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Vereinswechsel im Jugendfußballbereich

Wie funktioniert so etwas? Vereinswechsel im Jugendfußballbereich

Stell dir vor, du bist ein talentierter Kicker und willst zu einer anderen Mannschaft wechseln, weil dein bester Kumpel da spielt. Einfach „Tschüss“ sagen und sich beim neuen Verein anmelden? Nein, so einfach ist das nicht, selbst im Jugendbereich.

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Bis zum jüngeren D-Junioren-Jahrgang hat der Verein kein Mitspracherecht - die Wechsel der Knirpse zu einem anderen Klub ist nicht zustimmungspflichtig. Foto unten: In den höheren Jahrgängen wie hier bei den A-Junioren des 1. SC Göttingen 05 (gelbe Trikots) kann der abgebende Klub seine Zustimmung zum Wechsel verweigern. Fotos: CR / SPF

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Göttingen. Auch für Junioren gilt der Transferrechner des Verbandes, zu erreichen unter nfv.de (Menüleiste, Menüpunkt „Recht“) - dabei geht es um die Höhe der Ablösesumme, die sogenannte Ausbildungsentschädigung.

Und die ist bisweilen der Grund für kleinere bis größere Streitigkeiten unter den Klubs, auch in Göttingen. Der 1. SC Göttingen 05 unterhält die höchstklassig spielenden Juniorenteams der Region. Dafür sind Trainer, Betreuer, Ausrüstung und zum Teil weite Fahrten notwendig. Kurz gefasst: Ausbildung kostet Geld.

In diesem Sommer haben einige A-Junioren den Verein verlassen. Ausbildungsentschädigungen wurden fällig, und mit den Forderungen, deren Grundlage der Transferrechner ist, stellte sich das eine oder andere verbale Scharmützel ein.

„Massive Kostenbelastung“ durch Trainer und Fahrten

„Die Ausbildungskosten bei uns im Verein übersteigen die Mitgliedsbeiträge der Spieler bei Weitem“, unterstreicht 05-Präsident Thorsten Richter und führt Jugendleiterentgelte oder Fahrtkosten an, wenn er von einer „massiven Kostenbelastung“ spricht. In den meisten Fällen werde jedoch Verständnis für die Ablöseforderung aufgebracht.

Dazu ist zu sagen, dass sich die Höhe der Ausbildungsentschädigung oftmals an einem unausgesprochenen Mittelwert der in der Region üblichen Ablösesummen orientiert. Beispiel: Ein Spieler X, der bisher in der Niedersachsenliga der A-Junioren gespielt hat, nun zu einem Landesligisten in den Herrenbereich wechselt und mindestens drei Jahre im Verein gewesen ist, schlägt laut Transferrechner mit einer Ablöseentschädigung von 2250 Euro zu Buche.

Wenn sich nun auf dem regionalem Markt eine niederigere Summe als „modus vivendi“ etabliert hat, ist Ärger programmiert: Der aufnehmende Klub regt sich über die aufgerufene Ablöse auf, der abgebende ärgert sich, weil ihm Wucher vorgeworfen wird, er aber nur nicht auf den Kosten sitzen bleiben will. Resultat: Die Freigabe wird verweigert, der Akteur ist vorerst für Pflichtspiele gesperrt.

In der Regel halten sich die Klub-Verantwortlichen aber zurück und fordern nur in den seltensten Fällen den laut Transferrechner möglichen Maximalbetrag. Ralf Tarant, der beim RSV Göttingen 05 die sportliche Leitung des Jugendbereichs innehat, gibt ein Beispiel: „Es ist ein Unterschied, ob ein Spieler wechselt oder die ganze Mannschaft. Wenn fünf bis sechs Spieler auf einmal wechseln sollen und der Fortbestand der Mannschaft gefährdet ist, muss man darauf reagieren.“

Bei einem Wechsel spielen sowohl die Liga des aufnehmenden Klubs als auch jene des abgebenden Vereins eine Rolle, genauso wie die Dauer der Vereinzugehörigkeit. „Selbst 2250 Euro decken bei Weitem nicht die Kosten, die für Spieler entstehen und in vielen Fällen seit der C-Jugend bei uns im Verein sind“, stellt Richter klar. „Die Unterdeckung pro Spieler ab der C-Jugend bis einschließlich der A-Jugend beträgt im Mittel circa 500 Euro auf den Mitgliedsbeitrag.“

„Im Allgemeinen laufen Wechsel unproblematisch ab“

Es geht aber auch anders: Die meisten Transfers gehen im Jugendbereich harmonisch und geräuschlos vonstatten, betonen Richter und Tarant unisono. Das sieht auch Oliver Eggers von der Passstelle des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) so: „Im Allgemeinen laufen Wechsel unproblematisch ab“, sagt er.

Tarant spricht von 70 bis 80 Prozent aller Wechsel, die komplikationslos sind: „Da gibt es die Freigabe, und gut so!“ Bei den anderen 20 bis 30 Prozent gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten: 1. Verhandlungen, 2. es wird nicht verhandelt, und der aufnehmende Klub zahlt die volle Summe, und 3. der abgebende Verein kreuzt „keine Freigabe“ auf dem Spielerpass an, und der Akteur ist damit bis November für Pflichtspiele gesperrt. „Schwierig wird es immer dann, wenn die Zustimmung zum Wechsel nicht erteilt wird“, unterstreicht Eggers.

