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Verheißungsvoller Blick auf Manhattan

Thema des Tages Verheißungsvoller Blick auf Manhattan

50 Millionen für ein neues High-Tech-Schaufenster in der Neuen Welt: Der Duderstädter Weltkonzern Ottobock investiert in New York in ein neues Wissenschaftszentrum. Und folgt dort dem Beispiel Berlin.

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Künftiges Drehkreuz für Forscher, Entwickler und Kunden gleichermaßen: Ottobock investiert in New York 50 Millionen Euro in ein neues Wissenschaftszentrum. Als Vorbild dient dem Unternehmer Hans Georg Näder das Science Center in Berlin.

Quelle: Koch

New York. Manhattan liegt zum Greifen nah. Der Blick auf den Hochhausdschungel mit dem neuen World Trade Center und dem Empire State Building gleicht einer Verheißung. Auf dieses Gefühl spielt offenbar auch das niedersächsische Medizinunternehmen Ottobock an, das in New York ein Wissenschaftszentrum bauen will. Auf 13 Stockwerken soll künftig der neueste Stand der Orthopädie-Technik präsentiert werden.

Ottobock weltweit

Quelle: EF/Stepmap

Es geht um mehr als eine Produktschau: „Wir bauen in Brooklyn, um ein besonderes Lebensgefühl zu vermitteln“, sagt Firmenchef Hans Georg Näder, der das Industriegrundstück an der Flushing Avenue unweit der Manhattan Bridge bereits erworben hat. Menschen, die auf Hilfsmittel angewiesen sind, hätten sich früher oftmals am Rand der Gesellschaft gesehen. Heute würden Prothesenträger ihre Techniken selbstbewusst zeigen: „Der Neubau in Brooklyn ist ein Signal an die Betroffenen: Seht her, wir bewegen uns dort, wo das Leben tobt.“ Eine Botschaft, die sich das Unternehmen etwa 50 Millionen Euro kosten lässt.

 

„Think Big“ – Wer den amerikanischen Markt verstärkt in den Blick nimmt, präsentiert sich in New York.

Quelle: Koch

Als Vorbild des architektonisch anspruchsvollen Hochhauses gilt das firmeneigene Science Center am Potsdamer Platz in Berlin, das sich dem Thema Mobilität verschrieben hat. Die Mischung aus Erlebniszentrum und Seminarhaus zieht jährlich etwa eine halbe Million Besucher an.

 
In New York will das Duderstädter Unternehmen ebenfalls auf Information und Unterhaltung setzen, um Berührungsängste abzubauen – und um eine neue Offensive auf dem US-Markt zu starten. „Amerika spielt für die Orthopädie natürlich eine besondere Rolle. Hier gibt es einen riesigen Markt und ein hohes Tempo an Innovationen“, sagt der 54-Jährige. Angesichts der atemberaubenden Veränderungen bei den computergestützten Prothesen und Orthesen diene der neue Standort zugleich als Ideenbörse. Die Nähe zum kreativen Umfeld in Brooklyn ist Konzept. Hier treffen sich beim Mittagessen in einer der früheren Brauereien Mitarbeiter von kleinen Start-Up-Firmen mit Wahlkämpfern aus der neuen Hillary-Clinton-Zentrale. Die Atmosphäre zwischen alten Industriebauten und bunten kleinen Cafés erinnert an Berlin-Mitte. Afroamerikaner, Lateinamerikaner und orthodoxe Juden leben hier seit Jahrzehnten. Junge weiße College-Absolventen sind erst in jüngster Zeit häufiger zu sehen: „Wir siedeln uns in Brooklyn Navy Yard an, einem der neuen smarten Stadtviertel.“

 
Der Unternehmer muss es wissen: Der 6000-Mitarbeiter-Betrieb ist seit sechs Jahrzehnten auf dem amerikanischen Kontinent präsent. 1958 gründete Näders Vater Max in Minneapolis das erste Vertriebszentrum. Sohn Hans Georg bündelte die Aktivitäten kürzlich in Austin. In der texanischen Technologiehochburg sind etwa 250 Mitarbeiter für die Niedersachsen im Einsatz – auch um neue Kontakte zu den digitalen Zukunftsfirmen im kalifornischen Silicon Valley zu knüpfen.
Dass das Familienunternehmen so frühzeitig den Sprung über die Grenzen suchte, hat allerdings ganz spezielle Gründe: Otto Bock, der die Firma 1919 in Berlin gründete und während der unruhigen Weimarer Republik ins thüringische Königsee verlagerte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Sowjets entschädigungslos enteignet. Nach dem Wiederaufbau in Duderstadt plagte Schwiegersohn Max Näder immer wieder die Angst, ein zweites Mal alles zu verlieren. „Die wichtigsten technischen Unterlagen ließ mein Vater regelmäßig kopieren und in Österreich und in den USA lagern, um für alle Fälle gewappnet zu sein“, erzählt Näder junior.

 
Die Verlustangst von damals sollte sich auszahlen. Heute gilt die Firma in ihrer Branche als Weltmarktführer – wohl auch wegen ihrer globalen Ausrichtung. Mit den Holzstümpfen, die den Veteranen der kaiserlichen Armee das Leben erleichtern sollten, haben die Produkte nichts mehr gemein. Die Veteranen von heute besteigen mit künstlichen „C-Legs“ den Kilimandscharo in Ostafrika und fahren mit Outdoor-Rollstühlen in Virginia auf Hirschjagd. Auch in Brooklyn sollen sich die Gespräche eher um die „Michelangelo-Hand“ drehen, bei der sich die Finger einzeln bewegen lassen, oder um Roboter-Anzüge für Hirnschlagpatienten. Auch Arme, die sich mit Gedankenkraft steuern lassen, weisen in die Zukunft.
Der Blick auf Manhattan gibt offenbar die Richtung vor: „Wir wollen Menschen, die einen Schicksalsschlag erlebt haben, Aufbruchstimmung vermitteln“, so Näder. Trotz aller Einschränkungen sollen sie erkennen, was noch alles möglich ist. Der Sprung nach New York könnte dabei Motivation und Inspiration zugleich sein.

Von Stefan Koch

Constantin Nürnberger, gebürtiger Hamburger und in New York aufgewachsen (vorn), Projektmanager Florian Lanz (links) und Firmeneigentümer Hans Georg Näder.

Quelle: Koch
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