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Die rote Zora und ein alter Zettelkasten

Unter uns Die rote Zora und ein alter Zettelkasten

Unter uns leben viele interessante Menschen. Angelika Hagedorn betreut seit 35 Jahren die Zweigstelle der Stadtbibliothek in Roringen. Ans Aufhören denkt die 72-Jährige noch lange nicht.

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Ehrenamt zwischen Göttinger Tafel und Stadtteilbibliothek: Angelika Hagedorn engagiert sich.

Quelle: CH

Roringen. „Wer will denn hier in Roringen lesen?“ Mit Skepsis haben die Roringer die Eröffnung ihrer Stadtteilbibliothek begleitet. „Nach einem Jahr machst du wieder zu“, prophezeiten sie Angelika Hagedorn, die zwei Jahre um eine Bücherei in ihrem Ort gekämpft hatte. Das war vor 35 Jahren. Angelika Hagedorn und die Bücherei sind immer noch da. Wie am ersten Tag kümmert sich die heute 72-Jährige um ihre Bibliothek. Ehrenamtlich bis zu 30 Stunden im Monat, und noch immer hat sie Spaß an ihrer Arbeit.

Dass Roringen heute eine Bücherei hat, ist Hagedorns Tochter zu verdanken. Als die anfing, sich für Bücher zu interessieren, musste Mutter Hagedorn für neuen Lesestoff sorgen. „Ich hatte aber keine Lust, ständig in die Stadt zu fahren“, sagt sie. Schnell reifte die Idee, das Thiehaus, in dem auch schon vor der Eingemeindung die Gemeindebücherei untergebracht war, wieder als Bibliothek zu öffnen. „Zwei Jahre habe ich immer wieder mein Anliegen bei der Stadtbibliothek vorgetragen“, sagt Hagedorn. Mit Erfolg: Eröffnung in der Langen Straße in Roringen war am 13. September 1977.

Auch bei Hagedorn fing die Liebe zu Büchern schon in der Grundschule an. „Jeden Tag bin ich damals in die Bibliothek gerannt“, sagt sie. Noch gut könne sie sich an die Bibliothekarin in ihrer Heimatstadt Hagen erinnern. Alle Bände von Karl May hat sie als Schülerin verschlungen. Ihre ewigen Kinderbuch-Favoriten sind die Detektivgeschichte „Das Rote U“ von Wilhelm Matthießen und „Die rote Zora“ von Kurt Held. Schnell war klar: Bibliothekarin wollte sie werden. Nicht an einer gediegenen Universitätsbibliothek, lieber als Bibliothekarin in einer Stadtbücherei. Ein Plan, der auf wenig Gegenliebe bei dem Vater stieß. „Der wollte, dass ich studiere“, sagt Hagedorn. Das hat sie auch getan – ab 1959 Germanistik und Geografie in Göttingen.

Heute betreut Hagedorn rund 5000 Medien in Roringen. Pro Ausleihtag – immer dienstags zwischen 15 und 18 Uhr – gehen 220 davon über die bescheidene Ausleihtheke im Thiehaus, wo Hagedorns wichtigstes Arbeitsutensil ein hölzerner Zettelkasten ist. Hinzu kommen die 300 Bücher, die einmal im Monat von den Grundschülern in Herberhausen ausgeliehen werden. Regelmäßig ist Hagdorn dort zu Besuch ab. Einen Computer, mit dem die Ausleihen verwaltet werden, gibt es nicht. Auch die Roringer Kindergartenkinder kommen regelmäßig.

Und die „Gummibärchenwurfmaschine“, sagt sie lachend. Ohne Gummibärchen bekommen zu haben, verlässt keiner ihrer meist jungen Kunden die Bücherei. Inzwischen, so sagt Hagedorn, kommen die Kinder von einst mit ihren eigenen Kindern und versorgen diese mit neuen Büchern. Um den Überblick zu behalten, hat sie deren Namen auf eine kleine Pappkarte geschrieben, die vor ihr auf dem Tresen liegt.

Ans Aufhören denkt Angelika Hagedorn längst noch nicht. „Wenn ich hier aufhöre, wird die Bücherei geschlossen“, sorgt sie sich.

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