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„Frisch, fromm, fröhlich, frei!“

Thema des Tages: Erlebnis Turnfest „Frisch, fromm, fröhlich, frei!“

Vom 23. bis 27. Juni läuft in Göttingen das Erlebnis Turnfest 2016. Bei vielen Zeitzeugen weckt dies Erinnerungen an das erste Landesturnfest in Göttingen im Jahr 1955. Im Tageblatt erzählen drei von ihnen, wie sie das Fest damals erlebt haben - mit unbeschwerten Stunden, stiebitzten Fahnen und einem großen Zusammengehörigkeitsgefühl.

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Landesturnfest 1955 in Göttingen: Dicht gedrängt standen die Zuschauer im Freibad am Brauweg.

Quelle: r

„Ob man will oder nicht, man lässt sich ganz einfach von dieser Atmosphäre mitreißen.“

Wenn der Begriff Landesturnfest fällt, dann macht sich ein Lächeln auf dem Gesicht von Gertrud Hellbrück breit. Die ehemalige Frauenwartin im Kreissportbund Göttingen, die auch als Referentin für Bildung- und Ausbildung tätig war und nicht zu vergessen als Übungsleiterin beim SV Arminia Fuhrbach, hat schon mehr als ein Dutzend Turnfeste mitgemacht.

 
Von 1989 bis 2000 war sie in Hannover, Wolfsburg, Stade und  Oldenburg dabei. Im ersten Jahr erst einmal als „Erkunderin“ für ihren Verein, anschließend als Aktive und Begleiterin ihrer Schützlinge. „Ob man will oder nicht, man lässt sich ganz einfach von dieser Atmosphäre mitreißen. Alle sind gut drauf und in Feierlaune“, erzählt Hellbrück.

 
Da stört es auch gar nicht, dass die Verkehrsmittel meistens komplett überfüllt sind, man beim Frühstück lange anstehen muss und auch die Unterbringungen in den Schulen und Turnhallen so manchem Rücken einer ernsthaften Bewährungsprobe unterzieht.

 
Von Turnfest zu Turnfest waren die Veränderungen spürbar. „Es ist alles viel professioneller geworden“, sagt die gebürtige Sauerländerin, die auf jeden Fall in Göttingen dabeisein möchte. Die Turnwettkämpfe hat sich die 67-Jährige schon notiert, und auch über die Turnfestmeile möchte sie auf jeden Fall gehen, aber nur noch als Besucherin.

 
Bei aller Veränderung ist eines jedoch geblieben, nämlich der Ehrgeiz der Teilnehmerinnen, wie sie aus zahlreichen Gesprächen erfahren hat. „Man trainiert wirklich dafür im Vorfeld. Wobei es nicht darum geht, Dritte zu werden, sondern unter 800 Teilnehmern vielleicht im ersten Drittel zu landen“, erläutert Hellbrück, die jedem Besucher einen wichtigen Tipp geben kann. „Man sollte für sich selber ein Programm machen, denn sonst verzettelt man sich angesichts der Vielzahl an Angeboten.“

Zeitzeugen von 1955: Gertrud Hellbrück, Erhard Kriebel (Mitte) und Gerhard Liedtke.

Zeitzeugen von 1955: Gertrud Hellbrück, Erhard Kriebel (Mitte) und Gerhard Liedtke.

Quelle: r
„Wir haben damals als Flüchtlinge in der Gaststätte gewohnt, und dort wurde auf dem Saal geturnt.“

Die Vorfreude bei Erhard Kriebel auf das Landesturnfest in Göttingen ist groß. Dabei ist es keineswegs das erste, an dem der in Bad Grund lebende Kriebel teilnimmt.

 
Um es genau zu sagen, seit 1955 gab es weder ein Deutsches noch ein Landesturnfest an dem der am 20. Juli 80 Jahre alt werdende Kriebel nicht teilgenommen hat.

 
1947 verschlug es den aus Schlesien kommende Kriebel nach Eisdorf. „Wir haben damals als Flüchtlinge in der Gaststätte gewohnt, und dort wurde auf dem Saal geturnt“, erinnert sich der ehemalige Sportlehrer, der 27 Jahre beim Kreissportbund Osterode angestellt war. Kriebel war im Gerätturnen zu Hause, war maßgeblich am Aufbau des TSC Eisdorf, einem reinen Turnverein, beteiligt.

 
1955 in Göttingen, bei seinem ersten  Turnfest, erinnert er sich noch gut an die gemütlichen Runden im Kreise seiner Mitturner. „Damals wurde überwiegend Gerätturnen angeboten“, so Kriebel, der noch gut das strenge Regiment im Gedächtnis hat, das damals herrschte. „Wenn man zur Toilette musste, dann musste man sich beim Riegenführer abmelden“, so Kriebel.

