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„Wichtiger als der Geldbeutel sind gute Ideen“

Thema des Tages „Wichtiger als der Geldbeutel sind gute Ideen“

Michael Schmutzer hat ein Wohnhaus mit kleiner Landwirtschaft zu Praxis und Pension umgebaut – und eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschlagen.

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Sartorius-Campus in Göttingen.

Quelle: r

Duderstadt. Wohnqualität, Ideenreichtum, Klimaschutz und Nutzwert - all diese Attribute können gelungene Architektur auszeichnen. Wie seit bereits 21 Jahren am letzten Sonntag im Juni präsentieren die Architektenkammern Niedersachsen und Bremen auch 2016 wieder herausragende Beispiele architektonischer Leistung. 116 Bauten können am Sonntag, 26. Juni, an 55 Orten besucht und besichtigt werden, darunter auch Objekte in der Region. Im Mittelpunkt soll dabei nach Auskunft der Architektenkammer Niedersachsen die sogenannte „Nachverdichtung“ der Städte stehen.

Duderstadt, Obertorstraße 66

Duderstadt. „Umbau zur Praxis mit vier Ferienwohnungen“ ist das einzige beim Tag der Architektur vertretene Beispiel aus Duderstadt überschrieben. Klingt, als habe ein ehemaliges Wohnhaus nun einen neuen Zweck, und in diesem Sinne eine Überarbeitung erfahren. Ganz nüchtern, ganz sachlich. Im weitesten Sinne stimmt das auch.

Denn der Bau an der Obertorstraße 66 bietet heute tatsächlich nicht mehr einer Familie Raum zum Leben: Im Haupthaus hat niemand mehr seinen Wohnsitz. Die kleine Landwirtschaft im Hinterhof existiert nicht mehr. Der Garten, der sich bis zum Gelände der Landesausstellung Natur im Städtebau erstreckt, beheimatet nicht mehr den Boden für Kartoffeln und Rhabarber.

Und dennoch wäre es falsch, zu glauben, der im März 2015 abgeschlossene Umbau im Sinne der Umnutzung habe dem Gebäude irgendetwas von seinem ländlichen Charme genommen. Im Gegenteil: Durch die rund eineinhalb Jahre lange Sanierung sind die ursprüngliche Gestaltung und die Geschichte des Hauses wieder stärker in den Vordergrund getreten.

Die Pilaster und Rosetten an der Fassade beispielsweise wurden farblich abgesetzt, um sie wieder sichtbar zu machen. Insbesondere im Innenhof zeigt sich, wie durch gelungene Architektur alte Substanz und moderne Ideen vom Leben eine Symbiose eingehen können.

Dort hat Architekt Michael Schmutzer eine Balkonkonstruktion aus Schwarzblech einziehen lassen, die sich durch „gewollten Rost“ in das optische Gesamtbild der roten Backsteine des Mauerwerks einfügt. Der Hof mit seinem „fast Altberliner Hinterhaus-Charakter“, wie Schmutzer ihn beschreibt, sei für die Inhaber-Familie Schmidt der Grund gewesen, das Haus überhaupt zu kaufen. „Wir leben mit der Architektur, und sie strahlt auf uns zurück“, habe sich Bauherrin Anja Schmidt im Vorfeld überlegt und beschlossen: „Das geht auch in einem 100 Jahre alten Haus.“

Unten geschützt im Schatten sitzen, oben die Sonne genießen - dies sei durch die Balkonkonstruktion ermöglicht worden. Um die historische Bauweise zu unterstreichen, seien alle Verbindungen geschraubt worden, erklärt Schmutzer. „Nichts ist geschweißt.“

Der Innenhof ist das Bindeglied zwischen drei Gebäudeeinheiten. Im Vorderhaus befindet sich die Prophylaxe-Praxis eines Zahnarztes, außerdem die „Pension Schmidt“ mit vier Ferienwohnungen. Der Verbindungsbau beheimatet einen Frühstücksraum für die Pensionsgäste mit Ausgang auf den Balkon, im Hinterhaus finden ein Freizeit- und Kreativbereich Platz sowie der Ausgang zur nach Süden ausgerichteten Gartenanlage.

