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Aufstand der Unanständigen

Wätzolds Woche Aufstand der Unanständigen

Die offizielle Deutsche-Einheits-Feier in Dresden zu veranstalten und sich hinterher über das Gepöbel des braunen Mobs zu beklagen, ist ungefähr so, wie eine Bischofskonferenz im Swingerclub abzuhalten und sich danach über sexuelle Ausschweifungen aufzuregen.

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Quelle: CH

Immerhin sind nun auch führende Bundespolitiker zu der Erkenntnis gelangt, dass Pegida-Anhänger keine „besorgten Bürger“ sind, sondern der Anfang vom Ende von Rechtsstaat und Demokratie. Weil nämlich nicht mehr nur Fremde, Linke, Schwule, Hinz und Kunz beschimpft und bedroht werden, sondern auch sie selbst und zwar in übelster Hitler-Tradition als „Volksverräter“.

Hoffentlich kommt diese Einsicht nicht zu spät, denn das Verharmlosen und Wegschauen seit den 90ern von Biedenkopf und Co. hat nämlich nicht nur dazu geführt, dass ganz selbstverständlich das Undenkbare wieder gedacht und das Unsagbare wieder gesagt und getan wird, sondern (und das ist viel beunruhigender), dass mittlerweile auch Polizei und Justiz in den deutschen Ostgebieten nazistisch durchsetzt sind. Anders sind zahlreiche skandalöse Polizeieinsätze, Ermittlungen und Urteile der letzten zwanzig Jahre nicht erklärbar. Selbst am Montag wurden linke Proteste unterbunden, aber dem rechten Mob die besten Plätze vor der Frauenkirche überlassen.

Zwar will die sächsische Landesregierung nun endlich den Kampf gegen Rechts aufnehmen; aber wie soll das gehen, wenn Markus Ulbig Innenminister bleibt? Von wegen Bock und Gärtner. Aber selbstverständlich ist das Ganze kein reines Ost-Problem. Auch wir Göttinger können uns angesichts der entglittenen Einheits-Party tüchtig mit schämen. Denn der Polizeiführer, der am Montag bei der Pegida-Kundgebung die Versammlungsauflagen nach eigenem Bekunden gern über seinen Lautsprecherwagen verlas, weil die Technik der Rechten streikte und dabei dem Mob „einen erfolgreichen Tag“ wünschte, gehörte zur Göttinger Hundertschaft, die die sächsische Polizei unterstützt hat.

Dabei hätten wir den Mann hier so gut gebrauchen können. Wenn der nämlich das 150 000 Euro teure Geschwindigkeitsmessgerät an der B 247 bewacht hätte, dann wäre es nicht zerstört worden, sondern könnte Bußgelder generieren. Da hätte er der Allgemeinheit einen guten Dienst erwiesen. Und dafür sind Polizisten doch schließlich da und nicht, um sich bei den Feinden der Demokratie anzubiedern.

Den Autor erreichen Sie unter redaktion@goettinger-tageblatt.de.

Nachtrag 14.10.2016: Letzten Samstag schrieb ich, dass der Polizist, der den Teilnehmern der Pegida-Kundgebung am 3.10. "einen erfolgreichen Tag" wünschte, der Göttinger Hundertschaft angehört. Diese Information hatte ich der Presse entnommen. Nun hat mich der von mir sehr geschätzte Thomas Rath (Leiter der Polizeidirektion Göttingen) darauf hingewiesen, dass diese Pressemeldung falsch war und der Mann einer anderen Einheit angehört. Es ist mir wichtig, dies an dieser Stelle richtig zu stellen, denn ich möchte nicht zu einer Fehlverurteilung der Göttinger Polizei beitragen.

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Wätzold steht nicht nur auf dem Sockel, sondern auch auf der Bühne - bei der Comedy Company. mehr