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Lesen hat viele Gesichter

Welttag des Buches Lesen hat viele Gesichter

Heute ist Welttag des Buches – doch lesen können ist auch in Deutschland nicht für alle Menschen selbstverständlich.

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Quelle: GT

Die Unesco hat den 23. April zum Welttag des Buches ausgerufen. Seit 1995 feiern an diesem Tag Lesefreunde auf der ganzen Welt das Lesen, die Vielfalt der Literatur sowie die Rechte der Autoren. Darüber hinaus hat das Datum eine weitere Bedeutung: Der 23. April ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Doch lesen können ist auch in einer Informationsgesellschaft wie Deutschland keine Selbstverständlichkeit.

 
7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Diese sogenannten „funktionalen Analphabeten“ haben oftmals einen Schulabschluss und stehen im Berufsleben. Trotzdem sind sie nicht in der Lage, selbst einfache Texte zu lesen oder zu schreiben. Die Dunkelziffer der funktionalen Analphabeten liegt vermutlich noch höher, denn viele Betroffene haben eigene Strategien entwickelt, um nicht „enttarnt“ zu werden. Auch sogenannte „Mitwisser“ – Menschen aus dem Umfeld der Betroffenen, die in die Problematik eingeweiht sind und Hilfestellungen bieten – können dazu beitragen, dass das Unvermögen, zu schreiben und zu lesen, lange im Verborgenen bleibt.

 
In Niedersachsen hat das Ministerium für Wissenschaft und Kultur acht Regionale Grundbildungszentren (RGZ) eingerichtet, um funktionalen Analphabeten, aber auch anderen Menschen zu helfen. Das Göttinger RGZ ist an die Volkshochschule Göttingen Osterode (VHS) angeschlossen. Hier können funktionale Analphabeten in einem geschützten Rahmen das Lesen und Schreiben „von der Pike auf“ lernen – völlig altersunabhängig.  

 
Zu den Kooperationspartnern gehören auch das Tageblatt, die Anzeigenzeitung Blick, die Göttinger Werkstätten und das Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Göttingen. Gemeinsam bringen die Partner einmal im Monat die Zeitung „Durchblick“ heraus, die der Anzeigenzeitung Blick in Teilauflage beiliegt. Im Durchblick werden Berichte in „einfacher Sprache“ aufbereitet – einer nach eigenen Kriterien funktionierenden Sprache, die kurze Sätze und illustrierende Bilder verwendet. Bevor die Zeitung in den Druck geht, werden einige Texte von Menschen mit Leseschwäche geprüft. Eine weitere Kooperation besteht mit dem „Lea Leseklub“. „Lea“ steht für „Lesen einmal anders“ und richtet sich an Menschen mit und ohne Behinderung sowie an Menschen, die Deutsch lernen. In Göttingen gibt es derzeit drei Lea Leseklubs. Einmal wöchentlich treffen sich die Mitglieder in lockerer Runde, lesen gemeinsam ein Buch und sprechen über das Gelesene. Das Konzept kommt ursprünglich aus den USA; in Deutschland wurde es vom Verein zur Förderung der Kultur, Bildung und sozialer Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung (Kubus) abgewandelt. Ziel der Treffen ist das Abbauen von Vorurteilen, das Entdecken von Gemeinsamkeiten und das Entwickeln der Begeisterung fürs Lesen – nicht nur am Welttag des Buches.

von Maren Iben

Klassiker ‒ ganz leicht

Gerd Zinck

Gerd Zinck

Quelle: r

Am 23. April ist auch der Todestag von William Shakespeare. Seine – und viele andere Klassiker der Weltliteratur sind nicht immer ganz leicht zu lesen. Aber: Es gibt viele dieser Bücher auch in leichter Sprache. Wer einmal hören möchte wie sich eine Passage aus Shakespeares„Romeo und Julia“ in einfacher Sprache anhört: Für das Tageblatt hat Gerd Zinck, Schauspieler am Deutschen Theater (DT) Göttingen, eine Passage gelesen.

Das Stück läuft derzeit im Deutschen Theater – jedoch nicht in einfacher Sprache. Zinck spielt Benvolio, Romeos Cousin.
Die Verlage „Spaß am Lesen“ und „Passanten“ bringen Bücher und Zeitschriften in einfacher Sprache heraus. Sowohl aktuelle Titel als auch Klassiker der Literatur werden dort in einfacher Sprache angeboten. www.spassamlesenverlag.de, www.passanten-verlag.de 

Jeder Siebte kann nicht richtig lesen

Die Volkshochschule Göttingen-Osterode kümmert sich um die, die es lernen wollen. Wie das geht erklärt der Leiter der VHS, Thomas Eberwien.