In Ideen wie einer Sauna im ehemaligen Stall zeigt sich dabei wieder der Grundgedanke, Altes und Neues miteinander verschmelzen zu lassen. „Alles, was historischen Wert hatte, wollten wir erhalten“, erklärt Schmutzer. Mit „Wir“ meint er dabei nicht nur sein Architekturbüro und die Bauherrn, sondern auch die Denkmalschützer in der Duderstädter Stadtverwaltung und die Sachverständigen, mit denen sie zusammenarbeiten. Das Gebäude ist mit Hilfe von Städtebauförderungsmitteln saniert worden - insofern brauchte es eine enge Zusammenarbeit auch mit diesen Stellen.

Zu den schützenswerten Elementen, so Schmutzer, hätten unter anderem das Treppenhaus, die hölzernen Sprossenfenster samt Leibungen, alte Türen und sogar Teile der Wandgestaltung gehört, erklärt Schmutzer. So wird jeder Gast beim Betreten des Flures an die Geschichte des Hauses erinnert, indem die weiße, mit den Hausfarben gezierte Wand einen Ausschnitt zeigt, in dem die alten Farben und Malereien zu sehen sind. „Das Stück hat der Maler nicht vergessen“, erklärt Schmutzer lachend. Er habe damit auf historische Techniken zur Wandgestaltung wie das Rollen von Ornamentik hinweisen wollen. „Außerdem sieht man schön, wie kräftig die Farben waren, die früher verwendet wurden.“

Im Gegensatz dazu erscheint der schwarz-weiße Fußboden aus Mosaiksteinchen schlicht. Auch er ist ein Relikt aus vergangenen Tagen, wie sich auch an einem Riss zeigt. „Das Haus arbeitet, dadurch ist das Material gebrochen“, erklärt Schmutzer. Dass der Fehler nun sichtbar sei, gebe dem Haus wieder ein Stück mehr Charakter. Und noch mehr: Der „größte Fehler“, sagt der Architekt, wäre gewesen, den Boden herauszureißen - heute sei der Quadratmeterpreis jenseits dessen, was man für die wertigsten Fliesen zahle.

Nicht nur dort, auch im Flur zum Patienten-WC hat Schmutzer daher den Fußboden einzig aufarbeiten lassen - und ist dafür auf die Suche nach Ersatzfliesen in Lagern gegangen, um Baumaterialien zu erhalten. In den Sanitärräumen nutzte er kein historisches Material, dafür aber Fliesen mit historischem Bezug: „Pariser Metro-Fliesen“. Die Steinzeug-Rechtecke verweisen in ihrem Namen auf ihren ursprünglichen Verwendungszweck: Der Jugendstil-Klassiker ist in französischen U-Bahnen zum Einsatz gekommen - und liegt heute wieder voll im Trend.

Schmutzer hat sie in verschiedenen Farben in den Sanitärräumen der Ferienwohnungen verlegen lassen, in denen auf den ersten Blick der Eindruck einer modernen Einrichtung entsteht.

Durch historische Techniken wie Lehmputz an den mit Wandheizungen ausgestatteten Wänden oder das farbliche Absetzen der historischen Ofenstellen hat Schmutzer ein angenehmes Raumklima geschaffen und zugleich Reminiszenzen an die Vergangenheit hinterlassen, ohne den modernen Wohnkomfort zu schmälern. So sind statt der Kaminöfen nur noch Ofenklappen vorhanden, die deren Standorte kennzeichnen. Stattdessen sorgen hohe Rippenheizkörper für Wärme. „Sie stammen aus einer Villa in Göttingen“, erklärt Schmutzer. 100 Jahre hätten sie locker bereits hinter sich und passten damit genau in die Bauzeit des Hauses. „Und die halten auch noch mal 100 Jahre“.

Führungen

Führungen durch das Gebäude gibt es am Tag der Architektur um 11, 13 und 14 Uhr.

Die Einrichtungsgegenstände, die nicht aus Antiquitätengeschäften stammen, seien allesamt von regionalen Tischlern angefertigt worden, erklärt Schmutzer. So sei es möglich gewesen, moderne Möbel zu verwenden in Räumen, in denen Mobiliar „von der Stange“ selten passe.

