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Weiterverkaufen,demontieren, sprengen?

Was mit Windenergieanlagen nach ihrem Betriebsende passieren kann Weiterverkaufen,demontieren, sprengen?

Nach 20 Betriebsjahren, gerechnet ab dem Jahr 2000, fallen Windenergieanlagen aus der Förderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes heraus. Spätestens dann stellt sich für die Betreiber die Frage, ob sie ihre Anlagen ersetzen. Am Rückbau jedoch führt kein Weg vorbei.

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Windenergie-Standorte in Südniedersachsen. Alle Anlagen, die bis einschließlich 2003 errichtet wurden, sind rot markiert – jüngere Anlagen erscheinen schwarz. Für die älteren Anlagen stellt sich in den kommenden Jahren zunehmend die Frage nach einem Rückbau.

Quelle: Scharf

Göttingen. Im Landkreis Göttingen wurden bislang zwei Windenergieanlagen der Bürgerwindgesellschaft Windkraft Diemarden GmbH & Co. KG zurückgebaut. Das war 2012. „Der Rückbau ist von Anfang an mitgedacht“, sagt Jörg Klapproth, Geschäftsführer der Bürgerwindgesellschaft. „Er ist Teil der Auflagen der Genehmigungsbehörde, ist in den Pachtverträgen geregelt und Bestandteil unserer Kalkulationen.“ Das schließt Rückstellungen zur Kostenübernahme mit ein.

Die beiden Anlagen in der Gemarkung Diemarden waren damals fast 20 Jahre alt und es gab bis dahin so gut wie keine größeren Reparaturen, so Klapproth. „Aber es war damit zu rechnen, dass die kommen. Auch war der Standort schlechter als die Prognosen gezeigt hatten. Da es 2012 einen Repowering-Bonus gab, haben wir die beiden Anlagen schließlich abgebaut und mit dem Projekt in Bischhausen repowert.“ Reparaturen sind eine aufwendige und kostspielige Angelegenheit: Ein Kran muss anfahren, der Generator oder das Getriebe müssen heruntergehoben und repariert werden und zum Aufbau ist der Kran wieder erforderlich.

Im Vorfeld informierte sich Klapproth über mögliche Käufer und erhielt mehrere Angebote. Das beste stammte aus Irland: „Die haben ihre Leute und den Transporter für den Rückbau selbst mitgebracht“, sagt Klapproth. „Der Verkauf hat gereicht, den Weg zu sanieren und die Anlage vollständig zurückzubauen.“ Nun ist dort wieder nur Feld zu sehen.

Der Lebenszyklus einer Windenergieanlage wird mit 20 bis 25 Jahren angenommen. Die bundesweit rund 250 Windenergieanlagen, die 2015 abgebaut wurden, kamen hingegen im Durchschnitt auf ein Alter von 15,1 Jahre - was mit der Förderung des Repowerings zu tun hatte.

Für eine abgebaute Altanlage gibt es je nach Zustand zwei Verwendungsmöglichkeiten: Weiterverkauf wie in Diemarden oder Verschrottung. Findet sich kein Käufer, werden die Rotoren aus Glasfaserkunststoff, die an der Anlage den höchsten Verschleiß aufweisen, zerschreddert und verbrannt. Das Betonfundament wird zerkleinert und im Straßenbau benutzt, während das Metall aus Turm und Maschinenhaus weiterverkauft wird.

Wie es im Windenergiemarkt mit Neubau und Ersatz älterer Anlagen weitergeht, ist derzeit eine politisch noch offene Frage. Bis zur EEG-Novelle von 2014 gab es einen sogenannten Repowering-Bonus - ein Anreizsystem, ältere Anlagen vorzeitig gegen modernere Technik auszutauschen. An der Zahl der Repowering-Anlagen bis 2015 „haben wir gesehen, dass der Bonus einen vernünftigen Impuls gegeben hat“, so Axthelm. Ab 2017 soll der Zubau jedoch stärker reguliert werden. „Bisher ist von der Bundesregierung beabsichtigt, jährlich bis zu 2500 Megawatt Wind an Land auszuschreiben“, so Axthelm.

Der Bundesverband WindEnergie sieht hingegen einen Zuwachs von 4400 Megawatt jährlich als energiepolitisch notwendig an. Formal vom Landkreis genehmigte Windenergieprojekte - auch Repowering-Anlagen an Altstandorten müssen neu genehmigt werden - müssen sich dann beim Bund bewerben und eine weitere Genehmigung erhalten. „Das bedeutet zukünftig ein doppeltes Risiko für die Betreiber alter Windenergieanlagen: zum einen, ob sie unter dem neuen Genehmigungsverfahren noch ausreichend neue Anlagen aufstellen dürfen, zum anderen, ob sie überhaupt einen Bauzuschlag bekommen“, sagt Axthelm.

