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Rücken, Becken, Schwerverletzte

Neuer Chef der Göttinger UMG-Klinik Rücken, Becken, Schwerverletzte

Wolfgang Lehmann ist neuer Chef der UMG-Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie. Das Tageblatt stellt ihn vor.f

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Seit zwei Monaten UMG-Klinik-Leiter: Wolfgang Lehmann.

Quelle: Wenzel

Tageblatt: Vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) nach Göttingen: Wie kam es dazu?
Lehmann : Die Universitätsmedizin Göttingen ist für mich eine der attraktivsten Kliniken, denn die orthopädisch-unfallchirurgische Klinik der UMG zählt zu den größten in Deutschland. Sie ist eine der Kliniken bundesweit, die die meisten Schwerverletzten versorgt. Von daher ist die Leitung dieser Klinik natürlich besonders reizvoll.

Das heißt, diese Stelle ist Ihr Traumjob?
Ja. Das kann man schon so sagen.

Die Klinik ist neu strukturiert, Orthopädie und Unfallchirurgie sind nun unter Ihrer Leitung zusammengefasst. War das im UKE ebenso?
Unfallchirurgie, Orthopädie und plastische Chirurgie sind in Göttingen jetzt zu einer gemeinsamen Klinik zusammengefasst. In Hamburg, wo ich als stellvertretender Direktor tätig war, war das ähnlich – allerdings ohne  die Plastische Chirurgie. 

Sie gelten unter anderem als Spezialist für Becken und Hüftchirurgie. Sind solche Eingriffe in Göttingen häufig?
Zur Zeit operieren wir hier nahezu täglich schwere Beckenverletzungen. Ursachen dafür sind zum einen Stürze oder Motorrad- und Autounfälle. Zum andern sind es degenerative Erkrankungen wie Osteoporose. Aber auch Hüftoperationen, beispielsweise das Einsetzen von Prothesen, gehören natürlich dazu. 

Das heißt, die Zahl der OPs ging in den zwei Monaten, seitdem Sie hier sind, nach oben? Kommen die Patienten bereits gezielt zu Ihnen?
Wir haben tatsächlich eine deutliche Leistungssteigerung gegenüber dem Vorjahr.  Ob die Patienten bereits gezielt wegen mir kommen, da wäre ich nach so kurzer Zeit noch etwas zurückhaltend.

Setzen sie denn andere Behandlungsstrategien ein?
Schonende Eingriffe sind einer unserer Schwerpunkte. Bei der Wirbelsäulenchirurgie setzten wir auf moderne, minimal-invasive Verfahren in enger Abstimmung mit der Neurochirurgie. Wir möchten, auch interdisziplinär, die Wirbelsäulenchirurgie weiter entwickeln.  

Operationen am Rücken, beispielsweise Bandscheiben-OPs, sind ja immer wieder in der Diskussion. Wird zuviel operiert?
Man muss die Indikation für eine Wirbelsäulen-Operation wirklich sehr, sehr sorgfältig abwägen. Häufig ist es angezeigt, eine Operations-Indikation auch mal zurückhaltend zu beurteilen. Wichtig ist, alle konservativen Mittel auszuschöpfen. Wir wollen gute Medizin machen und ja, ich glaube, es wird oft sehr schnell operiert. Ein Vorteil für uns ist, dass die Unfallchirurgie und Orthopädie an der UMG wirtschaftlich sehr gut aufgestellt sind, viele Patienten hat und wir keinesfalls aus ökonomischen Gründen OP-Indikationen weiter stellen würden.

