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Beauftragte für niederdeutsche Sprache ernannt

Einsatz für Plattdeutsch Beauftragte für niederdeutsche Sprache ernannt

"Wenn wir nichts unternehmen, stirbt Plattdeutsch bei uns im Landkreis in kleinen Dörfer  in fünf bis sechs Jahren aus": Das sagt Wolfgang Leopold, einer von vier neuen Beauftragten für die niederdeutsche Sprache im Landkreis Göttingen.  Er und seine drei Mitstreiter Angelika Gießke, Willi Pape und Andreas Kompart sind jetzt zum Ehrenbeamten des Landkreises ernannt worden.

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Vier Beauftragte für die niederdeutsche Sprache im Landkreis Göttingen ernannt.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Kreisrat Marcel Riethig (SPD) übereichte den vier Beauftragten ihre Urkunden. "Die Erhaltung und Wiederbelebung der plattdeutschen Sprache sind Ziele vieler Initiativen, die die Kreisverwaltung unterstützen will", so Riethig. Er selbst habe in Bovenden zwar noch Platt gehört, sprechen könne er es "bis auf zwei, drei Sprüche" aber nicht. Unterstützung bei der Erhaltung der niederdeutschen Spreche in Südniedersachsen sei Leopold zufolge dringend nötig.

"Es ist fünf vor zwölf", sagte er. Leopold ist zuständig für den Altkreis Osterode, er wohnt in Dorste. Für den östlichen Landkreis ist Angelika Gießke aus Groß Schneen, für den nordwestlichen Teil Andreas Kompart  (Adelebsen) und für den Süden des Landkreises der Hemelner Willi Pape zuständig. Die vier Plattdeutschbeauftragten sollen die Schnittstelle zwischen den Mitgliedern des Südniedersächsischen Plattdeutsch-Forums, den Paten für Plattdeutsch und der Kreisverwaltung sein. Leopold ist zugleich Vorsitzender des Forums.

 Leopold hat in seinem Heimatort eine Erhebung gemacht. Im Jahr 2013 waren es dort noch 59 Menschen, die von Haus aus Plattdeutsch sprachen, jetzt seien es nur noch 42 - "und alle sind mindestens 75 Jahre alt". Solche Analysen wünschen sich die Beauftragen für weitere Dörfer im Landkreis.

Eine von ganz wenigen Ausnahmen im Landkreis ist Hemeln, das Heimatdorf von Pape. Dort, so erzählt der 79-Jährige, wird noch ganz selbstverständlich überall Platt gesprochen, auf der Straße, im Verein, in der Kneipe und in der Schule. Hemeln ist damit neben Schwiegershausen eines der seltenen Dörfer, wo der Alltag auf Platt stattfindet. "Das gilt vielleicht für drei bis fünf Ort im Landkreis", so Leopold. Gießke, die lange als Erzieherin in Kindertagesstätten arbeite, bestätigt das. Sie beobachtet aber, dass viele Kinder großen Spaß daran haben, Plattdeutsch zu sprechen. "Im vergangenen Jahr haben  wir in Groß Schneen  die Weihnachtsgeschichte auf Platt aufgeführt", sagt sie. Ein großer Erfolg.

Noch in den 50er und 60er-Jahren sei es in Schulen in vielen Orten verboten gewesen, Platt zu sprechen. In den "vornehmen Familien" in Hemeln, so erinnert sich Pape, durften die Kinder damals kein Platt sprechen. Alle anderen aber schon. Pape hat erst Hochdeutsch gelernt, als er in die Schule kam. Platt ist zudem nicht gleich Platt. Das Ostfälische, das in Südniedersachsen bis etwa nach Lüneburg im Norden, bis an die Weser im Westen und bis an die Landesgrenzen zu Hessen und Thüringen gesprochen wird, unterscheidet sich, so sind sich die Beauftragten einig,  manchmal in einigen Wörtern von Dorf zu Dorf.

Früher galt Platt als "uncool", sagt Leopold. Heute, so trägt er es auch als Slogan auf dem T-Shirt, sei das zum Glück anders.

Dennoch sterben die, die die Sprache wie Pape von klein auf ganz alltäglich sprachen, in vielen Dörfern langsam weg. Leopold, heute 67 Jahre alt, hat das Plattsprechen erst in späten Jahren richtig erlernt. Wie viele andere Südniedersachsen konnte er es zunächst nur verstehen aber kaum flüssig sprechen. Aber das lasse sich lernen: "Plattdeutsch ist übrigens Amtssprache", sagte Leopold zu Riethig: "Irgendwann sind Sie auch an der Reihe."

Angelika Gießke

Angelika Gießke

Angelika Gießke

Quelle: Wenzel

Sie ist in Groß Schneen aufgewachsen und dort "schon fast Inventar", sagt die 64-Jährige.  "Als ich klein war, wurde auf der Straße noch überall Platt gesprochen", erinnert sie sich. "Ich fand das toll". Auch wenn zuhause Hochdeutsch gesprochen wurde, wann immer sie konnte, habe sie Platt aufgeschnappt. "Ich hatte schon immer einen Draht zu der Sprache", sagt die ehemalige Erzieherin. Vor rund 25 Jahren dann habe sie bei einer Party im Sporthaus Platt gesprochen und plötzlich gab es einige Gleichgesinnte. Aus dieser Bierlaune heraus sei zu vorgerückter Stunde die erste Plattgruppe in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein entstanden. Seit fünf Jahren ist sie in einer Gruppe in Groß Schneen aktiv, in der sich zehn bis 20 Bürger regelmäßig zur Erhaltung der plattdeutschen Sprache treffen.

