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65 Jahre lang alle Register gezogen

Aus Liebe zur Orgel 65 Jahre lang alle Register gezogen

Unter uns leben viele interessante Menschen. Horst-Günther Ruebsam hat 65 Jahre lang an den Orgeln seiner Kirchengemeinde gespielt. Nun wird der 85-Jährige als Organist verabschiedet.

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Horst-Günther Ruebsam hat auf mehr als 200 Orgeln gespielt.

Quelle: Theodoro da Silva

Hetjershausen . Am Sonntag wird Ruebsam noch einmal die Orgel in der Kirche in  Hetjershausen spielen – eine der vielen Orgeln, die er in seinem Leben gespielt hat. Dass er das Instrument überhaupt wieder bedienen kann, ist erstaunlich genug. Denn ein Schlaganfall hat
Ruebsam vor einem Jahr umgeworfen. Er habe gar nichts mehr gekonnt, sagt er. Er musste wieder sprechen lernen, doch er kämpfte sich zurück und kann nun auch wieder Orgel spielen.

Sich ins Leben zurück kämpfen musste Ruebsam schon mehrfach. Er wächst in einer musikalischen Familie auf, selbstverständlich gibt es ein Klavier im Haus und Hausmusikabende – seiner Familie gehört eine Zeitung in Erfurt. Doch der Zweite Weltkrieg zerreißt die Sicherheit des bürgerlichen Lebens. Der 1927 geborene Ruebsam muss die schwere Zeit der Kriegsgefangenschaft überstehen. Als 20-Jähriger flüchtet er aus der sowjetischen Besatzungszone in den Westen. Fast seine gesamte Familie verlässt schließlich die DDR, wo ein sozialistisches System installiert wird.

Ruebsam baut sich ein neues Leben in Göttingen auf. Er arbeitet als Schriftsetzer- und Buchdruckermeister, wirkt zunächst für die Göttinger Druckerei und später für das Göttinger Tageblatt, wo er für die Auszubildenden zuständig ist.

Am 21. September 1947 spielt der 20-Jährige zum ersten Mal in einem Gottesdienst die Orgel, und zwar in Knutbühren – der Auftakt eines langen Wirkens. Er spielte nicht nur in Knutbühren, sondern auch in den Kirchen in Elliehausen, Hetjershausen und Groß Ellershausen.

Auf über 200 Orgeln gespielt

Er wirkte darüber hinaus auch als Chorleiter und hielt Gottesdienste, doch die Orgel stand immer im Mittelpunkt seines Schaffens.  Manchmal, wenn es auf der Arbeit oder auch im Privatleben zu turbulent wurde, klinkte sich Ruebsam aus und spielte erst einmal für eine Viertelstunde auf einer Orgel in der Nähe. Und wo auch immer er hinfuhr, besorgte er sich Kirchenschlüssel und spielte auf der Orgel. In einem kleinen Heft hat er festgehalten, wo überall er gespielt hat. Es seien mindestens 200 verschiedene Orgeln gewesen, sagt er. Seine große Familie – er hat acht Kinder – lebte mit der Leidenschaft des Vaters, auch wenn dies manchmal bedeutete, zu warten, so etwa zu Weihnachten. Dann kam der Vater erst nach mehreren Gottesdiensten nach Hause.

Fragt man Ruebsam nach seinen Lieblingsstücken, fällt ihm eine Antwort schwer. Er holt Stücke von Johann Sebastian Bach hervor und von Louis Lewandowski, und dann sucht er auch schon weiter.

Zweites Hobby Eisenbahn

Nach der Orgel als großer Liebe stand bei Ruebsam als zweites Hobby noch die Eisenbahn. Interessiert verfolgte er die Lückenschlüsse zwischen West- und Ostdeutschland nach der Wiedervereingung.

Eine Sehnsucht nach der alten Heimat in Erfurt ist in Rueb­sam die ganzen Jahre über wach geblieben. Zur Gnadenkonfirmation ist er in diesem Jahr wieder in der Stadt zu Besuch gewesen, in der er 1942 konfirmiert wurde.

Ruebsam wird am Sonntag, 30. September, um 10 Uhr im Erntedank-Gottesdienst in Hetjershausen verabschiedet. „Mit langem Atem zum Lobe Gottes“ ist das Motto des Gottesdienstes.

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