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„Die Realität holt ihn immer wieder ein“

Street Worker in Göttingen „Die Realität holt ihn immer wieder ein“

„Da sitzen sie schon, die Ersten.“ Heino Bernsen sagt das ganz trocken, sachlich. Keine Spur von Häme, vielleicht ein wenig Bedauern. Es sind die ersten von vielen, die auch an diesem Tag in der Innenstadt sitzen: mit zerschlissener Kleidung und Bierdosen in der Hand. Bernsen und Mike Wacker kennen sie fast alle, sie sind Streetworker und fast täglich in Göttingen unterwegs.

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Freundlich und mit höflicher Distanz spricht Mike Wacker seine „Klienten“ in der Fußgängerzone an: „Es dauert manchmal, bis wir Vertrauen aufgebaut haben.“

Quelle: Heller

Göttingen. Sie werden argwöhnisch beäugt und sind doch ein Teil der „Familie“. Sie werden herzlichst begrüßt, und doch immer wieder angelogen, auch verbal angegriffen. Keine Begegnung ist gleich, wenn Bernsen und Wacker durch die Göttinger Straßen ziehen und vor Schaufenstern kauernde Menschen sehen, die jeder andere übersieht. Oder wenn sie in der Turmstraße unbefangen Hände schütteln, locker plaudern und auch mal ein ernstes Gespräch führen. Vorsichtige und intensive Gespräche in einer Gruppe, um die die meisten Passanten ängstlich einen großen Bogen machen.

Das Team

Sieben feste Mitarbeiter unterstützen die Besucher der Straso an der Tilsitter Straße und sind fast täglich für die aufsuchende Sozialarbeit auf den Straßen Göttingens unterwegs. Hinzu kommen ehrenamtliche Helfer.

„Na, alles in Ordnung“, fragt Wacker Kuno (* alle Namen geändert). Der 45-Jährige hat gerade beim offenen Mittagstisch der St. Michael-Gemeinde gegessen, er riecht nach Alkohol. „Ach, Stress mit dem Amt“, grummelt Kuno, „aber morgen krieg´ ich ´ne neue Wohnung“, berichtet er stolz. „Wieder in der Groner Landstraße, das x-te Mal“, erklärt Wacker später. Es gehe fast immer in erster Linie genau darum, wenn die Streetworker unterwegs sind oder in ihrer Einrichtung in der Südstadt mit Klienten Kontakt aufnehmen: die Suche nach einer Wohnung. Obdachlose gebe es nur sehr wenige, erklärt Bernsen – ein paar Waldbewohner und echte Berber auf Wanderschaft vielleicht. Irgendwo in einer Sozialeinrichtung finde jeder kurzfristig einen Schlafplatz. Wohnungslos hingegen seien viele, und genau da liege einer der zentralen Hilfsangebote der Straßensozialarbeit.

Mike Wacker, 43 Jahre, Diplom Sozialpädagoge/-arbeiter, seit April 2015 Sozialarbeiter bei der Straso. Arbeitsschwerpunkte: Streetwork, Beratung, Einzelfallhilfe, ambulante Betreuung nach SGB XII und Freizeitangebote wie Dart.

Mike Wacker, 43 Jahre, Diplom Sozialpädagoge/-arbeiter, seit April 2015 Sozialarbeiter bei der Straso. Arbeitsschwerpunkte: Streetwork, Beratung, Einzelfallhilfe, ambulante Betreuung nach SGB XII und Freizeitangebote wie Dart.

Quelle: us

Karol (*) hat das Angebot genutzt. Er ist gerade mit seiner Partnerin in eine neue Wohnung eingezogen, am Montag beginnt sein neuer Job. Alkohol und Spielsucht hatten den Polen aus der Bahn geworfen. Irgendwann gehörte er zu den Klienten, die die Streetworker im Rahmen einer Einzelfallhilfe über mehrere Wochen eng begleitet haben – bei Behördengängen, bei der Wohnungssuche, im Alltag. Nur wenige bekommen das Angebot einer ambulanten Betreuung über die niedrigschwellige und unverbindliche Hilfe der Straso hinaus. Sie müssen es ernsthaft wollen und den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt überzeugen. Dann zahlt die Stadt die Betreuungsstunden durch die Streetworker - zwölf Klienten betreut die Straso im Schnitt.

