Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Geschmackssache

Wätzolds Woche Geschmackssache

Nach heftigen Anschuldigungen wurde also die komplette Ausstellung in der Zentralmensa abgehängt, obwohl doch laut Studentenwerksgeschäftsführer Magull eigentlich „allen zugemutet werden muss, das auszuhalten“ und der Sexismusvorwurf „völlig haltlos“ sei.

Voriger Artikel
Bildungsnotstand

Motiv von Marion Vina in der Ausstellung „Geschmackssache“.

Quelle: GT

Göttingen.
Nach heftigen Anschuldigungen wurde also die komplette Ausstellung in der Zentralmensa abgehängt, obwohl doch laut Studentenwerksgeschäftsführer Magull eigentlich „allen zugemutet werden muss, das auszuhalten“ und der Sexismusvorwurf „völlig haltlos“ sei.

Dabei ist es natürlich völlig legitim, Bildmotive als sexistisch zu empfinden; schließlich entsteht Kunst im Auge des Betrachters, oder eben auch nicht. Und selbstverständlich kann man anderen nicht vorschreiben, was sie beim Anblick bestimmter Bilder (nicht) zu empfinden haben. (Die Begründung, dass Exponate sexistisch seien, weil es sich um „idealisierte und normschöne Frauenkörper“ handele, irritiert mich allerdings schon, oder wären die Bildbotschaften andere, wenn stattdessen adipöse Runzelkörper dargestellt worden wären?)

Deshalb aber zu verlangen, dass die Bilder abgehängt werden ist genauso borniert, wie der Umgang des Studentenwerkes mit dem Sexismusvorwurf. Denn damit unterstellt man ja, dass nach objektivem Maßstab sexistisch gemalt wurde.

Sockelstürmer

Sockelstürmer: Kolumnist Lars Wätzold behält das Stadtgesehen im Blick.

Quelle: Christina Hinzmann

Die Künstler wiederum sind schon einigermaßen blauäugig, wenn sie die erwartbaren Proteste (Hallo, wir sind in Göttingen!) laut Magull „in Schockstarre“ versetzt haben. So richtig kalte Füße bekamen die Verantwortlichen aber wohl erst beim Antisemitismus-Vorwurf, geäußert von der FDP durch ihren Stadtverbandsvorsitzenden Achim Doerfer, der auch noch Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde ist. Denn das ist natürlich ein ganz anderes Kaliber, als wenn sich ein paar Studis an nackten Brüsten, ausgebeulter Männerplinte und schlüpfrigen Anspielungen stören; zumal seitdem ja auch bundesweit berichtet wird.

Gleichzeitig geriert sich nun die FDP als Freundin der Freizügigkeit und kritisiert, dass die „harmlosen Zeichnungen erotischer Art“ entfernt wurden und dass diejenigen, die dagegen protestieren, die Abwertung von Juden nicht bemerken. Sind also die Gleichstellungebeauftragte der Uni und die Asta-Vorsitzende für die FDP lustfeindliche Antisemitinnen?! Schon toll, wer in der ganzen Angelegenheit wem was vorwirft – und wir sind bestimmt noch nicht am Ende der Fahnenstange.

Und nun hängen da 45 leere Rahmen und warten darauf bebildert zu werden. Mein Vorschlag zur Güte: Um die Gemüter abzukühlen, könnte man doch einen renommierten Künstlers ausstellen, der über jeden Zweifel erhaben ist. Wie wäre es denn zum Beispiel mit Bernd Pfarr und seinen sehr lustigen „Sondermann“-Bildern zum Thema „Negerschrubben“?

Von Lars Wätzold

Voriger Artikel
Mehr aus Wätzolds Woche

Wätzold steht nicht nur auf dem Sockel, sondern auch auf der Bühne - bei der Comedy Company. mehr