Die neuen Elemente seien daher tatsächlich eine nicht ganz preiswerte Angelegenheit für den Bauherrn. Andererseits sei vieles einfach im Ursprungszustand belassen worden und damit preisgünstig gewesen. Möglich sei dies gewesen, weil im Haus so viele „erhaltenswerte Schätze“ hätten geborgen werden können. Auf dieser Grundlage zu bauen, brauche nicht die größten Reichtümer, sagt Schmutzer: „Wichtiger als der Geldbeutel sind gute Ideen.“

Einbeck, Hotel Freigeist am PS.Speicher

Der 6,5-Millionen-Bau ist im vergangenen Oktober fertiggestellt worden. Nach Auskunft der Architektenkammer zeichnen ihn die optische Verbindung zum PS.Speicher und zur ihn umgebenden Landschaft aus. Bauherr Karl-Heinz Rehkopf öffnet das durch die Architekten Schwieger geschaffene Gebäude auch für Führungen. Sie beginnen um 11, 13 und 15 Uhr am Tiedexer Tor 5.

Göttingen, Kulturwissenschaftliches Zentrum

Kulturwissenschaftsliches Zentrum in Göttingen

Quelle: r

Das Kulturwissenschaftliche Zentrum der Georg-August-Universität am Heinrich-Düker-Weg 14 ist der zentrale Standort für die Institute und Seminare der Philosophischen Fakultät. Der 24,9-Millionen-Euro-Neubau fügt sich von Westen an die Gebäude der Philosophischen Fakultät aus dem 19. Jahrhundert an. Führungen werden um 14, 15 und 16 Uhr angeboten. Treffpunkt dafür ist die Eingangshalle.

Göttingen, Sartorius Campus

Sartorius Campus

Quelle: r

„Vor der Planung der einzelnen Gebäude stand eine Masterplanung, um strategische Ziele, bauliche Realisierungsstufen und einen Gestaltungskanon zu definieren“, erklären die Architekten im Begleitheft zum Tag der Architektur. Eine einheitliche Formensprache und abgestimmte Materialwahl der Architektur seien ausschlaggebend für den „Campuscharakter“ des Gebäudes, der durch die Außenanlagen noch unterstützt werde. Interessierte erhalten einen Einblick in das von „bünemann & collegen GmbH“ gestaltete Gebäude an der Otto-Brenner-Straße 20 um 11, 13 und 15 Uhr.

Hann. Münden, Wallstraße 7

Wallstraße 7 in Hann. Münden

Quelle: r

Bauherr Jens Herbort und Architekt Thomas Volkmer haben sich nach Abriss des Vorderhauses vorgenommen, die drei ehemaligen Hinterhäuser in Fachwerkbauweise in den Stadtraum zu integrieren und erlebbar zu machen. Das Spannungsfeld zwischen Alt und Neu stand im Mittelpunkt der Sanierung, die unter weitestgehendem Erhalt des Bestandes stattfand. Um 11, 13 und 15 Uhr treffen sich Interessierte am Eingang zu einem Rundgang.

Lerbach, Natur-Erlebnispark

Natur-Erlebnispark Lerbach

Quelle: r

An der Mühlwiese haben Frank Bolle von der „Bolle + Baron-Lütje Landschaftsarchitekten Partnerschaftsgesellschaft mbB“ und die beteiligten Firmen aus Brachfläche ein Freizeitgelände geschaffen, nachdem das örtliche Freibad aufgegeben worden war. Gefördert durch das EU-Förderprogramm zur Entwicklung im ländlichen Raum ist 2015 ein Erholungs- und Spielraum mit Übernachtungsmöglichkeiten und Wassertechnik entstanden. Führungen gibt es um 11, 13 und 15 Uhr.

Volpriehausen, holzbox. Zweifamilienhaus

Die Familien Grund und Bauer haben 2015 das Projekt „holzbox.“ gemeinsam mit Architekt Timm Grimme umgesetzt. Ein massives Gebäude, in dem sich zuvor ein Kindergarten befunden hatte, wurde in Holzrahmenbauweise aufgestockt. So entstand an der Knickstraße 17 ein modernes Zweifamilienhaus. Interessierte können sich den Bau mit raumhohen Verglasungen im Obergeschoss, einem Atrium im Zentrum und einer offenen Lärchenholzfassade um 11, 13 und 15 Uhr geführt ansehen.

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Das Tanz-Team des TSC-Schwarz-Gold Göttingen