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„Schlagen will ich nicht mehr“

Warum werden junge Männer gewalttätig? „Schlagen will ich nicht mehr“

Warum werden junge Männer gewalttätig? Die Zahl der Kriminalitätsdelikte bei Jugendlichen sinkt zwar seit den 70er Jahren. Aber es sind die wenigen  extremen Fälle, die Schlagzeilen machen. Marco F. (Name geändert) ist 22 Jahre alt. Er hat zugeschlagen. Oft. Jetzt sitzt er im Gefängnis.

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Wenn junge Männer gewaltätig werden: Oft spielen Drogen und eigene Gewalterfahrungen eine Rolle.

Quelle: HAZ Archiv

Hameln/Göttingen. „In der Schule war eigentlich alles okay“, sagt er. Heute hat er 18 Einträge in seinem polizeilichen Strafregister. Darunter Raub, Drogendelikte, Diebstahl, schwere und gefährliche Körperverletzung. Statt Konflikte in seinem Umfeld mit Worten zu lösen, wurde Marco zunehmend gewalttätig. „Ich habe einfach zugeschlagen“, sagt er. Seit dem er 16 Jahre alt ist. Seit zweieinhalb Jahren ist nun nichts mehr vorgefallen, Marco verbüßt seine Haftstrafe in der Jugendanstalt Hameln, zu der auch die Göttinger Einrichtung auf dem Leineberg zählt.

„Ich war einfach immer unzufrieden“, erzählt der junge Mann. „Es gab viel Streit, viel Frust un viele Enttäuschungen in meinem privaten Umfeld.“ Dann kamen die Drogen hinzu. Alkohol, Cannabis. „Als Kind war ich gar nicht aggressiv“, sagt er. Später hat er mit den Fäusten gestritten. Waffen, sagt er, habe er bei seinen Gewalttaten aber nicht benutzt.

Heute ist Marco einen großen Schritt weiter als damals. „Ich hatte schon mal Ärger mit Anderen hier im Knast“, erzählt er. Aber, er sei der drohenden Gewalt einfach aus dem Weg gegangen. „Es gab schon noch kurz diesen Impuls“, gibt er zu. „Aber ich habe erst nachgedacht, dann diskutiert“, sagt der junge Straftäter, der in der JVA bereits ein Antigewalttraining durchlaufen hat. „Schlagen will ich nicht mehr.“

Katja Liebmann ist Psychologin in der Jugendanstalt Hameln. Sie weiß, dass es in den Biografien ihrer Häftlinge oft Parallelen gibt. „Emotionale Vernachlässigung in den Familien, eigene Gewalterfahrungen und Drogen“, spielen ihrer Aussage nach bei vielen jungen Gewalttätern eine Rolle. „Die Männer suchen oft nach Anerkennung und finden diese oft in einem falschen Freundeskreis“, so Liebmann. Oft sind das dann Freunde, in deren Kreisen Hass gelebt werde. Probleme entstehen, „wenn die Jungen es nicht lernen, mit Zurückweisungen umzugehen“. Aggression, so erklärt die Fachfrau, habe jeder Mensch. Das Ziel müsse es sein, zu lernen, damit umzugehen.

Marco hat im Vollzug viel gelernt. „So weit kommen längst nicht alle“, sagt Dietmar Müller von der JVA. Damit es gar nicht erst so weit komme, dass junge Männer gewalttätig werden, empfehlen die Fachleute, früh einzugreifen, wenn es Auffälligkeiten gibt. „Früh eingreifen, das ist ganz wichtig“, so Müller. In den Schulen aber auch in außerschulischen Anlaufstellen und bei der Polizei werde heute hervorragende Präventionsarbeit geleistet. Deshalb verzeichne man einen kontinuierlichen Rückgang bei der Jugendkriminalität, viele Haftplätze seien nicht mehr belegt. Auch die häusliche Gewalt gehe zurück. Und: “Wer die nicht erlebt, wird später seltener selber  zum Gewalttäter.“

Warum aber bei machen jungen Männern aber irgendwann doch der Schalter im Kopf kippt und sie Gewalt ausüben, erklärt Liebmann so: Meistens kommen vor einer Gewalttat mehrere Faktoren zusammen. „Der Tag lief schlecht, es werden Drogen konsumiert und Freunde kommen ins Spiel.“   Dann sinke die Hemmschwelle.

2015: Sechs Todschlagsdelikte

Göttingen. Derzeit sind sie vor allem überregional in den Schlagzeilen: Gewaltdelikte, begangen von jungen Männern.  Auch in Göttingen hat am 12. Juli eine Auseinandersetzung  ein Todesopfer gefordert. Zwei junge Männer aus Eritrea, der mutmaßliche Täter ist 22 Jahre alt,  haben vor einer Kneipe einen Marokkaner mit dem Messer niedergestochen. Eine Altersstatistik führt die Polizei nicht. Im Jahr 2015 aber wurden im Bereich der Polizeiinspektion Göttingen (Stadt und Landkreis)sechs Totschlagsdelikte, ausgeübt von Männern im Alter von 21 bis 30 Jahren verzeichnet. Im Jahr zuvor war es nur ein solches Delikt. Die Bilanz aus dem Jahr 2013 in dieser Altersgruppe weist für das Jahr 2013 zwei Mord- und zwei Totschlagsdelikt aus.

