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Gelesen und für gut befunden: Die Buchtipps der Tageblatt-Redaktion bringen Neuerscheinungen und auch ältere, aber weiterhin empfehlenswerte Romane, Krimis, und Sachthemen zusammen.

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Schön, talentiert, Kriegskorrespondentin

Lee Miller war vieles: schön, unabhängig, Man Rays Geliebte, begabte Fotografin, mutige Kriegskorrespondentin und damit eine Frau, die Freiheiten lebte, von denen die meisten Frauen ihrer Zeit nur träumen konnten. Millers Reportagen für die amerikanische „Vogue“ aus ihrer Zeit mit den Alliierten in Europa von 1944 bis 1945 sind in „Krieg“ mit Texten und Fotos erschienen. Lee Miller hat nach der Landung in der Normandie direkt unter den Soldaten gelebt, war bei der Befreiung Saint-Malos dabei und kam mit den Truppen nach Deutschland. Entsprechend hautnah aus dem Geschehen sind ihre Berichte verfasst; entsprechend ungefiltert hat sie die Grauen des Krieges erlebt und darüber berichtet. Manchmal sind ihre Texte und vor allem die Fotografien, etwa von den Leichenbergen im befreiten Buchenwald, nur schwer zu ertragen. Aber sie machen klar, warum Miller und viele andere den Deutschen zeitlebens nicht verzeihen konnte. Von Isabel Trzeciok

Lee Miller: „Krieg“. btb Verlag, 2015, 267 Seiten, 11,99 Euro.

Phönix aus der Asche

Die heutige politische Lage erinnert an Weimar? Alles so wie vor hundert Jahren? Wer es genau wissen will, sollte Ian Kershaws „Höllensturz. Europa 1914 bis 1949“ lesen. Mit dem riesigen Wissen und Erfahrungsschatz eines erfahrenen Historikers und gleichzeitig spannend wie einen Krimi erzählt Kershaw, wie Europa sich vor gar nicht allzu langer Zeit mehr oder weniger sehenden Auges durch Nationalismus, territoriale Ansprüche und problematische soziale Verhältnisse in die Hölle zweier Weltkriege stürzte. Er berichtet aber auch von dem wundersamen Neuanfang, vom Europa mit der Vision eines friedlichen und wirtschaftlich gesunden Zusammenlebens, das sich wie Phönix aus der eigenen Asche erhob. Mit pauschalen „Alles wie damals“-Aussagen ist man danach vorsichtig, denn gerade die vielen länderspezifischen Entwicklungen, die Kershaw beleuchtet, zeigen: Vieles mag an die Zeit vor dem Höllensturz erinnern, vieles aber eben auch nicht. Von Isabel Trzeciok

Ian Kershaw: „Höllensturz“. Deutsche Verlags-Anstalt, 2016, 300 Seiten, 14,99 Euro.

Aus einer beunruhigten Welt

Alle reden vom postfaktischen Zeitalter; klassische Informationsformate scheinen überholt. Wie aber erreicht man Menschen auf neue Art und begegnet dem Bedürfnis nach beidem: Fakten und Berührtsein? Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, macht in seinem Buch „Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt“ vor, wie es gehen kann. Seine Reportagen von aktuellen Krisenherden, von Pakistan über den Iran, von Syrien bis Lampedusa, sind fundiert und bewegen. Kermani begegnet Menschen, und das im tiefsten Sinne des Wortes. Er respektiert ihre Situation, lässt sich auf sie ein. Damit gelingt der Spagat zwischen kleiner, persönlicher Geschichte und der Komplexität des Weltgeschehens. Und gerade durch diese feinsinnig beschriebenen Begegnungen wird klar, dass schwarz-weiß-Sicht und Schubladendenken nicht weiterhelfen können. Fakten und Berührtsein – zumindest in diesem Buch ist das kein Gegensatz. Von Isabel Trzeciok

Navid Kermani: „Ausnahmezustand“. C.H. Beck Verlag, 2015, 300 Seiten, 16,95 Euro.

Die Metamorphose zur respektierten Regentin

"In Östereich ist sie bekannt, in Niedersachsen eher weniger", sagt Helga-Maria Kühn, ehemalige Stadtarchivarin in Göttingen, über Katharina von Sachsen, die von 1496 bis 1524 mit ihrem Ehemann Erich das Fürstentum Calenberg-Göttingen regierte. In ihrem Buch "Katharina und Erich I., 1496-1524 – Eine Fürsten-Ehe auf Augenhöhe" beschreibt Kühn, wie aus der unbedarften jungen Frau eine respektierte Landesfürstin wird. In erster Ehe mit dem Erzherzog Siegmund verheiratet, führte sie ein unbeschwertes Leben in Österreich, schilderten österreichische Biografen. Die niedersächsische Geschichtsschreibung übernahm dieses Bild der unbekümmerten Fürstin. Kühns Buch, jedoch, zeichnet ein Bild einer starken und klugen Frau, die mit ihrem zweiten Ehemann, Erich von Braunschweig, "eine Fürsten-Ehe auf Augenhöhe" führte. Von Alisa Altrock

Helga-Maria Kühn: "Katharina und Erich I., 1496-1524 – Eine Fürsten-Ehe auf Augenhöhe". Wehrhahn Verlag, 2016, 157 Seiten, 18 Euro.

Brillant und melancholisch: Der Fallensteller

Sasa Stanisic ist ein grandioser Erzähler. Das hat er mit seinem Roman „Vor dem Fest“, für den er unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 erhielt, bewiesen. Und er beweist es erneut in seinem Erzählband „Fallensteller“. Acht Erzählungen voller Witz und brillanten Formulierungen, aber auch melancholischen Momenten versammelt der Band. Stanisic balanciert fein ausgewogen zwischen Pointen und Einfühlsamkeit, streift ernste Themen wie Einsamkeit, Entfremdung, den Umgang mit dem Fremden. Ein alter Mann, der sich auf einem Betriebsfest als Zauberer versucht, von niemanden recht beachtet, der aber seinen Neffen für sich gewinnt; ein Justiziar und Dichter, dem die Sprache abhanden kommt; ein Fallensteller, ein geheimnisvoller Fremder, der Tiere fängt, ohne dass ihnen etwas geschieht. Von ihnen erzählt Stanisics, unterhaltsam und berührend.

Saša Stanišic „Fallensteller“. Luchterhand Literaturverlag, München 2016, 288 Seiten, 19,99 Euro.

Brennender Midi: Capitaine Blanc ermittelt

 

Bretagne, Sizilien oder Toskana: Krimis, die eine Region näherbringen, sind beliebt. Der Provence hat sich nun ein deutscher Autor angenommen – fundiert, fern jeglicher Folklore, stimmig. Geo-Journalist und Autor Cay Rademacher hat neben seinen historischen Krimis in den vergangenen Jahren eine Reihe mit dem französischen Capitaine Roger Blanc geschrieben. Der Pariser Korruptionsermittler Blanc ist von einem Staatssekretär, dem er zu nahe gekommen ist, kalt gestellt und in den Süden versetzt worden. In „Brennender Midi“ löst er seinen dritten Fall. Rademacher lebt mit seiner Familie in der Provence und lässt seine Kenntnisse der französischen Politik elegant in seine Bücher einfließen. Im dritten Band der Blanc-Reihe spielt neben dem rätselhaften Absturz eines Propellerflugzeugs auch die Frage eine Rolle, warum junge Franzosen mit Migrationshintergrund sich dem IS anschließen.   chb

Cay Rademacher, Brennender Midi. Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc, 304 Seiten, Dumont 2016, 14,99 Euro.

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