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Engel mit Adlernase über dem Open

Zehn Jahre integrative Suchtrehabilitation Engel mit Adlernase über dem Open

Manchem Patienten ist hier ein Licht aufgegangen. Kein Wunder, er lebt und kommt zu Besinnung und vielleicht zur Erleuchtung in einem ehemaligen Leuchtstoffröhrenwerk. Wo einst Osram Neonröhren produzierte, genesen seit zehn Jahren Suchtkranke. 1800 Patienten hat das Therapiezentrum Open seither betreut.

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Bezugstherapeut Stefan Kröger beim Rundgang mit Gästen in der Open-Werkstatt.  

Quelle: CK

Göttingen. Jetzt wurde gefeiert. Mit dabei David Seute, der Mann der ersten Stunde. Er erstellte einst das Konzept des „Integrativen Therapiezentrums für Suchtrehabilitation“  in einer aufgegebenen Fabrik. Seit neun Jahren ist die promovierte Suchtmedizinerin Martina Arndt Seutes Nachfolgerin. Aktuell betreut sie mit ihren Therapeuten 20 Männer und 14 Frauen. Weitere 14 Plätze für Angehörige behandelter Suchtkranker stehen in der Einrichtung an der Robert-Bosch-Breite zur Verfügung. Für den Tagessatz von aktuell 120 Euro sind in den zehn Jahren 1800 Abhängige, davon etliche aber auch in mehreren Therapien, behandelt und ins Berufleben zurückgeführt worden. Patienten von 18 bis 55 Jahren waren das. Der Altersdurchschnitt steht bei 27.

Von Beginn an liegt ein Segen über der Einrichtung. Dafür haben die Patienten selbst gesorgt. Ein junger Abhängiger, Katholik polnischer Herkunft, hatte die Idee, erinnert sich Seute. Ein Engel sollte es sein. Weil Arbeit zur Therapie gehört, bastelten die ersten Patienten aus Maschendraht und Pappmaschee einen Engel. Ein junger Libanese stand dafür Modell. Seine Hakennase verewigte sich in der übermenschengroßen Pappfigur, die viele Jahre über dem Atrium schwebte. Heute ist es eine Nana, ebenfalls entstanden in eigener Werkstatt.
Diese Werkstätten, den Computerraum mit sechs Arbeitsplätzen, den Musikbereich mit Orgel und Schlagzeug sowie die Sauna besahen sich bei der Geburtstagsfeier auch die Gäste aus Sozialpolitik, von den Kooperationspartnern oder vom Träger.

Betrieben wird Open vom Deutschen Orden. Zusammengearbeitet wird mit vielen Göttinger Firmen, die Praktikaplätze stellen oder gar ausbilden. Das war von Beginn an so. Seute erinnerte an Rainer Vesting oder Veronika Frels, die schon 2006 unterstützten und um Akzeptanz warben. Eine Unternehmergruppe half beim Umbau der Fabrik in ein Therapiezentrum. Schon damals wurde erstmals ein Compuerraum integriert. Aber: Es sei schon sehr bescheiden zugegangen, meint Seute. „Hochkreativ und professionell weiterentwickelt und verbessert“ worden, sagt Nachfolgerin Arndt, sei das Open dank engagierter Mitarbeiter. Die aber müssen auch mit Frust leben: Nicht jeder nutzt die Chance. 40 bis 45 Prozent der Patienten gehen während der Therapie verloren - an ihre Sucht. Denn: „Auch der Rückfall gehört zur Therapie“, sagt Arndt.

Open-Patienten:  Mick V., Nell Y. und Andy Sch.

Mick ist ein Musterpatient: Abhängig ja, aber nur von Cannabis. Dazu eine Spielsucht. Immerhin hat er eine Ausbildung, hat gearbeitet, hat den Schritt in die Therapie aus eigenem Antrieb geschafft. Seine Hausärztin, die Drogenberatung und seine Familie haben ihn unterstützt. Wie glücklich er die Kurve gerade noch bekommen hat, erlebt er am Beispiel anderer Patienten. So tief, weiß er jetzt, hätte er auch sinken können. „Und immer knapp vor dem Gefängnis, ich habe schließlich auch gedealt.“

Nell und Mick vor der „Sterne-Küche“ im Open.

