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Zum Durchdrehen: Record Store Day in Göttingen

Thema des Tages Zum Durchdrehen: Record Store Day in Göttingen

So langsam senkt sich der Tonarm, die Nadel nähert sich der Einlaufrille, die Vorfreude auf das zarte Knistern steigt: Vinyl-Fans in aller Welt bereiten sich auf den internationalen Tag des unabhängigen Plattenladens vor, den Record Store Day.

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Sonderveröffentlichungen für den Record Store Day.

Quelle: r

Göttingen. Während manch ein eingefleischter Sammler aus vergangenen Jahrzehnten womöglich die Nase rümpft über einen offiziellen Tag, um Raritäten einzuheimsen und besondere Pressungen zu ergattern: In der ganzen Welt wächst die Fangemeinde derer, für die der Record Store Day (RSD) seit seiner ersten Auflage vor zehn Jahren zu einem festen Termin im Kalender geworden ist. Der dritte Sonnabend im April ist ihnen ein Fest. Als „more important than christmas“ bezeichnete die L.A. Times in den USA den RSD bereits im Jahr 2011 – und für einige Anhänger der Sammelleidenschaft dürfte dies nicht übertrieben sein. Immerhin haben sie die Chance, Tonträger abzugreifen, die es so nicht, sonst nicht oder nicht mehr gibt. Und von denen manch einer nicht auf die Idee gekommen sein dürfte, dass sie je gefragt sein würden. Wer hätte gedacht, dass es Aquas Mädchen-Eurodance-Hit „Barbie Girl“ einmal in Knallpink unter die Raritäten der Großen schaffen würde?

Lemmy: Als RSD-Botschafter mit dabei

Und davon gibt es in der mehr als 500 Titel umfassenden Liste der Veröffentlichungen zum Jubiläums-RSD so einige. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf gestorbenen Legenden: Lemmy Kilmister, der selbst einst RSD-Botschafter war, ist gleich mit mehreren Auskopplungen seiner Band  Motörhead vertreten, David Bowie taucht ebenfalls mehrfach in der Liste auf, unter anderem gemeinsam mit Placebo. Princes Erbe findet sich auf Maxi-Single gebannt und Sharon Jones & The Gospel Wonders sind mit einer Single dabei.

James Brown, Pink Floyd, Johnny Cash oder Iggy Pop – sie gehören zu den großen Namen in der Liste der verfügbaren Veröffentlichungen – und voraussichtlich auch zu denen, deren Platen als erste weg sein werden, erwartet Hans Philipp Schubring, Inhaber des Vinyl-Reservats. Auch bei den Platten von Air, Alice in Chains, U2, Moondog oder Offspring geht der Plattenhändler davon aus, dass sie nicht allzu lang im Regal – oder den eigens aufgebauten „Gabentischen“ stehen werden. „Selbst solch große Veröffentlichungen sind meist in Stückzahlen unter 1000 verfügbar und bei allein 300 Plattenläden in Deutschland, Österreich und der Schweiz schnell verteilt“, schätzt er. Viele Vinyls seien nur in Stückzahlen von 50 bis 75 verfügbar. Sie würden dann verlost. Bei ihnen dürfte es sich um Veröffentlichungen aus dem Indie-Bereich handeln, denn von Punk bis Pop, von Klassik bis Kraut und von Rock bis Reggae ist alles dabei.

Record Store Day

Der Record Store Day entstand vor zehn Jahren auf die Idee von Michael Kurtz und anderer Plattenladen-Liebhaber hin. Sie wollten die Shop-Kultur ehren mit einem Tag, der allein den Indie-Plattenläden gewidmet sein sollte. Weltweit und zeitgleich erhalten Kunden auf der ganzen Welt Sonderveröfentlichungen nur dort. Sämtliche Produkte, Sonderauflagen, limited editions, unveröffentlichte B-Seiten-Zusammenstellungen und mehr würden nur für diesen einen Tag hergestellt, so die Veranstalter. Die Plattenhändler können Wünsche äußern, welche Platten sie ihren Kunden anbieten möchten. Was tatsächlich geliefert wird, erfahren sie selbst erst kurzfristig. An vielen Orten gibt es Plattenladenkonzerte und Signierstunden eigens zu diesem Tag. ne

Abgesehen von neuwertigen Auflagen der alten Helden und neuer Musiker gehören außergewöhnliche Pressungen zu den Besonderheiten des RSD-Angebots. Im Kuriositätenkabinett finden sich eine LP in Hexagon-Form mit dem Soundtrack zu „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ oder eine im Dunkeln leuchtende Platte der Band – wie passend – „The Black Angels“. Die in den 1980er-Jahren für ausgefallene Synthie-Sounds bekannt gewordene Wave-Band „The Art Of Noise“ hat gar eine Zehn-Zoll-Platte in Form einer Hasenmaske bringen lassen. Mit Möhre.