Gibt es denn weitere Bereiche, die Sie besonders ausbauen wollen?
Ja, es sind vier Bereiche, die mir besonders am Herzen liegen. Zum einen die Schwerverletzten-Versorgung, in der Göttingen ja jetzt schon sehr gut aufgestellt ist. Hier ist Göttingen eine der Top-Kliniken in Deutschland. Das hohe Niveau möchte ich halten – hier hat die UMG ein echtes Pfand in der Hand. Das zweite ist die Wirbelsäulen-Chirurgie. Wir fassen jetzt die orthopädische und die traumatologische Versorgung zusammen. Bislang waren diese Bereiche getrennt, seit Juni ist auch die Sprechstunde zusammen gefasst – zu einer Wirbelsäulensprechstunde. Der dritte Punkt, den wir ausbauen wollen, ist die Endoprothetik. Wir arbeiten derzeit daran, als Endoprothesen-Zentrum der Maximalversorgung zertifiziert zu werden. Punkt vier ist die Tumorchirurgie. Also die Behandlung von Tumoren am Bewegungsapparat. Um diese Bereiche auszubauen, habe ich auch Spezialisten aus Hamburg mitgebracht. 

 
Welche Vorteile hat denn der Patient konkret von dem Zusammenschluss der Orthopädie und der Unfallchirurgie?
Die Spezialisten aus beiden Bereichen können sich nun gemeinsam um ein Krankheitsbild kümmern. Dadurch haben wir eine hohe Kompetenz gebündelt. Wer heute seine Facharztprüfung ablegt, wird Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Auch dort ist die Trennung aufgehoben. Es gibt so viele Schnittmengen, dass das absolut Sinn macht. 

In der Universitätsmedizin ist auch die Forschung ein wichtiger Baustein. Liegen die Schwerpunkte dort ebenfalls in diesen vier Disziplinen?
Genau. Ein Kollege, Prof. Schilling, der die Leitung der Forschung in der Klinik übernimmt und vorher an der TU München tätig war, hat zum 1. Juni bei uns angefangen. Neben den oben angesprochenen Bereichen wird die Osteoporose-Forschung ein weiterer wichtiger wissenschaftlicher Schwerpunkt sein.

"Ja, wir wollen Spitzenmedizin – mit menschlicher Note." 

Ist Osteoporose denn so verbreitet?
Man kann sagen, dass Risiko an einer Folgeerkrankung der Osteoporose zu versterben ist bald so hoch, wie das Risiko an einem Herzinfarkt zu versterben. Sie haben beispielsweise einen Bruch, sind dadurch nicht mehr mobil und geraten in einen Kreislauf, in dem es ihnen immer schlechter geht. Nur etwa zwölf Prozent solcher Patienten bekommen eine adäquate Nachbehandlung. Bei Herzinfarkten ist das ganz anders, diese Patienten sind in der Regel in einer engmaschigen Nachsorge. Osteoporose ist eine schwere Volkskrankheit. Dieses Problem sollten wir ins Bewusstsein rücken. Darüber hinaus forschen wir an den Themen Knorpel und Knochenkleber. 

Wie bewerten Sie denn die ersten beiden Monate ihres Arbeitsalltags in der UMG?
Das Umfeld hier, die Zusammenarbeit mit den Kollegen, das ist wirklich toll. Es herrscht eine nette Stimmung hier im Haus. Die Zusammenarbeit auch mit den anderen UMG-Klinken macht wirklich Freude. Es gibt ja immer wieder Vorurteile gegen Großkliniken. Aber ich habe den Eindruck, dass es uns an der UMG gelingt, eine sehr menschliche Medizin zu schaffen und dafür werde ich mich weiter einsetzen. Mein Credo lautet: Ja, wir wollen Spitzenmedizin – mit persönlicher Note. Dafür werden wir uns  immer weiter entwickeln und spezialisieren.

Wie viele Ärzte sind denn insgesamt in Ihrer Klinik beschäftigt?
Wir sind etwa 50 Ärzte bei fast 150 Betten. Damit sind wir eine der größten universitären Kliniken für Unfallchirurgie und Orthopädie Deutschlands.

Und mal außerhalb der Klinik: Wie gefällt Ihnen Göttingen, kannten Sie die Stadt bereits?
Ich kannte Göttingen bislang nur wenig. Allerdings kenne ich Bühren, meine Frau hat dort familiäre Bindungen. Göttingen ist aber eine hübsche Stadt mit einem wunderschönen Stadtkern. Es ist schon nett hier. Es war allerdings nicht ganz leicht, eine Wohnung zu finden. Nach 18 Jahren in Hamburg und als gebürtiger Kieler glaube ich, dass ich mich hier mit meiner Familie sehr wohlfühlen werde.
 
