Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Über Stock und Stein

Jahrhundertealte Tradition: Jagdreiten Über Stock und Stein

Jagdreiten hat eine jahrhundertealte Tradition. Heute wird dabei kein lebendes Wild gejagt. Die Schlepp-oder Fuchsjagden der Reitvereine bilden oftmals den Abschluss der grünen Turniersaison oder werden als herbstlicher Ausritt in der Gemeinschaft angeboten.

Voriger Artikel
Mit 480 PS über den Acker
Nächster Artikel
„Ich kann alles richtig machen und der Arsch sein“

Angeführt von den Pikören und der Böhmer Harrier Meute ziehen die Jagdreiter durch die herbstliche Landschaft rund um Holzerode.

Quelle: Richter

Holzerode. Der  Reit- und Fahrverein Holzerode richtet alljährlich eine Schleppjagd aus, zu der auch Teilnehmer aus ganz Norddeutschland kommen.

Als sich die ersten vereinzelten Reiter mit ihren Pferden auf der großen Wiese neben der Reithalle eingefunden hatten, goss es wie aus Kübeln. „Laut Wetter-App wird es in 20 Minuten besser“, zeigte sich Herbert Klengel, Organisator der Schleppjagd des Reit- und Fahrvereins Holzerode, optimistisch. Leise Zweifel meldeten sich dennoch: Ob vielleicht doch einige, vom Wetter abgeschreckt, zu Hause geblieben seien?

Schleppjagd durch die Umgebung mit festen Hindernissen.

Zur Bildergalerie

Claudia Daniel aus Adelebsen ritt ihre neunjährige Fuchs-Stute Emma im strömenden Regen warm. „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“, zitierte sie lächelnd das bekannte Sprichwort und zeigte sich ganz zuversichtlich, dass noch mehr kommen würden. Recht sollten sowohl die Reiterin als auch der Organisator behalten: Kaum hatten die Parforcehorn-Bläser der Jägerschaft Göttingen ihre Jagdhörner zum Stelldichein ausgepackt, verzog sich der Regen, und der Platz füllte sich mit rund 40 Reitern und Pferden. Die Aufregung der Tiere war zu spüren, besonders als sich die bellende Hundemeute mit den Pikören, den berittenen Begleitern der Hunde, der Gesellschaft näherten.
„Ausgebildete Piköre sind heute selten zu finden. Einige hatten eine weite Anreise, bis aus Aurich kommen sie“, erklärte Sabine Sievers vom Vorstand des Vereins Böhmer Harrier Meute. Die Piköre müssen die Hunde zusammenhalten und sie daran hindern, eine fremde Wildfährte aufzunehmen.

Ausgebildete Piköre sind heute selten zu finden.

Quelle: Richter

Die ersten Jagdsignale der Hornbläser, der „Hunderuf“ und das „Sammeln der Jäger“, ertönten, und nach Grußworten der Jagdherrin Lena Rindermann schoss der Schleppenleger in Begleitung von zwei ortskundigen Reitern los. Aus zwei am Sattel befestigten Kanistern tröpfelte die Schleppe, eine künstliche Duftmischung, der die Hundemeute folgen sollte. Mit wildem Geläut (Bellen) hetzten die Böhmer Harrier dem feinen Duft nach, gefolgt vom Reiterfeld.

„Geritten wird in zwei Feldern. Im ersten sollte man die Naturhindernisse im Gelände überspringen, im zweiten darf man auch daran vorbeireiten“, erklärte Klengel, der selbst im Geländewagen dem Tross folgte. Im Auto hatte der praktizierende Arzt nicht nur den Notfallkoffer dabei, sondern auch allerlei Ersatzteile: Zügel, Steigbügel, Sattelgurte und was sonst noch zur Ausrüstung von Ross und Reiter gehörte.

Zudem steuerte eine Trecker-Kolonne verschiedene Aussichtspunkte an. Auf Anhängern und Kremsern saßen die Zuschauer dicht gedrängt und verfolgten das Geschehen. „Wir haben ein hervorragendes Gelände rund um Holzerode. Das bietet viele Möglichkeiten für die Zuschauer“, sagte Klengel. Nach zwei Dritteln der rund 16 Kilometer langen Jagdstrecke mit insgesamt 38 Sprüngen wurde eine Pause eingelegt. Die Pferde wurden getränkt und versorgt, und die Reiter konnten sich an der Gulaschkanone stärken. Weiter ging es dann durch die herbstliche Landschaft, und zum Halali, dem letzten Hornsignal, das die Jagd beendet, trafen alle wieder auf dem Gelände des Reitvereins ein.