Wolfgang Leopold

Wolfgang Leopold

Wolfgang Leopold

Quelle: Wenzel

Vater und Mutter hätten noch Platt gesprochen, er selber aber hat es überwiegend auf der Straße gehört. Zuhause wurde auch bei ihm Hochdeutsch gesprochen. Präsent war die Sprache aber immer. "Ich hab lange im Männergesangverein gesungen, dort haben 80 Prozent der Männer Platt gesprochen", sagt  der 67-Jährige. Erst 2013 hat  er in einem Plattdeutschen Kreis das Sprechen trainiert. "Man hört es, es holpert manchmal noch", sagt er. Umso mehr engagiert sich der Vorsitzende des Südniedersächsischen Plattdeutsch-Forums für das Niederdeutsche. In seinem Ort gehe die Zahl derer, die Platt von Haus aus sprechen, drastisch zurück, gleiches gelte für die meisten Orte im Landkreis Göttingen. Die Kinder in Dorste, die in Förste zur Grundschule gehen, hätten dort kein Angebot.

Willi Pape

Willi Pape

Willi Pape

Quelle: Wenzel

In Hemeln ist alles anders, in Hemeln spricht man überall Ostfälisch. So wie Pape, dessen ersten Worte als Kind auf Plattdeutsch fielen, Hochdeutsch lerne er später. Noch heute ist Hemeln eine Hochburg des Niederdeutschen. "Ich gehe mit einem Kollegen einmal pro Woche in die Schule in den Unterricht", sagt der 79-Jährige. "Alle in Hemeln sprechen Platt", sagt er. So wachsen auch die Kinder schon ganz selbstverständlich mit der Sprache auf.

Andreas Kompart

Andreas Kompart

Andreas Kompart

Quelle: R

Der Adelebser Kompart hat als Lehrer verschiedentlich Plattdeutsch-AGs angeboten und war in den vergangenen zwei Jahren als  Fachberater für „Die Region und Sprache“ der niedersächsischen Landesschulbehörde aktiv. Der 63-Jährige ist nun aus dem Schuldienst ausgeschieden und möchte als Beauftragter für die niederdeutsche Sprache des Landkreises mithelfen „diesen verborgenen, wertvollen und Identität stiftenden Sprachschatz unserer Region zu heben und ihn vor allem für junge Menschen interessant zu machen“.

"Wir forschen und bewahren"

Einige sprechen es, einige verstehen es, für einige ist es eine Fremdsprache: Niederdeutsch, oder auch Plattdeutsch genannt. Wie steht es um die Sprache in der Region? Das beantwortet Dr. Maik Lehmberg , wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch der Universität Göttingen.

Wohin geht der Trend? Stirbt Plattdeutsch oder gibt es eine Renaissance?

Ich denke, hier in Südniedersachsen ist die Verbreitung der niederdeutschen Sprache auf einem niedrigen Niveau stabil. Im Norden Niedersachsens und in Schleswig-Holstein sieht das anders aus, dort wird nicht nur in Grundschulen sondern auch in zahlreichen weiterführenden Schulen Plattdeutsch angeboten. Zur Kulturförderung des Landes Niedersachsen gehört auch die Förderung der niederdeutschen Sprache, die als Bestandteil in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen aufgenommen wurde. Im Norden zumindest gibt es wohl eine kleine Renaissance.

Maik Lehmberg

Maik Lehmberg

Quelle: R

Wie viele Menschen in Südniedersachsen sprechen Ostfälisch?

Das ist schwer zu sagen. Auf dem Land sind es vermutlich mehr als in der Stadt Göttingen. Ein Kollege hat für ein kleines Forschungsprojekt einmal die Fragen des Wörterbuchs in Elliehausen beantworten lassen, was sich doch als schwierig erwies. 

Was muss getan werden, um die Sprache am Leben zu erhalten?

Niederdeutsch ist keine Standartspreche, sie ist ein Dialekt oder eine Regionalsprache. Die Weitergabe erfolgt seit Generationen mündlich. Die Sprache wird überwiegend über Eltern und Großeltern weiter gegeben. Wenn das nicht mehr geschieht, wird es schwierig. Es gibt zwar Schulbücher auf Platt, aber bei den heutigen Stundenplänen konzentrieren sich Schüler eher auf das, was eine wichtigerer Rolle spielt. Immerhin ist das Vorurteil, dass Kinder, die Niederdeutsch sprechen, schlechter Hochdeutsch lernen, längst vom Tisch. Sinnvoll ist es auf jeden Fall, möglichst früh damit zu beginnen, Kindern Niederdeutsch nahe zu bringen.

Welche Angebote gibt es an der Universität Göttingen?

Gar keine mehr. Wir arbeiten im Seminar für deutsche Philologie an dem Niedersächsischen Wörterbuch. Das ist ein alphabetisch geordnetes Bedeutungswörterbuch für den Wortschatz der in den Bundesländern Niedersachsen und Bremen gesprochenen niederdeutschen Mundarten - nämlich Nordniedersächsisch, Ostfälisch und Westfälisch. Wir forschen und bewahren, Lehrangebote gibt es nicht mehr.

Wie wichtig ist Platt für die regionale Identität?

Auch hier gilt, im Norden des Landes ist das Niederdeutsch wichtiger für die Identität als im Süden. Dort gibt es beispielsweise verbreitet Gottesdienste auf Plattdeutsch. In der Region Göttingen ist auch das schwieriger zu bewerten. Zum Beispiel: Wenn Plattdeutsch Unterrichtsfach ist, welches Niederdeutsch wird dann gelehrt? Und: Wer kann überhaupt Ostfälisch, das Platt der Region, unterrichten? Ein Kollege hat vor einigen Jahren einmal einen Kurs an der Volkshochschule angeboten. Das Interesse hielt sich doch sehr in Grenzen. Aber vielleicht hat sich auch das bereits ein wenig geändert.

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