„Den Umgang der Göttinger Klubs bei Wechseln von Junioren würde ich als sehr einvernehmlich bezeichnen“, sagt Richter. Was ihn allerdings störe, sei, „dass in einzelnen wenigen Fällen die Presse als Medium genutzt wird, um Druck zum Beispiel auf uns auszuüben“.

Eine gute Zusammenarbeit habe es in der Vergangenheit unter anderem mit dem FC Grone, dem SC Hainberg, der SVG Göttingen, dem Bovender SV und dem FC Gleichen gegeben. Mit dem RSV 05 seien bereits „weitergehende Lösungen“ andiskutiert worden.

Unberührt von Transferrechner und Ausbildungentschädigungen sind Wechsel bis zum jüngeren D-Junioren-Jahrgang - die Spieler können sich bei einer fristgemäßen Abmeldung frei für andere Vereine entscheiden. Erst ab dem älteren D-Junioren-Jahrgang werden Vereinswechsel seitens des abgebenden Klubs zustimmungspflichtig. „In der Regel“, sagt Richter und spielt damit auf die Tarantschen 70 bis 80 Prozent an, „werden solche Wechsel sehr unbürokratisch gehandhabt“.

Eine oft genutzte Möglichkeit nennt sich Rückwechselvereinbarung: Der Wechsel erfolgt ohne Zahlung einer Ausbildungsentschädigung, und sollte es beim neuen Klub nicht klappen, kann der Spieler problemlos zurückwechseln. Sollte der Spieler jedoch im Anschluss zu einem dritten Verein wechseln, wird die dann fällige Ablöse in der Regel zwischen den Vereinen geteilt.

Um die 250 Akteure spielen mit Zweitspielrecht

Ein Zauberwort bei Transfers im Jugendbereich ist das Zweitspielrecht - der Pass des Spielers bleibt beim Klub, Spielpraxis holt er sich bei einer Mannschaft eines anderen Vereins, für die er per Zweitspielrecht spielberechtigt ist. „Zum Glück gibt es das“, sagt Tarant, der schätzt, dass allein im NFV-Kreis Göttingen-Osterode rund 250 Akteure mit einem Zweitspielrecht ausgestattet sind.

Nach einem Jahr ist ein Wechsel in der Regel problemlos möglich, wobei die Summe der Mitgliedsbeiträge erstattet wird. Auch ein Spielertausch ist unter den einvernehmlichen Lösungen „sehr, sehr üblich“, wie Tarant betont. „Wenn ein Tausch aufgeht, ist es sowieso okay, aber auch sonst wird die Freigabe in den meisten Fällen nicht verweigert.“

Sollte einmal doch der Pfad der Harmonie verlassen werden, gibt es noch eine vierte Lösung, die allerdings bei Teams bis zur fünft- höchsten deutschen Spielklasse, im Göttinger Fall der Oberliga Niedersachsen, eher selten Anwendung findet: Der aufnehmende Klub kann den Spieler zum Vertragsamateur machen, er verpflichtet sich damit aber auch, ihm mindestens 250 Euro pro Monat zu zahlen. Zudem kommen wie bei einem normalen Arbeitsvertrag Sozialbeiträge und steuerliche Abgaben dazu.

So geschehen bei zwei Spielern, die von den A-Junioren des 1. SC 05 zur SVG gewechselt sind, Mathis Ernst und Yannick Hogreve: Die Klubs konnten sich nicht einigen, und die Schwarz-Weißen machten sie kurzerhand zu Vertragsamateuren.

Ein dritter Spieler, Torhüter Dennis Henze, fand nach einiger Suche einen alten Vertrag mit dem JFV Göttingen, auf dem die Freigabe erteilt worden war. Der JFV Göttingen ging später im 1. SC 05 auf - und damit war der Weg für Henze frei. Auch so etwas gibt’s...

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Talentscouts suchen bereits E-Junioren
Im Profizirkus ist immer mehr Geld im Umlauf. Jüngstes Beispiel dafür ist Shane Kluivert, Sohn des ehemaligen niederländischen Nationalspielers Patrick Kluivert. Der Neunjährige unterschrieb Ende Juli seinen ersten Sponsoringvertrag und ist jetzt Repräsentant des Sportartikel-Herstellers Nike.
Die Wellen des Wahnsinns sind auch an der Basis spürbar, berichtet Ralf Tarant vom RSV 05. Neulich seien zwei RSV-Kicker des Jahrgangs 2006 vom VfL Wolfsburg zum Probetraining eingeladen worden – das sei kein Einzelfall: Massiv gescoutet werde von Werder Bremen, 96, Erfurt und Leipzig.
„Wir haben tolle Fußballer, aber die gibt es in diesem Jahrgang auch woanders“, sagt Tarant, der glaubt, dass nach dem Motto „Der andere darf uns den nicht wegschnappen“ verfahren wird. „Früher wurden C-Jugendliche geholt, dann D-Jugendliche, jetzt sind es E-Jugendliche“, sagt Tarant.
„Das hat sich echt verjüngt.“ Kein Zweifel besteht für ihn, dass der Königsweg zum Profifußball in der heutigen Zeit über die Leistungszentren der großen Klubs führt – die Frage ist nur, in welchem Alter der Eintritt ins Internat sinnvoll ist.
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