„Es ist unser Anliegen, die Tradition des Jagdreitens zu pflegen. Es gibt heute in Deutschland wenig Möglichkeiten für eine Schleppjagd. Daher haben wir Teilnehmer aus ganz Norddeutschland, darunter namhafte Military-Reiter und erfahrene Jagdreiter“, erklärte Klengel. Beim gemütlichen Ausklang in der Reithalle gab es dann Zeit für Gespräche und Erfahrungsaustausch.    

Böhmer Harrier

Schnelligkeit, ein ungestümes Temperament und vor allem eine gute Nase wird den Harriern nachgesagt. Die braun-schwarz-weiß gescheckten Hunde mit den Schlappohren und dem unverkennbaren Geläut (Bellen) gelten als die älteste britische Laufhunderasse. Der Name der nicht allzu großen Hunde (etwa 40 - 55 cm Widerristhöhe) leitet sich von „Hare“ (Hase)  ab. Seit dem 13. Jahrhundert wurden Harrier zur Hasenjagd eingesetzt. In der Meute waren sie über Jahrhunderte, besonders in den großen Gesellschaftsjagden im 18. und 19. Jahrhundert, beliebt. Auch in Deutschland blicken sie auf eine lange Tradition zurück. Bis zum Ersten Weltkrieg bestand fast die Hälfte aller deutschen Meuten aus Harriern, darunter die Königlich Hannoversche Meute (1815 - 1866).

Der Böhmer Harrier.

Quelle: NR

Nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert gab es kaum noch Hundemeuten. Da das Jagdreiten heute nicht mehr nur dem Adel vorbehalten ist, sondern meist über ländliche Reitvereine organisiert wird, ist auch die Zahl der Hundemeuten langsam wieder angestiegen. !n Deutschland sind 26 Meuten verzeichnet, neben Harriern auch Rassen wie Foxhounds und Beagles.

Die Harriermeute aus dem niedersächsischen Böhme stammt aus traditionsreichen englischen und irischen Meuten mit Stammbäumen, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Der Meuteverein Böhmer Harrier hat sich eine artgerechte Haltung der Hunde auf die Fahnen geschrieben. Welpen sollen schon eine Bindung zum Menschen aufbauen, indem sie eine Weile in den Privathaushalten der Vereinsmitglieder leben. Und auch alte Hunde sollen mit besonderer Zuwendung betreut werden. Zu Schleppjagden werden die Böhmer Harrier in ganz Niedersachsen und in benachbarten Bundesländern eingesetzt.

Jagden zu Pferde

Die Jagd zu Pferd auf lebendes Wild ist in Deutschland seit 1934 verboten. Zuvor war vor allem die Parforcejagd mit Pferden und Hunden auf lebendes Wild ein Privileg des Adels. Heute wird in Deutschland nur noch die Schleppjagd mit Hundemeute geritten. Die Hunde folgen einer künstlichen Duftspur, der Schleppe, die Reiter folgen den Hunden und überwinden Hindernisse.

Die Fuchsjagd (auch Fuchsschwanzjagd) ist ein Geländeritt, bei dem das Jagdfeld dem „Fuchs“ folgt, also einem Reiter, der sich einen Fuchsschwanz an die Schulter geheftet hat. Diesen gilt es vom Pferd aus zu ergattern. Die Regeln der Fuchsjagd sind regional unterschiedlich.

Bei der Beizjagd lenkt der Reiter sein Pferd einhändig und trägt auf dem freien Arm einen Greifvogel, der auf Flugwild wie Fasane, Enten oder auf Kaninchen angesetzt wird. Eine Hubertusjagd wird traditionell am 3. November, dem Namenstag des heiligen Hubertus (Schutzpatron der Jagd) abgehalten.

Vergnügen für den Adel

Seit der Antike war die Jagd zu Pferd ausschließlich dem Adel vorbehalten. Seit dem Mittelalter galt sie zudem als gesellschaftliches Ereignis. Auf Kutschen wurde der Hofstaat über Land gekarrt, um dem Vergnügen beizuwohnen. Meuten von bis zu 400 Hunden und ebenfalls hunderte spezieller Jagdpferde haben manche Jagdherren unterhalten. Um Personal, Gäste und Tiere zur Jagd zu bringen, wurden Bauern genötigt, als Fahrer und Transporteur zu dienen, oft in der Erntezeit. Zudem richteten die Jagdreiter Flurschaden an. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Bauern Ansprüche auf Schadensersatz. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Tradition des Jagdreitens weitgehend vom Militär übernommen und nach dem Zweiten Weltkrieg von Reitvereinen wiederbelebt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Das Tanz-Team des TSC-Schwarz-Gold Göttingen