Quelle: CK

Der gelernte Koch aus Cuxhaven ist heute 24. Als er mit 18 in die Lehre kam, war sein Chef schon misstrauisch. Mit 14 hatte Mick erste Cannabis-Erfahrung. Der Chef bestand auf wöchentlichen Nachweis, dass er nicht kifft. Eineinhalb Jahre hat er den geliefert, später nur alle 14 Tage. Dann, sagt er, habe er gemogelt. Test abgeliefert, gleich darauf gekifft. Bis in 14 Tagen war er wieder clean. Ein Rückfall, wie er erst später merkte. Irgendwann war ein Test positiv. Den hat er nicht abgeliefert. Als niemand nachfragte, war Schluss mit Tests - zugleich ein Freibrief fürs Kiffen.

Dann der Tiefschlag – aus heutiger Sicht der Moment der Erleuchtung: Bei ihm und seiner Mutter wurde eingebrochen, Schaden für 10 000 Euro. Anzeigen konnte er den Einbruch nicht. Es ging um seine Drogen. Schlagartig war Mick klar, in welche Szene er gerutscht war. Ein Nervenzusammenbruch, dann der Entschluss zur Entgiftung, schließlich ein Platz bei Open folgten. Bald darf er wieder heim, drei Monate, in denen er „erstmals nichts zu tun hatte – das heißt, nur mit mir selbst beschäftigt“ war. Zu Hause warten Beruf, ein drastisch reduzierter Kreis wirklicher Freunde, die Familie, ein neues Wohnumfeld. Ob er einen Rückfall ausschließen kann? Nein, auch das habe er gelernt, vor allem aber, wie er mit sich und seiner Energie umgehen kann. Der beste Schutz vor Rückfall.

Nell ist 31 und vierfache Mutter. Daheim in Chemnitz ist Crystal Meth die leicht verfügbare Modedroge. Mit 17 hat sie sie ausprobiert, mit 19 war sie abhängig. Nur wenn sie schwanger war, konnte sie darauf verzichten. „Sucht“, „Abhängigkeit“, „Hang“, das waren für sie keine Kriterein, bis ihr bei Open die Augen geöffnet wurden, sie habe ja wegen der Kinder immer aufhören können, es „jedenfalls kontrolliert“, meint sie. Aber auch immer wieder angefangen. Die Kinder sind sieben bis 15 und leben bei Pflege-
eltern. Außer dem Drogenkonsum gab es da noch einen Hang: den zu Autos. Das Problem nur: Nell hat keinen Führerschein. Elf Jahre ist sie ohne herumgefahren, und wie. Das Schwarzfahren, die Drogendelikte, weitere Taten wie Betrug - das summierte sich zu einer langen Freiheitsstrafe. Am 11.12. ‚13, ein Datum, das sie nie vergisst, musste sie ins Gefängnis. Dort hat sie es geschafft. Sie hat auf Drogen verzichtet, ist seit drei Jahren clean, hat auch eine Lehre gemacht. „Wer es im Gefängnis schafft, der schafft es auch draußen“, sagt sie. Denn im Knast, so ihre Erfahrung, seien Drogen verfügbarer als in Freiheit.

Nach zweieinhalb Jahren hat Nell eine Drogentherapie beantragt. Weil sie jetzt bei Open ist, steht der Rest der Strafe unter Bewährung. Nach fünf Monaten Therapie darf sie übergangsweise in die Erprobung, darf draußen wohnen, ein externes Praktikum machen, sich selbst versorgen. Schon ihre Heimfahrten alle 14 Tage sind eine regelmäßige Erprobung, ob sie der Versuchung widersteht. Denn den Blick, wo es Drogen gibt, hat sie immer noch. Schon der Hauptbahnhof Chemnitz ist da ein Stolperstein. Nell schafft es, ihrer Kinder zuliebe. Wenn sie Weihnachten nach Hause darf, dürfen auch die Kinder wieder zu  ihr. 2018 will sie den Führerschein machen,  ihr großes Ziel. Arbeit, eine neue Wohnung - alle ist vorbereitet. Und nie wieder Crystal.

Andy sah aus wie 70, als er in Göttingen ankam. Leber kaputt, das Gesicht eingefallen, 47 Kilo Elend, so krank, „dass ich es wohl nicht mehr lange gemacht hätte“. Er ist erst 41, stammt aus Braunschweig und hat eine lange Drogenkarriere mit Heroin, Benzodiazepam, Alkohol und auch mit der Ersatzdroge Polamidon hinter sich. Er wurde substituiert, als vor zwei Jahren seine Mutter starb. Danach stürzte er wieder ab. Zuletzt brauchte er „fünf Dias und Schnaps drauf, um morgens in Gang zu kommen“. Und doch, quasi um im letzten Moment dem Drogentod zu entgehen, hat er allein die Kurve gekriegt. Er ging zur Entgiftung - wieder einmal. Diesmal hat er durchgehalten. Seine Therapie wollte der Versicherungsträger zunächst nicht bezahlen, wegen der vorausgegangenen Abbrüche. Es hat dann doch noch geklappt.