 Interview: Britta Bielefeld

Verkehrsunfall: Schwer verletzte Opfer werden meist in der UMG behandelt.

Verkehrsunfall: Schwer verletzte Opfer werden meist in der UMG behandelt.

Quelle: Richter

Mehr als zwei Schwerstverletzte pro Tag

Die Klinik für Unfallchirurgie in der UMG zählt zu den größten Unfallchirurgischen Universitäts-Kliniken in Deutschland. Jährlich werden dort weit mehr als 4000 Patienten operiert.

  • Im vergangenen Jahr unterzogen sich in der Klinik 4495 Patienten einem chirurgischen Eingriff. Im Jahr zuvor waren es 4443 Patienten im Jahr 2013 wurden dort  4371 Menschen im Operationssaal behandelt. 2010 waren es noch 4217 Patienten, 2005 war es 3971.
  • Die Göttinger Unfallchirurgie ist auch ein überregionales Traumazentrum im Traumanetzwerk Göttingen-Kassel. Rund um die Uhr sind Ärzte aller Fachrichtungen für die Behandlung von Unfallopfern  zur Stelle. Allein im Schockraum der Chirurgischen Notaufnahme werden jährlich rund 650 Patienten notfallmäßig versorgt, davon über 200 Schwerstverletzte, sogenannte Polytrauma-Patienten, also Menschen mit mehrfachen Unfallverletzungen.
  • Auch die Zahl der schwerstverletzten Patienten, die über den  Schock-OP aufgenommen werden,  ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Vor fünf Jahren, also im Jahr 2011 wurden in der UMG 772 solcher mehrfach verletzten Patienten behandelt, das sind im Jahresdurchschnitt mehr als zwei pro Tag. Die Zahl stieg von Jahr zu Jahr an. 2012 wurden 773 Polytraumen operiert, 2013 waren es 775, 2014 779. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl noch einmal, 788 schwerst- und mehrfach verletzte Menschen wurden in die UMG eingeliefert.

50 Ärzte und 150 Betten

Damit ist die UMG-Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie eine der größten universitären Kliniken für Unfallchirurgie und Orthopädie Deutschlands.

Zur Person

Wolfgang Lehmann ist seit 1. April 2016 Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Lehmann kommt aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) nach Göttingen. Dort war er als  leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie tätig. Der 43-jährige ist Chirurg, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Arzt für Sportmedizin. Mit dem Dienstantritt des neuen Direktors wurden auch die bisherige Abteilung Unfallchirurgie, Plastische- und Wiederherstellungschirurgie sowie die bisherige Abteilung für Orthopädie zur neuen Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der UMG zusammengeführt.

Lehmann wurde 1972 in Kiel geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Humanmedizin in Halle, setzte sein klinisches Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) fort, wo er 1999 mit einer biomechanischen Arbeit zu Verletzungen der Halswirbelsäule in der Unfallchirurgie promoviert wurde. Nach seiner Facharztprüfung Chirurgie im Jahr 2004 habilitierte er sich im Jahr 2006 für das Fach Chirurgie. Zusätzlich absolvierte Lehmann ein Fernstudium in Gesundheitsökonomie (Chur/Schweiz).

Nach seiner weiteren Facharztprüfung mit dem Schwerpunkt Unfallchirurgie im Jahr 2007 wurde Lehmann Oberarzt im UKE. Im Jahr 2012 folgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor. Bis zu seinem Ruf nach Göttingen war er seit März 2014 als leitender Oberarzt am UKE tätig. Lehmann absolvierte klinisch orientierte Auslandsaufenthalte in Katmandu (Nepal), Southhampton (England), Boston (USA), Bern (Schweiz). Von Januar 2001 bis März 2002 war Lehmann als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Boston University School of Medicine in den USA tätig. bib/r

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