Heino Bernsen, 59 Jahre, Diplom Sozialwissenschaftler, seit Juni 2014 Sozialarbeiter bei der jetzigen Straso. Arbeitsschwerpunkte: Streetwork, Einzelfallhilfe, Beratung, ambulante Betreuung nach SGB XII, Freizeitangebote.

Heino Bernsen, 59 Jahre, Diplom Sozialwissenschaftler, seit Juni 2014 Sozialarbeiter bei der jetzigen Straso. Arbeitsschwerpunkte: Streetwork, Einzelfallhilfe, Beratung, ambulante Betreuung nach SGB XII, Freizeitangebote.

Quelle: us

Bis es soweit ist, gibt es oft unzählige Kontakte vorab – auf der Straße und in der Anlaufstelle der Straso an der Tilsiter Straße. Von dort aus ziehen Bernsen und Wacker täglich los. Sie kennen die Plätze genau, an denen sie ihre Kunden finden: am Waage- und Robert-Gernhardt-Platz, am Wilhelmsplatz, an verschiedenen Stellen auf dem Wall, am Nabel, im Cheltenham Park und an der Turmstraße. „Lange Zeit waren viele auch vor dem Kaufland in der Innenstadt“, erzählt Wacker, „aber da werden sie inzwischen vom Sicherheitsdienst vertrieben“. „Jetzt sitzen sie gleich um die Ecke an der Treppe zum Wall“, ergänzt Bernsen, bevor er in der Turmstraße von einer jungen gepiercten Frau mit Hund an die Seite gezogen wird. Sie hat Stress mit einem Mann auf der anderen Straßenseite, er soll ihr gegen ihren Willen zu nahe gekommen sein. Bernsen spricht mit beiden, vermittelt, setzt klare Grenzen. Viele vertrauen den Streetworkern, die sie seit vielen Jahren kennen, sehen sie als Freunde.

Steffi Leik, 43 Jahre, Diplom Sozialpädagogin/-arbeiterin, seit 2000 Sozialarbeiterin bei der Straso. Arbeitsschwerpunkte: Poststelle, Frauenarbeit, Beratung, ambulante Betreuungen nach SGB XII und Freizeitangebote wie Kartenspiel-Runden. Gerd-Rüdiger Reich: zuständig für die Vermittlung von Zimmern und Wohnungen. Gerhard Schneemann und Heike Meyer: Verwaltung. Das Küchenteam um Wolf Diethelm und Christian Römer. Dr. Dietrich Golonska: Arzt im Ruhestand. Thomas Harms: Organisationsleiter der Straso und Diakoniepastor.

Steffi Leik, 43 Jahre, Diplom Sozialpädagogin/-arbeiterin, seit 2000 Sozialarbeiterin bei der Straso. Arbeitsschwerpunkte: Poststelle, Frauenarbeit, Beratung, ambulante Betreuungen nach SGB XII und Freizeitangebote wie Kartenspiel-Runden.
Gerd-Rüdiger Reich: zuständig für die Vermittlung von Zimmern und Wohnungen.
Gerhard Schneemann und Heike Meyer: Verwaltung.
Das Küchenteam um Wolf Diethelm und Christian Römer.
Dr. Dietrich Golonska: Arzt im Ruhestand.
Thomas Harms: Organisationsleiter der Straso und Diakoniepastor.