Der Tag der Vinyl-Kultur

Es wundert also nicht, dass Traditionalisten hier und da verwundert dreinblicken ob des RSD-Enthusiasmus‘ anderer Sammler. Für die Plattenhändler jedenfalls ist der Tag ein bedeutender. Ihre Kunden werden mit der Nase darauf gestupst, welche Funktion die Shops haben können, selbst in Zeiten von Streamingportalen und Wegwerfmusik: Treffpunkte für Musikliebhaber, Konzerträume und Orte des Austauschs und der kulturellen Weiterbildung. Sie sind Party-Locations, auch am Sonnabend: „Der RSD ist das Event, mit anderen zusammen den Tag der Vinyl-Kultur zu feiern“, sagt Schubring, der nachvollziehen kann, dass sich mittlerweile rund 3000 Geschäfte weltweit am RSD beteiligen. „Es wird viel Werbung für Vinyl an dem Tag gemacht, das ist für meinen Laden, der ausschließlich Schallplatten verkauft, natürlich gute Promo.“

dem Tag gemacht, das ist für meinen Laden, der ausschließlich Schallplatten verkauft, natürlich gute Promo.“ Der RSD sei einer der umsatzstärksten Tage des Jahres. Im vergangenen Jahr hatte Schubring das absehen können, noch bevor er den Schlüssel umgedreht hatte: „Schon vor Öffnung des Ladens hatten  sich vor dem Vinyl-Reservat etwa 60 bis 70 Leute versammelt. Das war schon sehr abgefahren.“ Die ersten seien eine Stunde vor Beginn des Verkaufs da gewesen und hätten eine Tasse Kaffee bekommen, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Im Ganzen, schätzt er, dürften zwischen 150 und 200 Kunden an einem Tag da gewesen sein. Für dieses Jahr rechnet er mit noch mehr Kundschaft – das sei für ihn abzulesen an der Zahl der Wünsche für Bestellungen, die Kunden hinterlassen hätten.

Irgendwo gibt es sie bestimmt

Und dann gebe es die, die er nur am RSD im Laden sehe. Das sei okay, meint Schubring. „Ein paar nehmen sogar eine weite Anreise auf sich.“ Teils übernachteten Kunden in Göttingen, um einzukaufen. Ob es allerdings Sammler allein der RSD-Specials gebe, wisse er nicht sicher. „Habe ich noch nicht kennengelernt, aber irgendwo gibt es sie bestimmt.“ Bangemachen oder krank werden gilt übrigens nicht beim Record Store Day. Was da ist, ist da. Was weg ist, ist weg. In der Vergangenheit hatten findige Händler immer wieder kurz nach Beginn des RSD-Verkaufs die Sondereditionen zu überhöhten Preisen auf Online-Auktionsplattformen oder Webshops angeboten. „Das macht den Tag kaputt“, meint Schubring.

Um dem entgegenzuwirken, werde pro Käufer nur eine Kopie eines Artikels vergeben. Wer den Tag verpasst, müsse dann hoffen, dass seine Wunschplatte liegenbleibt.  Schubring selbst freut sich auf eine Singles-Box mit äthiopischen Interpreten wie Astake, Gessese und nigerianischen Singles ... und auf Moondog, „obwohl ein Re-Issue“. Denn Wiederveröffentlichungen braucht er beim RSD nicht unbedingt. Jedenfalls nicht, wenn sie „second hand noch in gutem Zustand erhältlich sind.“

Ein unbekannter Tag

Record Store Day: In Göttingen ist der internationale Tag der unabhängigen Plattenläden noch nicht sehr populär

 

Göttingen. Die US-amerikanische Zeitung L.A. Times schrieb bereits 2011 über den Record Store Day (RSD), er sei „wichtiger als Weihnachten“.  In Göttingen scheinen viele Menschen von dem internationalen Tag der unabhängigen Plattenläden, der am Sonnabend, 22. April, begangen wird, noch nicht viel  gemerkt zu haben. Das ergibt sich zumindest aus einer Straßenumfrage in der Göttinger Innenstadt. „Ich finde Platten total geil“, sagt der 16-jährige Niklas, der mit seinem Freund Elias am Markt steht. Er habe sich sogar einen Plattenspieler zum Geburtstag gewünscht, erzählt Niklas.

„Das Feeling von Platten ist einfach besser.“ Vom RSD hat er allerdings bisher genauso wenig gehört wie sein Kumpel. Beide finden es dennoch gut, dass es den Tag gibt. „Vielleicht werde ich am Sonnabend mit meiner Schwester in einen Plattenladen gehen“, sagt Niklas. Ein paar Meter weiter stöbert Wolfgang Desenritter in der Ware, die vor dem Eingang des Plattenladens „Vinyl-Reservat“ in der Roten Straße ausliegt.

Wolfgang Desenritter

Quelle: Zech

Von einem Record Store Day habe er noch nichts gehört. „Doch ich habe im GT mal etwas von einem Tag der Schallplatte oder so ähnlich gelesen“, sagt der 52-Jährige. Der bekennende Plattenfan wird auf jeden Fall am RSD ein paar Plattenläden in der Stadt aufsuchen, versichert er. Selbst im Antiquariat René Krieger in der Kurzen-Geismar-Straße, wo nicht nur Bücher, sondern auch Vinylplatten verkauft werden, ist der RSD allerdings unbekannt.

„Alles, was Werbung für die kleinen Läden macht, ist sinnvoll“, meint Herbert Eberhard, der den Inhaber derzeit vertritt. Das Antiquariat werde jedoch am Sonnabend kein besonderes Programm anbieten, sagt Eberhard. „Dafür ist die Zeit zu knapp.“ Auch der 28-jährige Franz hat draußen vor dem Geschäft noch nie etwas vom RSD gehört. „Plattenläden haben einen eigenen Tag?“ fragt er verwundert. Er höre doch lieber MP3s. Trotzdem hält auch Franz den RSD für eine gute Idee. Schließlich seien „Platten wieder voll im Kommen.“ mze

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