„Soziale Isolation“

Göttingen /Moringen. Die Frage danach, warum bei manchen jungen Männern der Schalter im Kopf umgelegt wird und sie brutale Gewalttaten ausüben, sei kaum zu beantworten. Das sagt Thomas Harms. Zu vielschichtig seinen die Gründe. Harms ist Gefängnis-Pastor, bereut die Häftlinge im Göttinger Jugendarrest ebenso wie erwachsene Straftäter in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf. Und er ist auch Ansprechpartner für die als psychisch krank eingestuften und verurteilten Gewalttäter, die im sogenannten Maßregelvollzug in Moringen untergebracht sind. Bei ihm können sich die jungen Gewalttäter unter Schweigepflicht aussprechen, und viele Häftlinge machen davon Gebrauch.

Obwohl es viele Ursachen dafür gibt, dass junge Männer gewalttätig werden, Harms erkennt in den Lebensläufen einige Faktoren, die immer wieder auftauchen. „Viele der jungen Gewalttäter empfinden sich als Mangelwesen“, sagt der Theologe. Laut Harms klagen die Männer häufig darüber, dass niemand ihr Potenzial erkenne, niemand bemerke, was sie vermeintlich drauf haben. Den Alltag zu bewältigen, beispielsweise pünktlich in der Schule oder im Job zu erscheinen, falle ihnen oft schwer. Schuld daran – auch das sei ein gemeinsames Merkmal – sind immer die anderen.

Gewalttäter, so hat der Pfarrer beobachtet, hätten sein völlig verschobenes Moralsystem. Einstellungen wie, „ist mir doch egal“ oder „ich bin das Gesetz“, zeugten von einer Frustration im Alltag. „Die Männer üben mit der Tat Macht aus, ein „dissoziales Verhalten“ sei typisch. Eines aber hätten alle Täter gemeinsam: „Eine soziale Isolation“, sagt Harms. Über ihre Tat holen sie sich Bestätigung, die sie sonst nicht bekommen. „Damit gehe ich in die Geschichte ein“, das sei eine Motivation für brutale Taten. Harms: „Wir kennen immer nur einen Teil der Wahrheit. Den einen Auslöser für Gewalttaten, den gibt es nicht.“

Ein Restrisiko bleibt immer

Göttingen . Nach Amokläufen oder extremen Gewalttaten wird sofort die Frage gestellt, ob sie sich nicht hätten verhindern lassen. Doch einfache Lösungen, ebenso wie einfach und sicher zu erkennende Täter, gebe es nicht, sind sich Andreas Becker und Henrik Uebel-von Sandersleben aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsmedizin Göttingen einig.

„Wenn Sie sich die verschiedenen Täter anschauen, dann haben diese häufig ähnliche Auffälligkeiten, wie etwa soziale Probleme, Mobbingerfahrungen, ängstlich-depressives Erleben und waren deshalb schon einmal in psychiatrischer Behandlung“, so Uebel-von Sandersleben. „Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass alle Menschen mit diesen Merkmalen zu Tätern werden.“ Es gebe keinen Weg hin zum Amoklauf, der sicher vorhersehbar und damit verhinderbar sei.

Den Medien komme dabei eine besondere Verantwortung zu. Würden die Hintergründe und Verhaltensweisen einer Person sehr detailliert dargestellt, entstehe leicht der Eindruck, es gäbe ein vorhersehbares Täterprofil und damit eine im Vorfeld vermeidbare Tat. Gleichzeitig entstehe auch leicht die Gefahr, einen Täter zu überhöhen und damit eventuell Nachahmungstäter auf den Plan zu rufen.

„Man kann nach einer psychiatrischen Betreuung nur die Wahrscheinlichkeit bewerten, mit der von einer Person eine bedeutsame Gefahr ausgeht oder die Resozialisierung gelingt“, so Andreas Becker. „Doch wenn viele ungünstige Faktoren zusammenkommen, kann es in Einzelfällen trotzdem zur Gewaltanwendung kommen.“

Die Frage, die sich daher stellt, ist: Ab wann greift der Staat ein und wie viel Restrisiko ist eine Gesellschaft bereit zu akzeptieren? Doch: „Es bleibt immer ein Restrisiko. Dieses Risiko ist nicht auf Null zu reduzieren. Das muss man klar sagen.“

Uebel-von Sandersleben verweist auf den Täter von Winnenden oder von München, bei denen das Umfeld nichts geahnt habe. Der Münchener Amokläufer war zuvor sogar polizeilich bekannt – allerdings als Mobbingopfer. „Es gibt einen bestimmten Prozentsatz von Leuten, denen guckt man nur vor den Kopf, aber nicht hinein.“ Von einem vermeintlich vorbeugenden, sehr restriktiven Vorgehen, etwa durch Bildung von Verhaltensprofilen und dauerhafter stationärer Unterbringung, wären fälschlicherweise auch viele Nicht-Attentäter betroffen; dies würde neue Probleme schaffen und kann daher nicht gewollt sein.

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016