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Das Ritual der Orientierungsphase

„Das Individuum hinter sich lassen“ Das Ritual der Orientierungsphase

Für die neuen Studierenden ist die Zeit der Orientierungsphase an der Uni Göttingen beendet. Die O-Phase soll den Einstieg in den Alltag erleichtern. Gleichzeitig sind sie ein Hort der Rituale: „Kleiderkette“, Trinkspiele, Schlachtrufe. Was hat es damit auf sich? Regina Bendix, Professorin am Institut für Kulturanthropologie, meint, sie dienen auch dazu, das Individuum hinter sich zu lassen.

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Spiele zum Beginn des Studentenlebens: Studierende treffen sich bei der Orientierungsphase.

Quelle: Hinzmann

O-Phasen-Rituale zu Beginn des Studiums, nach der Promotion wird das Gänseliesel geküsst. Warum sind Rituale im Studium offenbar so wichtig?

Rituale rund um das Lernen haben sich in den vergangenen 30 Jahren massiv verdichtet. Allein am Gymnasium hat es unglaublich viele Ritualerweiterungen gegeben. Es gibt den Abi-Scherz, die Mottotage, Abi-Ball und kleine Rituale um die Notenvergabe. Es ist ein enormes Bewusstsein für Rituale vorhanden.

Und in Bezug auf den Beginn des Studium?

Auch hier hat eine Verdichtung stattgefunden. Früher hat man am ersten Tag einen schönen Anzug angezogen und ist zur Begrüßung gegangen. Heute findet schon die offizielle Begrüßung nicht mehr in der Aula, sondern im ZHG mit Livemusik statt. Der Eventcharakter hat zugenommen. Wenn man das sieht und die vielen Ersti-Aktionen der O-Phase, ist das schon enorm. Einiges davon dient dem Übergang im Lebenslauf, aber vieles ist auch Werbemaßnahme. Es gibt viele Akteure, die im Rahmen der O-Phase versuchen, Studierende als Konsumenten zu gewinnen.

Was ist dann die Rolle des studentisch organisierten und teilweise eher partylastigen Teils der O-Phase?

Das begreife ich als Sozialisierungsmaßnahme. Man wird sozialisiert und enkulturiert in Fachkulturen. Man nimmt die Neulinge sichtbar und hörbar in die neue Berufskultur mit. Die Mediziner haben dann zum Beispiel immer schon die Kittel an, um ihren zukünftigen Berufsstand zu signalisieren. Aber auch um sich abzugrenzen, zu zeigen, dass man eben kein Geisteswissenschaftler ist.

Wenn sich also in der O-Phase zwei Gruppen Studiengänge mit Schlachtrufen entgegentreten, geht es darum zu zeigen, dass man etwas besseres ist?

Nicht unbedingt etwas besseres, aber das ist natürlich auch Gruppenverhalten. Das sind Unsicherheit überbrückende Phänomene, wo man seine neue Zugehörigkeit öffentlich ausdrückt. Das ist wie in der Rekrutenschule früher beim Militär: Das Individuum hinter sich lassen, in die Gruppe einsteigen, Teil des neuen Standes werden – ein klassisches Ritual.

Interview: Benjamin Köster

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