Quelle: us

Aber es gibt auch Typen wie Tobias (*), der mit gesenktem Kopf und großer Kapuze vor einem Geschäft in der Fußgängerzone hockt. Vorsichtig geht Bernsen zu ihm und fragt, ob alles O.K. ist. „Tobias ist manchmal etwas bärbeißig“, erklärt er. Aber „heute ist alles klar“, kommt die Antwort. Mehr wollen die Streetworker nicht wissen.
Niemand wird von ihnen zur Hilfe gezwungen, oft dauert es lange, bis sie Vertrauen aufgebaut haben. Und dabei „wird niemand wie ein Mündel behandeln“, erklärt später Thomas Harms, Leiter der Straso: „Wir müssen jeden als Individuum ernst nehmen und immer wieder Hilfe anbieten.“
Etwa 50 Kontakte haben Wacker, Bernsen und ihre Kollegen täglich, wie viele Hilfsbedürftige und Wohnungslose es in Göttingen gibt wissen sie nicht genau. Mindestens 300 sagt der eine, „nein, bestimmt 1000“ kontert der andere. Ihr Klientel ist etwa 27 bis 60 Jahre alt, zehn bis 20 Prozent sind Frauen. Und nahezu alle haben massive Probleme: mindestens 50 Prozent haben ein Alkoholproblem, ebenso viele sind substituiert und bekommen Ersatzdrogen, etwa 50 Prozent nehmen illegale Drogen, 30 Prozent haben psychische Probleme. Das heißt: „Die meisten kombinieren alles“, so Bernsen. Viele treffen die Streetworker über Jahre immer wieder: „Einige wenige schaffen es zwar alleine raus“, sagt Wacker, „ein paar mit viel Unterstützung und Therapien, viele nie.“ Und doch brauchen sie Hilfe.
Die Streetworker können damit umgehen, trotzdem gibt es Momente, da ist Bernsen auch „richtig sauer“. Wenn er zum Beispiel an die vielen Drogentoten seit gut einem Jahr in Göttingen denkt - „das ist richtig scheiße“. Das Straso-Team kannten fast alle, „aber es nimmt auch die Szene schwer mit, sie ist auch irgendwie eine Familie“. „Man stößt schon mal an seine Grenzen, verzweifelt und nimmt es mit nach Hause“, räumt Wacker ein und erzählt die Geschichte der Mutter mit zwei kleinen Kindern: alleinerziehend, unmittelbar vor dem Rausschmiss aus ihrer Wohnung, keine Unterstützung in der eigenen Familie.
Ihr konnten die Streetworker helfen. Ob das bei Paul* gelingen wird, ist noch unklar. Sie treffen ihn in der Stadt - mit einer Bierflasche in der Hand. Eine Stunde zuvor hatte er Bernsen noch stolz sein neues Handy gezeigt und versichert: „Siehst du, ich habe das Geld von dir nicht versoffen.“ Der 51-Jährige kommt fast jeden Tag zum Mittagessen zur Straso und bekommt seit Jahren ambulante Betreuung. Er hat eine Wohnung gefunden, mit Bernsen Arztbesuche geregelt, Papiere für einen Minijob ausgefüllt. Jetzt will Paul an die Nordsee reisen, „mal Urlaub machen“. „Da ist viel Wunschdenken“, erklärt Bernsen. Paul sei substituiert, ein alter Bekannter, „die Realität holt ihn immer wieder ein“.

Niederschwellige Alltagshilfe

Die Straßensozialarbeit (Straso) ist eine Einrichtung des Diakonieverbandes im Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen. Sie will an erster Stelle die Lebenslage der von Wohnungslosigkeit betroffenen und bedrohten Menschen in Göttingen verbessern. Dafür bietet sie außer ihrer Aufsuchenden Sozialarbeit (Streetwork) an der Tilsiter Straße weitere niedrigschwellige Hilfen:

Kontakt

Tilsiter Straße 2a, 37083 Göttingen; Telefon 0551/517980; Mail info@strassensozialarbeit-goettingen.de. Spendenkonto: DE77 2605 0001 0000 0008 28 bei der Sparkasse Göttingen.

  • In der Teestube können sich Hilfesuchende aufhalten, informieren und soziale Kontakte knüpfen. Es gibt eine Bücherausleihe, Zeitungen, Internetzugang und eine Spielgruppe für Mütter mit Kindern.
  • Es gibt Frühstück, Mittagessen und Getränke gegen (geringe) Bezahlung.
  • Besucher können duschen und Wäsche waschen, und sie bekommen eine hygienische Basisversorgung.
Wie eine große Familie: Treffpunkt Turmstraße.

Wie eine große Familie: Treffpunkt Turmstraße.

Quelle: Heller
  • Wohnungslose können sich bei der Straso eine Postmeldeadresse einrichten lassen – besonders für Behördenbescheide.
  • Ein Schneider flickt bei Bedarf Kleidung, ein Arzt bietet regelmäßige Sprechstunden und unkonventionelle medizinische Hilfe, zwei Rechtsanwälte beratend Besucher. Auch bei Korrespondenzen und Gesprächen mit Behörden unterstützen Straso-Mitarbeiter die Hilfesuchenden.
  • Zu den zentralen Aufgaben gehört eine „Wohnraumvermittlung“.

Gefördert wird die Straso von Stadt und Landkreis Göttingen, vom Land Niedersachsen, vom Diakonischen Werk sowie von weiteren Institutionen und Firmen

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Das Tanz-Team des TSC-Schwarz-Gold Göttingen