 
Im Juni in Göttingen wird er ebenfalls als Aktiver dabei sein. Und im Schlepptau seine Freunde haben, die 89 und 90 Jahren alt sein. „Ich habe gesagt, sie brauchen sich um nichts kümmern, ich regele das alles für sie“, erzählt der agile Pensionär. Kümmern ist ohnehin sein Ding. In Eisdorf betreut er derzeit zwei Flüchtlingsfamilien und organisiert seine 80. Freizeit, eine Seniorenfahrt in den Schwarzwald.

 
An ein Turnfest, nämlich das in Lüneburg, hat Erhard Kriebel nicht so gute Erinnerungen. „Wir sind damals den Fahnenmast hoch, haben die Fahne geklaut und sind erwischt worden“, sagte Kriebel und lacht dabei. An die Bestrafung kann er sich nicht mehr erinnern, die Fahne mit der Aufschrift „frisch, fromm, fröhlich, frei“ gibt es heute noch im Kriebelschen Keller.

Kunstturnmeisterschaften unter freiem Himmel vor 10 000 Zuschauern erlebte die Northeimer Freilichtbühne am 14. September 1947.

Kunstturnmeisterschaften unter freiem Himmel vor 10 000 Zuschauern erlebte die Northeimer Freilichtbühne am 14. September 1947.

Quelle: r
„Als ich gehört habe, dass das nächste Turnfest in Göttingen stattfindet, da wollte ich noch mal dabeisein.“

An das Landesturnfest 1955 in Göttingen hat Gerhard Liedtke noch ganz vage Erinnerungen. Mit dem Zug aus Stuhr bei Bremen reiste er gemeinsam mit seinen Vereinskameraden an. „Wir sind bei strahlendem Wetter in Göttingen angekommen, der ganze Zug war voll mit Turnern. Wir sind dann erst zu unseren Quartieren und dann ins Stadion gefahren“, erzählt der inzwischen in Northeim lebende Liedtke.

 
Er erkundete mit seinen Freunden außerhalb der Wettkampfzeiten damals die Gegend, entdeckte einen „Berg mit einem Turm“. „Da sind wir dann mal hin“, so Liedtke und meinte damit den Bismarckturm in Göttingen auf dem Kleperberg. Noch nicht so pompös und umfangreich war das Turnfest in Göttingen, Spaß hatten er und seine Mitstreiter aber sehr, genossen die unbeschwerte Zeit.

 
Der 79-Jährige ist ein alter Hase in Sachen Turnfest. Lediglich das Landesturnfest in Emden und das Deutsche Turnfest in Stuttgart hat er ausgelassen, bei allen anderen war er dabei. „Eigentlich wollte ich 2012 in Osnabrück schon Schluss machen, aber als ich gehört habe, dass das nächste Turnfest in Göttingen stattfindet, da wollte ich dann doch noch mal dabeisein“, berichtet Liedtke, der am 28. Juli 80 Jahre alt wird. Einen Wahl-Vierkampf hat er sich zusammengestellt. Unter anderem mit Rope Skipping. „Ich habe das früher ganz gut gekonnt und auch heute noch Spaß daran“, sagte Liedtke, der sich bereits voll im Training für das Großereignis befindet.

 
Allerdings bereitet ihm seine Achillessehne derzeit ein wenig Probleme. Die sollen aber möglichst schnell der Vergangenheit angehören, denn Gerhard Liedtke, der bei der TG Northeim lange als Vereinssportlehrer gearbeitet hat, hat beim Erlebnis Turnfest viel vor. „Die Abendprogramm mache ich auch mit.“ vw

Kunstturnmeisterschaften unter freiem Himmel vor 10 000 Zuschauern erlebte die Northeimer Freilichtbühne am 14. September 1947.

Kunstturnmeisterschaften unter freiem Himmel vor 10 000 Zuschauern erlebte die Northeimer Freilichtbühne am 14. September 1947.

Quelle: r

Chronologie der Landesturnfeste seit 1950

1950 Verden/Aller
Ein Fest der Jugend feierten 11 000 Turner vom 6. bis 9. Juli auf der Allerinsel, die nur über eine Notbrücke zu erreichen war. Durch den Besuch des damaligen Ministerpräsidenten Hinrich-Wilhelm Kopf im Jugendzeltlager zeigte die Landesregierung ihr Interesse an der Turnbewegung.

 
1955 Göttingen
Der Vorsitzende des Deutschen Turner Bundes, Dr. Walter Kolb, sprach vor 25 000 Zuschauern bei einer glanzvollen Abschlussveranstaltung in der Jahn-Kampfbahn. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen prägten das Fest.

 
1960 Oldenburg
Fünf Tage lang dauerte das Turnfest in Oldenburg und damit einen Tag länger als bisher. Bereits eine Woche vor der Eröffnung wurde ein Stadionfest und eine turngeschichtliche Ausstellung geboten. Erstmals waren mit Finnen und Schweden ausländische Gäste dabei. 

