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Pferdekopf und Entenfuß

Wätzolds Woche Pferdekopf und Entenfuß

Am Montag war ich beim Musical „Christmas Miracle“ in der Stadthalle - schließlich hatte mich irgendwer als „lieber Nachbar“ dazu eingeladen.

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Junge Dummion

Göttingen. Außerdem setzt sich die veranstaltende Organisation „International Youth Fellowship“ laut ihrer Facebook-Seite „für den geistigen und emotionalen Wachstum der jungen Menschen auf der ganzen Welt ein“ und mental bin ich ja nun kurz nach dem Abi.

Der Abend war dann aber eher eine Mischung aus „Das Supertalent“ und „Ein Kessel Buntes“, denn das Musical dauerte nur eine halbe Stunde. Vorher gab es tanzende Jugendliche, einen Jammerschlager, „Rampampampam“ auf dem Cello und eine singende Presswurst, die sich als Opernsängerin verkleidet hatte. Zwischendurch wurde gesagt, dass die Truppe das Musical bereits in 26 US-Städten gespielt hat.

Das machte mich skeptisch, schließlich wurde in den USA danach ein unzurechnungsfähiger Milliardär zum Präsidenten gewählt. Und entsprechend verstörend ging es dann auf der Bühne auch zu: 23 Koreaner waren zu sehen, die völlig übertrieben in bajuwarischen Kostümen und im Vollplayback mit Fake-Headsets vor einer Fachwerk-Kulisse agierten. Die Handlung war so schlicht, dass ich zwischendurch dachte, ich hätte irgendwas entscheidendes verpasst; dabei war einfach nichts Entscheidendes passiert.

Danach allerdings kam völlig unverhofft der Höhepunkt des Abends, der für alles vorherige entschädigte, nämlich die Rede von Herrn Wontae Lee, der als Pastor angekündigt wurde. Entweder hat der Mann einen äußerst skurrilen Humor, oder er hatte vor der Show vergessen, seine Pillen zu nehmen. Zunächst legte er uns nämlich blumig und dauerlächelnd dar, wie er noch als Sechstklässler ins Bett, beziehungsweise „eine Landkarte auf die Bettdecke“ gemacht hat.

Dann erklärte er uns verschmitzt, wie er in der Schule wegen seines dicken Kopfes und seiner furchtbar deformierten „Entenfüße“ gehänselt wurde, die wir allerdings gerade nicht sehen könnten, weil er ja Schuhe anhat. Als ich mich ernsthaft fragte, wo die Reise jetzt wohl noch hingeht (zumal Herr Lees Kopf von unauffälliger Größe war), machte er den Sack zu. Jesus trat dann nämlich in sein Leben und sagte laut Übersetzerin den wunderbaren Satz: „Ja, du bist vielleicht unfähig, aber ich denke da anders als du.“ Und weil Jesus „gekommen ist, um am Kreuz zu sterben“, war es Pastor Lee schlagartig völlig egal, dass er einen „Pferdekopf“ und Entenfüße hat. Enorm. Und so ging ich dann mit der beruhigenden Gewissheit heim, dass das Martyrium des Heilands einen Sinn hatte.

Dein Lars Wätzold

Den Autor erreichen Sie unter redaktion@goettinger-tageblatt.de.

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