Ab 2020 fallen jedoch Anlagen, die älter als 20 Jahre sind, aus der EEG-Förderung heraus und müssen sich dann ohne Subventionen über die Strombörse refinanzieren. Bei den aktuellen Stromüberkapazitäten ist das allerdings schwierig. Der Bundesverband WindEnergie sieht die Bundesregierung in der Pflicht, über ihre Ziele und wie sie erreicht werden sollen, noch einmal nachzudenken. Schließlich habe man ein Interesse an einem modernen Windpark - die technische Verbesserung der Anlagen geht indes weiter. „Vor allem geht es darum, die Zahl der Volllaststunden zu erhöhen“, berichtet Axthelm. „In den nächsten Jahren werden wir zudem erleben, dass über technische Lösungen Windenergieanlagen nicht nur ins Stromnetz einspeisen, sondern insbesondere in Netzengpasssituationen auch für Mobilität und Wärme immer wichtigere Beiträge leisten.“

Projektpartner für den Rückbau gesucht

Das Institut für Integrierte Produktion Hannover gemeinnützige GmbH forscht und entwickelt auf dem Gebiet der Produktionstechnik. Ein neues Projekt soll sich mit der Frage befassen, ob bei einem Windenergieanlagen-Rückbau im großen Stil zentrale Demontagelager sinnvoller sind als die Vor-Ort-Zerlegung. Dazu werden noch Windparkbetreiber und Logistikunternehmen gesucht, die sich für das Thema interessieren und am Projekt teilnehmen wollen. Das IPH erhofft sich davon Daten aus der Praxis, um realistische Ergebnisse erzielen zu können. Mithilfe der Forschungsergebnisse können die Partnerunternehmen anschließend ihre eigenen Demontage-Netzwerke aufbauen und somit Kosten sparen. Interessierte Unternehmen können sich bis zum 1. April bei Projektleiter Martin Westbomke melden: 0511-27976-447 oder westbomke@iph-hannover.de.

Stabile Nachfrage nach Altanlagen

Nachgefragt bei Wolfram Axthelm vom Bundesverband WindEnergie e.V.

Ab wann sind Windenergieanlagen „alt“?

Wolfram Axthelm

Quelle: EF

In der Regel rechnen die Betreiber nach 15 bis 17 Jahren das erste Mal durch, ob sich der Ersatz durch neue, effizientere Anlagen am Standort lohnt. Ganz konkret stellt sich diese Frage nach 20 Jahren, wenn die Anlage aus der EEG-Förderung herausfällt. Dann stammen alle Einnahmen ausschließlich aus der Direktvermarktung über die Strombörse und man muss schauen, ob sich die Anlage noch wirtschaftlich trägt.  Wenn sich der Strompreis wieder stabilisiert, indem Überkapazitäten fossiler Art wegfallen, könnte sich unter anderem auch ein älterer Windpark noch rechnen.
Wie groß ist der Markt für den Weiterverkauf von alten Windenergieanlagen?
Nach wie vor gibt es einen stabilen Markt für Altanlagen, vor allem in den ehemaligen GUS Staaten und Südosteuropa. Spezialisierte Unternehmen insbesondere aus Dänemark und Norddeutschland übernehmen von der Demontage bis zum Verkauf die notwendigen Arbeiten. Diese suchen ganz gezielt Projekte, deren Rückbau kurz bevorsteht, und bieten Lösungen an. Gleichzeitig inserieren sie in Branchenmagazinen.

Reden wir hier von einem auch mittelfristig stabilen Zweitverwertungsmarkt?
Momentan ist der Markt stabil und gut entwickelt. Aber man kann schlecht in die nächsten zehn Jahre schauen, dafür verändert sich zu viel: Vor einiger Zeit hatte etwa auch Nordafrika Anlagen abgenommen, das ist aktuell wegen der politischen Situation schwierig. Ebenso war Polen ein starker Markt, aber jetzt dürfen dort nur noch jüngere Anlagen aufgestellt werden.
Für Niedersachsen werden gegenwärtig rund 5600 Windanlagen gezählt. Was für eine Dimension wird der Rückbau haben und wann wird dieser im großen Stil durchgeführt werden müssen?
Die Bundesregierung hat die Erwartung, dass ab 2020 der Bedarf an einem Ersatz alter Anlagen steigt. Zu diesem Zeitpunkt kann sich für viele der in den Boomjahren 2001 bis 2003 errichteten Anlagen ein Ersatz lohnen, wenn diese mit einer hohen Akzeptanz versehenen Flächen auch tatsächlich für das Repowering weiter nutzbar bleiben.  

 Interview: Sven Grünewald

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