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100 Tage im Amt: Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler

Tageblatt-Interview 100 Tage im Amt: Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler

Seit 100 Tagen ist Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler im Amt. Das Tageblatt hat den Sozialdemokraten nach seinen ersten Eindrücken und Erfahrungen gefragt – auch zum Thema Flüchtlingsunterkünfte.

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Hat gut Lachen nach 100 Tagen im Amt: Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler. Hinzmann

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Der 63-Jährige war vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft und lange kommunalpolitisch aktiv.

Sind Sie schon im neuen Job angekommen?
Rolf-Georg Köhler: Das war schon ein großer Sprung an die Spitze eines großen Unternehmens mit mehr als 2500 Mitarbeiterinnen und  Mitarbeitern. Ich musste und muss mich erst einmal in die Strukturen einarbeiten. In meinem vorherigen Beruf konnte und musste ich mich oft sehr mit Details beschäftigen. Dass geht hier angesichts der Fülle unterschiedlicher Verfahren und Vorgänge nicht. Jetzt muss ich mich auf die Zuarbeit aus dem Haus einlassen und am Schluss entscheiden – in voller Verantwortung. Eine Lehr- oder Probezeit gibt es für Oberbürgermeister nicht. Dieser Prozess des Dazulernens und Einarbeitens wird nie ganz zu Ende sein. Im Rathaus bin ich aber mit offenen Armen empfangen worden, das macht es leichter. 

Als langjähriger Ratsherr und Fraktionsvorsitzender müssten sie die Strukturen doch kennen?
Es ist ein Rollenwechsel. Der Blick von außen als Politiker in die große Verwaltung ist doch etwas ganz anderes als die jetzt erforderliche Binnenkenntnis. Früher habe ich mich mit Vorlagen für den Rat politisch beschäftigt, heute bin ich verantwortlich für diese Vorlagen.

Sie waren auch vorher schon in Göttingen bekannt. Begegnen Ihnen die Menschen jetzt anders?
Ja, natürlich. Man muss aufpassen, dass man die persönlichen Beziehungen und das Amt mit seinen Funktionen sauber trennt. Ich erlebe – und das ist erfreulich – aber auch so etwas wie eine Akzeptanz des Amtes im positiven Sinn. 

Gibt es etwas, das Sie so gar nicht erwartet haben?
Da gibt es sicher etwas, aber das werde ich nicht öffentlich verraten.  

Wie viele Stunden in der Woche arbeiten Sie?
Höflich ausgedrückt: 40 Stunden reichen nicht. Aber das ist kaum anders als in meinem vorherigen Beruf. Ich habe keinen Grund zur Klage. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Meine Arbeit macht mir richtig Freude.

Ein weiteres wichtiges Thema  in den zurückliegenden 100 Tagen war sicher  der Haushaltsplan der Stadt für 2015. CDU, FDP und Linke haben ihn abgelehnt. Hat Sie das geärgert?
Nein. Das ist sehr gut gelaufen. Die Haushaltsreden der Fraktions- und Gruppenvorsitzenden waren inhaltlich sehr fair, sachlich und gut – auch im Umgang mit denen, die den Etat vorbereitet haben. Inhaltliche Differenzen sind im Rat etwas ganz Normales. 

Die Flüchtlingsunterbringung und -betreuung bestimmen zurzeit die öffentliche Diskussion in Göttingen. Wie beurteilen Sie den Prozess ?
Das Thema wird mich und uns noch viele Jahre beschäftigen. Mit dem Projekt für ein Wohnheim auf den Zietenterrassen haben wir einen ersten Schritt gemacht, in sehr kurzer Zeit. Das ist gut gelungen. Was vielen nicht bewusst ist: Wir müssen vor allem im Bereich von Ausschreibung und Vergabe sehr genau und detailliert arbeiten, damit am Ende rechtlich alles Bestand hat, weil wir uns Zeitverlust nicht leisten können. Natürlich können dabei auch Fehler unterlaufen. Aber unsere Fachleute wollen ein ordentliches Ergebnis abliefern. Sie haben mein volles Vertrauen. 

Die Anwohner der Zietenterrassen  beklagen aber, sie seien nicht früh genug informiert worden.
Womit hätten wir sie früher informieren sollen? Wir mussten erst einmal Standortüberlegungen anstellen und bewerten. Das ist passiert, Anfang Dezember, öffentlich. Erst anschließend konnten wir einen konkreten Bau planen. Das ist unter hohem Zeitdruck binnen Wochen passiert, so dass wir Rat, Ortsrat und Öffentlichkeit bereits am 27. Januar zeitgleich Informationen liefern konnten, mit denen Bürgerinnen und  Bürger etwas anfangen können. Die Aufregung war dann bei einigen trotzdem groß. Ich denke, dass wir die Bedenken  noch nicht ganz ausräumen konnten. Aber wir haben inzwischen die Stimmungslage geändert. 

Wie viel Emotionen lassen Sie bei so einem Thema zu?
Natürlich muss man auch als Oberbürgermeister Emotionen zulassen. Aber zunächst muss man praktisch arbeiten und eine Lösung finden, auch und gerade bei diesem Thema. 

 
Welche zwei Themen haben ihnen noch Kopfschmerzen bereitet?
Zum einen die angekündigten Bundesmittel über 4,5 Millionen Euro für das Kunstquartier. Dafür müssen wir noch viel Arbeit, auch Überzeugungsarbeit leisten, damit das klappt. Ich halte es aber für eine grandiose Chance, neben der kulturellen Bedeutung im Kern der Stadt einen solchen städtebaulichen Impuls zu setzen.

Und zum anderen?
Ein neuer Flächennutzungsplan, mit dem wir mindestens für die nächsten 10 bis 15 Jahre strategisch vorgeben wollen, wohin sich Göttingen unter anderem in den Bereichen Verkehr, Wohnungsbau und Gewerbeflächen entwickeln soll. Da steckt sehr viel Arbeit drin, die hoffentlich auch das Interesse der Öffentlichkeit gewinnt.

Über welches Erlebnis haben Sie sich in den ersten 100 Tagen besonders gefreut?
Das sind eigentlich zwei. Dass  Stefan Hell den Nobelpreis für Chemie bekommen hat, das ist einfach grandios – für Hell selbst, für die Max-Planck-Gesellschaft und für diese Stadt als Wissenschaftsstandort. Und zweitens die Reaktion der Mitarbeiterinnen aus dem Reinigungsdienst im Neuen Rathaus, die ich an meinem ersten Arbeitstag besucht habe. Ihre Arbeit wird oft zu gering geschätzt. Sie gehören zum Team der Verwaltung. Ihre Reaktion hat mir bestätigt, dass wir gemeinsam viel für diese Stadt bewegen können. Das hat zum Start richtig gut getan.

 Interview: Ulrich Schubert

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