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Auf was blicken Sie gerne zurück, Herr Klie?

Thema des Tages Auf was blicken Sie gerne zurück, Herr Klie?

Seit 21 Jahren ist Willi Klie Vorsitzender des Handelsverbandes Hannover - Kreisverband Göttingen. Der langjährige Lotse geht von Bord, er gibt sein Amt am Montag, 11. April, in jüngere Hände – an Alexander Grosse. Im Tageblatt-Interview blickt er auf seine Amtszeit zurück und erklärt, was ihm jetzt wichtig ist.

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Willi Klie

Quelle: Heller

Herr Klie, warum treten Sie nicht wieder als Verbandsvorsitzender an?
Es ist Zeit, für Jüngere Platz zu machen. Ich bin jetzt 67 Jahre alt. Die nächste Generation ist an der Reihe. Ich kenne ja von den heutigen Akteuren des Göttinger Einzelhandels meist noch die Väter. Mit Alexander Grosse haben wir einen tollen Nachfolger gefunden, das freut mich sehr.

 
Hat das Auswirkungen auf Ihr Wäsche-Geschäft?
Nein. Das Geschäft läuft weiter. Sylvester Märten gibt es seit 1880 – und auch weiterhin. Ich habe den Wäscheladen 1979, also vor 37 Jahren, übernommen. Ein Jahr später habe ich geheiratet, meine Frau ist ins Geschäft mit eingestiegen. Wir hatten von Anfang an das Ziel, zu den Marktführern zu gehören. Nun möchte ich mich mehr auf dieses Geschäft konzentrieren. 

 
Sie sind also durch und durch Textilhändler?
Aufgewachsen bin ich ja in der Nähe von Northeim in der Landwirtschaft. Aber ein Onkel von mir war Vertreter für eine Textilfirma, dadurch bin ich wohl auf diese Branche gekommen. Ich bin aber lieber gleich in den Einzelhandel eingestiegen. 

 
Wie schaffen Sie es, in der Modebranche immer am Ball zu bleiben?
Zum Einkaufen fürs Geschäft nehme ich zum Beispiel jüngere Kolleginnen mit. Die suchen doch andere Ware aus als ich. Neongrün, das ist ja nicht so mein Geschmack. Zum anderen ist es ja heute so, dass die ältere Generation anders tickt als früher.

 
Wie meinen Sie das?
Ich trage gerade Jeans. Heute ist das gang und gäbe. Als ich jung war, wäre das bei Herren meines Alters undenkbar gewesen. Rentner überqueren heute mit dem Fahrrad den Brenner, laufen Marathon oder haben Fallschirmspringen zum Hobby. Das spiegelt sich auch im Konsumverhalten wider. Die Älteren sind modischer geworden. Sie sind anspruchsvolle Kunden, aber auch für Beratung empfänglich.

 
Apropos Sport. Wie sieht es mit ihrem anderen Ehrenamt aus?
Ich bin ja Vorsitzender des Reitvereins Hainholzhof am Kehr und werde dort auch weiterhin aktiv sein. Ebenso im Präsidium des Handelsverbandes Hannover/Niedersachsen. Dort werde ich die Region Südniedersachsen weiterhin tatkräftig vertreten.

 
37 Jahre lang Einzelhändler, engagiert im Handelsverband Hannover, 21 Jahre davon als Vorstand im Göttinger Verband: Wie hat sich die Branche in all den Jahren verändert?
Es hat sich sehr viel verändert. Nehmen wir beispielsweise das Ladenschlussgesetz. Früher schlossen die Geschäfte um 18 Uhr, dann wurde ein langer Donnerstag eingeführt. Damals hatten die Kinder noch an jedem zweiten Sonnabend Schule, die Eltern kauften dann ein. Die späten Öffnungszeiten haben allerdings auch ein neues Einnahmemodell für Familien mit sich gebracht. Viele Elternteile arbeiten abends, wenn der Partner zu Hause ist, noch ein paar Stunden im Einzelhandel. Oder nehmen wir das Rabattgesetz. Statt zweimal im Jahr laufen heute quasi ganzjährig Rabattaktionen. An solchen Aktionen beteiligen wir uns nicht. 