Thomas Eberwien

Thomas Eberwien

Quelle: r

Heute ist der Tag des Buches. Wie viele Menschen in der Region können mit einem Buch nur wenig anfangen, weil sie nicht richtig lesen können?
Die sogenannte Level-One-Studie zeigt, dass etwa 7,5 Millionen Menschen in Deutschland nicht richtig lesen können. Es ist also anzunehmen, dass es in Südniedersachsen nicht wesentlich besser aussieht. Wir müssen leider davon ausgehen, dass auch in unserer Region etwa 14 Prozent der Menschen über mangelnde Lesekenntnisse verfügen. Das ist fast jeder Siebte. 

 
Welche Angebote machen Sie, um Menschen beim Lesen zu helfen?
Die Fähigkeit, lesen zu können, gehört zu den Kompetenzen, die wir in der Erwachsenenbildung der Grundbildung zurechnen. Der Bereich der Grundbildung selbst ist unverzichtbarer Bestandteil unseres Selbstverständnisses als Anbieter von  Bildungsangeboten für Erwachsene. Dabei kooperiert die VHS zum Beispiel mit dem Jobcenter Göttingen, um arbeitslose Menschen in Alphabetisierungskursen beim Einstieg in ein Erwerbsleben zu unterstützen. Gemeinsam mit den Göttinger Werkstätten organisieren wir  auch Kurse für Menschen mit Behinderungen. Ein neues Angebot, das die VHS im Rahmen eines Bundesprogramms entwickelt, soll die arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung von Mitarbeitern in der Pflege ermöglichen.

 
Gibt es einen typischen Teilnehmer?
Wer bei der Suche nach dem typischen Teilnehmer sofort die üblichen Verdächtigen vor Augen hat, liegt schief. Nein, es gibt sicher nicht den typischen Teilnehmer.  Allein schon deshalb nicht, weil die Gründe für eine Leseschwäche so unterschiedlich sind. Unser Angebot richtet sich an Menschen, die nie die Chance hatten, lesen zu lernen oder an Menschen, für die Deutsch bisher eine Fremdsprache war. Zunehmend stehen wir aber auch vor der Aufgabe, an die Lesebedürfnisse der Menschen zu denken, die vielleicht in Folge einer Demenzerkrankung das Lesen erst wieder erlernen müssen. 

 
 Wie entwickelt sich die Zahl der Menschen mit Leseschwäche? Werden es mehr?
Man kann davon ausgehen, dass es einen gewissen Grundstamm von Menschen ohne hinreichende Lesekompetenz immer schon gab. Mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft werden wir uns darauf einstellen müssen, dass wir künftig neue, zusätzliche Angebote des leichten Lesens brauchen. Auch muss es eine  Herausforderung für uns alle sein, den bei uns schutzsuchenden Menschen einen Zugang zum Lesen in deutscher Sprache zu ermöglichen. 

 
Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, nicht zu lesen. Welche Resonanz bekommen Sie von den Absolventen der Kurse, wenn sie es gelernt haben?
Im Grunde geht es bei dem Thema Nicht-lesen-zu-können doch um die Frage einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Nicht lesen zu können grenzt aus und verunsichert. Insofern kann sich jeder bestimmt gut vorstellen, was es bedeutet, sein Leben mit Lesekenntnissen dann eigenverantwortlich und mit allen Möglichkeiten gestalten zu können. 

 
Es gibt ja viele Bücher, die in leichter Sprache geschrieben sind. Setzen Sie die in der VHS ein?
Methodisch ist der Einsatz von Büchern in leichter Sprache ein Weg, Lesekenntnisse zu vermitteln. Leichte Sprache meint aber mehr. Es geht uns gar nicht so sehr nur um den oft langen Weg zum Lesen, sondern auch darum, über Angebote des leichten Lesens komplexe Texte verständlich zu machen. In Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern entwickelt die VHS auch ein barrierefreies regionales Informationsangebot in leichter Sprache, das monatlich als Zeitung in der Zeitung im Wochenblatt Blick erscheint. Die VHS setzt also nicht nur in leichter Sprache geschriebene Bücher ein, sie macht sie auch noch selber.

 
Letzte Frage zum Tag des Buches: Welches ist Ihr persönliches Lieblingsbuch?
Bücher begleiten das Leben, und sicher hat so jeder Lebensabschnitt sein Lieblingsbuch. Manches ist unterhaltend, manches ist Pflicht, manches Freude. Mein aktuelles Lieblingsbuch ist also immer das nächste.  Interview:  Britta Bielefeld

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