 
1965 Osnabrück
Osnabrück war die bisher größte Turnfeststadt, lockte 10 000 Turner an. Auch hier gab es schon eine Woche vorher als Einstimmung Veranstaltungen an Osnabrücker Schulen. Die Zuschauer erlebten eine beeindruckende Eröffnung vor dem gotischen Rathaus.

 
1970 Lüneburg
Die Eröffnung vor dem Rathaus, die Turnfestschau in der Nordlandhalle, die Vereinsführungen im Kurpark, die Gymnastikdarbietungen im Stadttheater mit finnischen, schwedischen und erstmals auch holländischen Gästen zählten zu den Höhepunkten. 11 000 Turner beteiligten sich aktiv.

 
1975 Emden
Die Wege auf dem Turnfest waren kurz, die Anreisewege dagegen umso länger. Trotzdem kamen 12 000 Turner zum 6. Landesturnfest, die das Segelschulschiff „Gorch Fock“ im Marinehafen in Empfang nahmen. Dort befand sich auch gleichzeitig die Unterkunft für 1000 Turner.

 

r

Beschwingt ging es auf jedem Turnfest zu.

Quelle: Beschwingt ging es auf jedem Turnfest zu.

1980 Verden
Nach 1950 machte das Landesturnfest zum zweiten Mal in Verden Station. Es wurde eine farbenfrohe Schau geboten, die mit vielfältigen Darstellungen des zeitgemäßen Turnens überzeugte. 15 000 Turner waren vor Ort und bei den 27 000 Verdenern gern gesehene Gäste.

 
1985 Salzgitter
Ein Schaufenster der Vielseitigkeit wurde geboten. Der Salzgittersee war der zentrale Punkt. Beeindruckend die Zahlen: 18 000 Turner waren dabei, insgesamt tummelten sich 45 000 Menschen auf dem Veranstaltungsgelände.

 
1989 Hannover
Großer Anziehungspunkt für die Bevölkerung war der „Historische Festzug“ mit der Darstellung von 175 Jahren deutsche Turngeschichte. 60 000 Menschen standen an den Straßen, 10 000 Turner gestalteten die eindrucksvolle Abschlussveranstaltung. 

 
1993 Wolfsburg
Erstmals wurde, auf Initiative der Turnerjugend, dem Umweltschutz viel Platz eingeräumt. Dazu wurden auch Sponsoren geworben. Die Abschluss-Veranstaltung feierten die 18 000 Turner im Stadion des VfL Wolfsburg.

 
1996 Stade
Mit über 70 Prozent der Teilnehmer führten die Frauen das Feld an. Kurze Wege zwischen den einzelnen Wettkampfstätten und Veranstaltungsorten charakterisierten dieses Landesturnfest, wie auch die konsequente Umsetzung des Umweltgedankens. 

 

Beschwingt ging es auf jedem Turnfest zu.

Beschwingt ging es auf jedem Turnfest zu.

Quelle: r

2000 Oldenburg
Oldenburg punktete mit einer wunderschönen Innenstadt. In Oldenburg identifizierten sich Rat und Verwaltung außerordentlich mit dem Turnfest. So war es beispielsweise eine Selbstverständlichkeit, eine lang geplante Straßenbaumaßnahme zu verschieben, damit der Festzug den vorgesehenen Verlauf nehmen konnte.

 
2004 Hameln
Vielen blieb die legendäre Party der Turnerjugend in einer Tiefgarage in bleibender Erinnerung. „Tanzen bis der Bus kommt“ lautete das Motto. In Erinnerung bleibt auch die Polizei, die auf der Bühne in der Stadt erschien und das Programm unterbrach. „Es gibt beim Turnfest weniger Probleme als an einem ganz normalen Wochenende. Dafür möchten wir uns bedanken!“ In Erinnerung bleiben den Organisatoren des Turnfestes aber auch die kalten Nächte. 

 
2008 Braunschweig
Das andere Wetterextrem gab es in Braunschweig. Tropische Hitze ließ die Aktivitäten der Turnfestteilnehmer erschlaffen. Ein schattiges Plätzchen unter einem Baum wurde zur Mangelware. In Braunschweig begleitete erstmals der Turntiger ein Turnfest, an allen Ecken und zu jeder Gelegenheit wurde der Turntigertanz getanzt. Auch fand erstmals die Schlussveranstaltung in einer Halle und nicht wie traditionell in einem Stadion statt.

 
2012 Osnabrück
Am Tag vor dem Turnfest schüttete es wie aus Eimern, die anreisenden Turnfestteilnehmer brachten dann allerdings die Sonne mit. Keine Wolke ließ sich mehr am Turnfesthimmel blicken – was natürlich zur heiteren Stimmung beitrug. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die ein Turnfest ausmachen. In Osnabrück gehörten sicherlich die Busfahrer dazu, immer gute Laune, immer hilfsbereit.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016