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Entschluss zur Seefahrt: „Sprung ins kalte Wasser“

Ehe auf Entfernung Entschluss zur Seefahrt: „Sprung ins kalte Wasser“

Unter uns leben viele interessante Menschen. Karin und Klaus Vogel gehören zu ihnen. Er ist Kapitän auf großer Fahrt und die Hälfte seiner Zeit auf hoher See unterwegs. Sie ist Krankenschwester und betreut im Raum Göttingen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Gemeinsam haben sie vier Kinder und ein Zuhause in Eddigehausen.

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Sind wegen seiners Berufes oft lange Zeit getrennt: Karin und Klaus Vogel aus Eddigehausen.

Quelle: Theodoro da Silva

„Eigentlich habe ich zwei Berufe“ sagt Klaus Vogel. Er ist Historiker und Kapitän. Zuerst habe er Arzt werden wollen. Doch das Studium habe ihm nicht gefallen. Da er nach der Schule ein Jahr lang praktisch arbeiten wollte, kam er auf die Idee, zur See zu fahren. Ein Kapitän legte dem Abiturienten nahe, die Zeit auf See für eine Ausbildung zu nutzen. Vogel hatte Glück. Trotz der normalerweise langen Wartezeiten wurde er bei Hapag-Lloyd sofort angenommen. Einer der nautischen Auszubildenden war krank geworden. Zwei Wochen später war der junge Mann auf dem Stückgutfrachter „Bavaria“ nach Indonesien unterwegs. Ein Traum war für ihn wahr geworden.

An der Hochschule für Nautik in Bremen erwarb Vogel mit drei Jahren Studium sein nautisches Patent. In dieser Zeit lernte der Hamburger seine Frau Karin kennen. Die Bremerin war Schwesternschülerin in dem Krankenhaus, in dem er sich sein Studium als Hilfspfleger finanzierte. Drei Wochen machten sie dort gemeinsam die Betten, dann verabredeten sie sich. An eine Zukunft zu zweit dachten sie damals noch nicht. „Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich zur See fahre und eine Frau habe, die zu Hause auf mich wartet“, sagt Vogel. Nach dem Examen als Krankenschwester fuhr auch Karin ein Jahr als Stewardess zur See. Einmal – im Indischen Ozean – sind sich „ihre“ Schiffe auf dem Meer begegnet.

Sie trafen sich wieder und wurden ein Paar. Als sie schwanger war, beschlossen sie zu heiraten. Schon vorher hatte er daran gedacht, nur noch die halbe Zeit im Jahr zur See zu fahren. Das zweite Halbjahr wollte er weiter studieren und hatte dafür in Göttingen eine kleine Wohnung angemietet. Aus der kleinen Wohnung wurde eine große, er kündigte und schrieb sich an der Georgia Augusta für Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaftslehre ein. 1983 wurde Lena geboren, 1985 kam Max. Mit einem Studienstipendium ging die junge Familie für ein Jahr nach Paris. 1988 wurde Lukas geboren, 1992 Pia. Bis zum dritten Kind arbeitete Karin Vogel, dann wurde es zu viel. Sie machte Pause. Drei Jahre später beendete Klaus Vogel am Max-Planck-Institut für Geschichte seine Promotion. Ein Jahr lang pendelte er nach Berlin, wo er eine befristete Stelle bekommen hatte.

Mit einem Forschungsstipendium zog die ganze Familie für ein Jahr nach Rom. Es war für alle eine gute Zeit. Doch es ging nicht wirklich weiter. Mit Anfang 40 wollten Karin und Klaus Vogel „irgendwo ankommen“. Als Koordinator des Projekts „Interdisziplinäre Gewaltforschung“ bekam Klaus Vogel nochmals eine befristete Stelle am Max-Planck-Institut für Geschichte, dann wurde er arbeitslos. Nach 17 Jahren an Land und doch auf unsicherem Grund fassten beide den Entschluss, dass er es nochmals mit der Seefahrt versuchen solle.„Es war für alle ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Vogel. Seiner Frau und seinen Kindern fehlten plötzlich Mann und Vater. „Pia hat geweint, als ich das erste Mal weg musste“, erinnert er sich an den ersten Abschied. Andererseits machte die Entscheidung Mut. Das Schreckgespenst, arbeitsloser Akademiker zu sein, war vertrieben. „Es war plötzlich eine Stabilität da, die wir vorher nie hatten.“ Als psychosoziale Betreuerin fand Karin Vogel eine Arbeit, die sie mit ihrer Situation als „alleinerziehende“ Mutter vereinbaren konnte. „Am Anfang war es am krassesten“, erzählt Vogel. Vier bis fünf Monate war er auf den Weltmeeren unterwegs, bevor er zweieinhalb Monate Urlaub machen konnte. Nachdem er Kapitän geworden war, wechselte er wieder zu Hapag-Lloyd, wo er für jeden Tag Arbeit einen Tag Urlaub bekam. „Wenn es ging, sind wir zu meinem Mann an Bord gekommen“, schildert Karin Vogel.

„Anfangs konnte sich in unserer Umgebung niemand vorstellen was es heißt, zur See zu fahren“, sagt sie. „Hat Klaus irgendwo ein Appartement“, fragten Bekannte, die sich seine Arbeit nicht vorstellen konnten. Doch das Leben des Kapitäns an Bord spielt sich zwischen Büro und Brücke ab. In den siebenstöckigen Aufbauten des 294 Meter langen Containerschiffs hat jeder der 22 Mann Besatzung eine eigene Kabine.
Inzwischen hat sich das Leben für die Familie eingespielt. „Zum Glück gibt es E-Mail“, sagt Klaus Vogel. Fast jeden Tag schreibt sich das Paar, auch die Kinder bekommen regelmäßig eine Mail von Bord. Schwieriger sei es zu telefonieren. Gespräche über Satellit seien oft gestört. „Ich krieg dann auch so eine Sehnsucht“, gesteht er. „Man kommt an seine Grenzen“, beschreibt Vogel seinen Job. „Der Stress ist hoch. Manchmal fühle ich mich an Bord wie eingesperrt.“ Doch er spürt auch das Faszinierende der Arbeit: Dass es toll ist, so ein großes Schiff zu fahren, die Mannschaft anzuleiten, sich in der Natur in Extremsituationen zu bewegen. Zweimal ist Karin Vogel mitgefahren. Das habe ihnen sehr geholfen.

„Wenn mein Mann nach Hause kommt, versuche ich mir erstmal eine Woche frei zu nehmen“, sagt die fröhliche Frau mit 52 Jahren. Am liebsten fahren sie zusammen für ein paar Tage weg. Doch dann gilt es, den Alltag zu leben. „Wenn ich zu Hause bin, habe ich Zeit“, sagt der 54-Jährige – für seine Frau und für die Kinder, von denen Pia mit 18 Jahren als Jüngste noch zu Hause ist. Doch wie jeder andere möchte er eingebunden sein, seine Aufgaben haben. Manche seiner Fähigkeiten liegen an Bord brach, beschreibt er. Auch deshalb hat er es seiner Frau nachgetan und engagiert sich für die Kirchengemeinde in Eddigehausen. Ab und zu beschäftigt er sich mit einem historischen Projekt.
Gemeinsam arbeiten Karin und Klaus Vogel stetig daran, ihre zwei so unterschiedlichen Leben immer wieder miteinander zu verbinden. Bis Mitte September haben sie dieses Mal zusammen Zeit. Dann geht der Kapitän wieder auf große Fahrt.

Von Ute Lawrenz

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