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„Das war die beste Zeit meines Lebens“

Vincent Kruse „Das war die beste Zeit meines Lebens“

Unter uns leben viele interessante Menschen. Einer davon ist Vincent Kruse: Mit gerade mal 15 Jahren machte der Göttinger einen Austausch auf den Philippinen-Inseln mit.

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Hat in Tacloban City viel erlebt: Vincent Kruse war zehn Monate lang auf den Philippinen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Ein Bild deutscher Bürgerlichkeit: Die Sonne steht hoch über dem ehemaligen Bauernhaus. Vincent und seine Eltern sitzen gemütlich im Schatten ihres großen Apfelbaumes. Getränke, um sich von der prallen Mittagssonne abzukühlen, stehen griffbereit. Daneben liegt die aufgeschlagene Tageszeitung. Ein Bild jedoch, an das sich Vincent Kruse erst wieder gewöhnen muss – so ist der jetzt 16-Jährige doch gerade vom anderen Ende der Welt zurückgekehrt. In Tacloban City, einem Ort auf einer Insel im mittleren Osten der Philippinen, lebte er zehn Monate bei einer Gastfamilie und lernte den asiatischen Schulalltag kennen. Das rauschende Meer zu den Füßen, fremde Gebräuche, asiatische Gastfreundschaft und eine anschließende Rundreise waren ebenfalls Teil seines Aufenthaltes.

Organisiert und durchgeführt wurde Vincents Austausch von AFS Intercultural Programs (AFS), einer internationalen Austauschorganisation, die sich für die Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen einsetzt und Austauschschüler vor Ort betreut. „Das war die beste Zeit meines Lebens“, schwärmt Vincent. „Ich durfte so viele neue Menschen kennen lernen und Erfahrungen sammeln, die mich noch mein ganzes Leben begleiten werden.“
Zu den wichtigsten Menschen, die Vincent während dieser Zeit kennen lernte, gehörten natürlich seine Gasteltern und seine drei Gastgeschwister, die den deutschen Familienzuwachs herzlich bei sich aufnahmen und ihm dabei halfen, den „klassischen“ Kulturschock zu überwinden: „Gerade meine philippinische Mum ist mir sehr ans Herz gewachsen. Sie hat mich wie ihren eigenen Sohn behandelt, was natürlich auch meine echte Mutter gefreut hat. Als ich sie das erste Mal von den Philippinen aus angerufen und ihr gesagt habe, dass ich mich dort wohlfühle, war sie, denke ich sehr erleichtert.“

Wo viel Sonne ist, da ist auch viel Schatten

Aber wie heißt das alte Sprichwort so schön? Wo viel Sonne ist, da ist auch viel Schatten. Vincents asiatisches Zuhause, Tacloban City, wird wegen seiner geografischen Lage auch „Die schöne Stadt an der Bucht“ genannt, zählt allerdings zu den ärmsten Städten der Insel-Gruppe.
Angesprochen auf die Frage, ob er sich Gedanken über Armut und Gewalt gemacht habe, antwortet Vincent mit einen Kopfschütteln. „Nein, vor Übergriffen oder so was in der Art hatte ich keine Angst. Einmal bin ich sogar mit einem Betreuer durch die Slums der Stadt gefahren. Die Leute so zu sehen, tat mir wirklich leid. Es war erstaunlich, dass sie mir gegenüber so freundlich waren – trotz ihrer Situation. Ich weiß mein Leben hier jetzt noch mehr zu schätzen.“ Um Eindrücke wie diesen besser zu verarbeiten, erklärt er, müsse man aber definitiv viel Einfühlungsvermögen mitbringen und bereit sein, sich schnell auf die fremde Kultur einzulassen.

Einfühlungsvermögen musste der jetzt 16-Jährige auch an seiner Schule auf den Philippinen unter Beweis stellen – angefangen beim Krawattebinden passend zur Schuluniform bis  hin zum Unterricht auf Englisch und zum regelmäßigen Beten des Rosenkranzes. Da die meisten Bewohner in der Region römisch-katholisch sind, sei der Glaube dort wichtiger Bestandteil im Schulalltag.
Es ist beruhigend zu hören, dass Vincent, trotz aller Weltmännischkeit, die er während des Gesprächs an den Tag legt, zugibt, an manchen Tagen doch ein wenig Heimweh verspürt zu haben. Feiertage und Geburtstage seien besonders „unangenehm“. An solchen Tagen hätten ihm Familie und Freunde gefehlt. Weihnachten aber fand er auch aus einem anderen Grund seltsam: „Überall Kitsch in den Kaufhäusern, Weihnachtsbäume aus Plastik und keine Geschenke. Andere Länder, andere Sitten eben.“

Dieses Jahr wäre Vincent normalerweise in die elfte Klasse der Geschwister-Scholl-Gesamtschule gekommen. Wegen seines Aufenthaltes wiederholt er die zehnte Klasse. Ob es das für ihn wert gewesen sei, neue Mitschüler zu bekommen und hier quasi von vorne zu beginnen? „Auf jeden Fall. Ich würde nichts anders machen. Ich habe außerdem gemerkt, wer wirklich mit mir befreundet ist und wer nicht.“

Was er nach der Schule machen möchte, steht allerdings noch nicht fest. Jetzt heißt es erst mal, sich ein wenig im Garten der Eltern von den aufregenden Erlebnissen auf den Philippinen zu erholen.

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