Andy vor einer Arbeit der Open-Patienten.

Quelle: CK

Anfangs sei es schwer gewesen, „überhaupt in die Gänge zu kommen“. Pünktlichkeit, die Gruppengespräche, in denen sein Schicksal für andere auch heilender Schock sein konnte - er musste sich erst einfinden. Überhaupt: „Am stärksten therapieren sich die Patienten untereinander“, sagt Mick über Andy. Ein Beispiel, wie tief man fallen kann mit Drogen. Auch eines, welche körperlichen Folgen die Sucht hat.

Heute ist Andy auf einem guten Weg, will es „unbedingt schaffen, auch meiner drei Kinder zuliebe“. Er will zu seiner Freundin ziehen, weg aus der Braunschweiger Wohnung. „Da ist zu viel passiert.“ Andy ist gelernter Bäcker, handwerklich begabt. Er macht neben der Suchttherapie ein Praktikum in einer Autowerkstatt. Wenn seine Therapie am 12. Dezember beendet ist, folgt die „Adaption“. Dann muss er sich bewähren, noch locker begleitet von seinen Open-Therapeuten. Einen Rückfall schließt Andy aus. „Ich will doch noch ein  paar Jahre leben.“

Drogen, auch harte Drogen wie Kokain oder Morphium, zu  nehmen, hat in Deutschland lange Tradition. Das als Sucht, gar als Abhängigkeits-Krankheit zu betrachten, ist jedoch relativ neu. Darauf hat Georg Wiegand, einst leitender Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover, hingewiesen. Erst 1851 entstand in Düsseldorf die erste „Trinkerheilanstalt“. 1900 gab es in Deutschland 27 davon. Doch es dauerte bis in die 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts, ehe auch Drogenabhängigen Therapie zuteil wurde.

Damals  war der Mythos vom LSD-Rausch aus den 60-ern bis ins Stadtbild der Großstädte vorgedrungen. Die Verelendung der Abhängigen wurde sichtbar auf den Straßen. Die Verklärung durch Pink Floyd, Stones oder Songs wie „Sister Morphin“ prallte auf das Elend der Kinder vom Bahnhof Zoo. Seit 1972 gab es ein Betäubungsmittel-Gesetz, seit 1971 gar ein Großmodell des Bundes für erste Therapieeinrichtungen, doch bei damals gerade einmal 105 Drogentoten im Jahr gegenüber 16 000 Verkehrstoten, fehlte noch der öffentliche Druck.

Bahnbrechend für Therapien aller Art war 1968 ein Urteil des Bundesgerichtshofes, das erstmals Alkoholismus als Krankheit anerkannte. Dadurch wurden Kranken- und Rentenversicherungen zu Leistungen verpflichtet. Es dauerte zehn Jahre, ehe dieses Urteil in eine erste Vereinbarung zur Therapie von Abhängigkeitserkrankungen auch anderer Art umgesetzt wurde. Wissenschaftler entwickelten zwar erste Konzepte, etwa das der Daytop-Einrichtungen, doch erst 1979 wurde im Waldhaus bei Waake eine erste Daytop-Einrichtung in der Region Göttingen für abhängige Männer eingerichtet. 32 Patienten, 18 in der stationären Nachsorge, erlebten in der Abgeschiedenheit des Södderich Therapien von bis zu 18 Monaten Dauer. Geradezu revolutionär damals die Ansätze von Erlebnispädagogik und der Anstellung einer Lehrerin, um Abhängige zu unterrichten.

1999 übernahm der Deutsche Orden das Waldhaus bei Waake. Dem neuen Träger reichte das alte Gemäuer nicht. 2004 fiel der Beschluss, ein neues Konzept zu erarbeiten. 2006 wurde die Therapieeinrichtung Open in Göttingen eröffnet. Die Erkenntnis damals: Abstinenz ohne Arbeit ist nichts wert. Die Teilnehmer mussten eingebunden werden ins Leben. Ein Standort in einem Gewerbegebiet, von dem aus Teilhabe und Praktika in Betrieben möglich ist, erwies sich als richtig. Seitdem haben 1800 Patienten das Therapiezentrum Open durchlaufen.

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016