohnerbefragung ist am Montag, 25. September, ab 9 Uhr im Rathaus vorgesehen.

Von Britta Eichner-Ramm

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