 
Was halten Sie denn von der Aktion, auf Plastiktüten zu verzichten?
Papiertüten sind für die Umwelt nicht unbedingt besser. Viele große Handelsunternehmen haben sich ja zusammengetan, und geben Plastiktüten nur noch gegen Bezahlung ab. Wenn ich einen teuren Anzug oder ein Abendkleid kaufe, kann ich das aber nicht in den Rucksack stopfen. Die Vereinbarung ist inkonsequent. Die dünnen Gemüsebeutel sind weiter zulässig – dabei sind das die größten Umweltsünder. Ich setzte statt auf Vereinbarungen lieber auf das Bewusstsein der Kunden. 

 
Die Zahl der inhabergeführten Fachgeschäfte nimmt von Jahr zu Jahr ab. Warum?
Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist das Vordringen der Hersteller in die Läden der Fußgängerzonen. Marken wir Brax, Gerry Weber oder Mey haben heute eigene Geschäfte, die Waren werden kaum mehr bei eigenständigen Händlern – schon gar nicht in kleinen Orten – verkauft. Wobei bei einigen der Marken bereits wieder ein Umkehrtrend zu erkennen ist. Einige reduzieren ihr Filialnetz wieder. Einige der großen Marken kommen also wieder auf die alten Kunden zurück. In unserer Branche ist Wolford solch ein Beispiel. Dennoch bleibt der Trend zum Eigenmarken-Shop und der zur Tschiboisierung.

 
Zur was?
Mit Tschiboisierung ist gemeint, dass heute jeder alles verkauft. Vor 20 Jahren wurden noch Schuhe im Schuhgeschäft verkauft. Heute ist der Lebensmittel-Discounter Aldi der sechstgrößte Textileinzelhändler Deutschlands.
In Göttingen wird es ja zudem oft als Problem genannt, dass die Flächen in den historischen Häusern nicht groß genug für Neuansiedlungen sind. Das ist richtig. Investoren wollen heute oft Flächen von mehr als 1.000 Quadratmetern für neue Geschäfte haben – und das möglichst ebenerdig. Das gilt aber vor allem im Lebensmittelbereich.

 
Der Online-Handel macht dem stationären Handel den Umsatz streitig. Was tun?
Der Online-Handel ist eine enorme Konkurrenz. Besonders der Buch-, Textil- und Schuhbereich leidet darunter. Dem entgegenwirken kann nur eine attraktive Stadt als Gesamtpaket. Handel, Gastronomie, Kultur: Es muss den Kunden Spaß machen, hierher zu kommen. Die Einzelhändler müssen zudem im Netz vertreten sein, nicht unbedingt mit einem Online-Handel, aber mit einer guten Homepage. Das A-und-O sind Service und Beratung, die Kunden können bei uns ihre Ware anprobieren und gleich mit nach Hause nehmen. Einige probieren bei uns an und bestellen dann online. Gegen diesen Beratungsdiebstahl können wir wenig tun. Der Wandel im Handel hat aber definitiv stattgefunden.

Willi Klie legt sein Ehrenamt nieder. An was erinnern sich langjährige Weggefährten besonders gerne?

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Auf was blicken Sie besonders gerne zurück?
Einer unserer Höhepunkte ist ja jedes Jahr die Verleihung des silbernen Kaufmannslöffels. Es ist schon etwas Besonderes, wenn man den 21-mal überreicht hat. In diesem Jahr habe ich übrigens zu meiner großen Freude Christian Lindner von der FDP als Gastredner gewinnen können. Wer Preisträger wird, entscheidet sich noch. In der Regel schlage ich jemanden vor, gerne Menschen, die mit der Stadt verwachsen sind und sich ehrenamtlich engagieren. Nur zweimal in all den Jahren habe ich erlebt, dass ein Kandidat ihn nicht annehmen wollte.

 
Gab es eine Veranstaltung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Einmal hielt der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder von der SPD die Festrede. Mitten in der Rede flog ein Stein durchs Rathaus-Fenster – als Protest gegen die Castortransporte.  Schröder ließ sich davon nicht beirren und setzte seine Rede unbeeindruckt fort. 

 
Wissen Sie eigentlich, dass Sie in der Stadt auch unter dem Spitznamen Schlüpfer-Willi bekannt sind?
Nein, das wusste ich nicht. Aber ich bin nicht ganz überrascht. Als ich noch aktiv an Reitturnieren teilgenommen habe, wurde ich einmal als Schlüpferkönig von Göttingen angekündigt. 

 
Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Göttingen vielfältig bleibt. Ich stehe jederzeit als Berater bereit. Meinem Nachfolger wünsche ich, dass er das Amt mit neuen Gedanken fortführt und dabei die Fahne des Einzelhandels hochhält.

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