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20 Jahre Göttinger Tafel: Auf Sammeltour mit den Lebensmittel-Fahrern

Thema des Tages 20 Jahre Göttinger Tafel: Auf Sammeltour mit den Lebensmittel-Fahrern

Seit 20 Jahren versorgt die Göttinger Tafel Bedürftige mit Lebensmitteln. Mehr als 90 Betriebe – von der Tankstelle über Discounter bis zur Fleischerei – spenden dafür regelmäßig Waren. Inzwischen nutzen rund 1400 registrierte Kunden das Angebot der Tafel in ihren fünf Ausgabestellen. Rund 80 ehrenamtliche Helfer teilen sich die anfallende Arbeit. Das Tageblatt war mit zwei Fahrern unterwegs.

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Essen für Bedürftige: Hassan Raissi-Morgenstern und Beate Kolbe sammeln Lebensmittel für die Göttinger Tafel.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „I can‘t stand the rain“, röhrt Tina Turner auf NDR 1 Niedersachsen im Inneren, draußen prasselt der kühle März-Regen auf den weißen Bulli der Göttinger Tafel. Beate Kolbe und Hassan Raissi-Morgenstern sind unterwegs, um Lebensmittel bei Bäckereien und Supermärkten einzusammeln. Es ist kurz nach 9 Uhr, die erste Station ihrer dreistündigen Tour ist die Bäckerei Thiele in Weende. Drei große Kisten mit Brot – Graubrot, Vollkornbrot, Mehrkornbrot – stehen schon bereit. Schnell sind sie im Transproter verstaut. Der Duft von Brot macht sich auch im Fahrerhaus breit.

Die nächste Station ist der Rewe-Markt in Bovenden. „Ihr kriegt heute nichts“, scherzt Rewe-Mitarbeiter Michael Reinhardt bei Ankunft. Immerhin zwei Kisten mit Lebensmitteln – Wurst, Jogurth, Fleischsalat – können Kolbe und Raissi-Morgenstern dann doch einsammeln. „Das war heute erstaunlich wenig“, kommentiert Kolbe die Ausbeute. Vorhersagen lasse sich das kaum, was und wie viel die Supermärkte bereitstellen. Zur Verfügung gestellt wird nur, was das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten hat. Die Tafel wiederum verteilt an ihre Kunden auch keine Ware, die bereits abgelaufen ist.

Wo Menschen geholfen wird

Seit vier Jahren fährt Kolbe für die Tafel. Ehrenamtlich. Sie habe doch Zeit, sagt die 46-Jährige. Schließlich sei sie inzwischen „voll berentet“. Im Tageblatt hatte sie damals gelesen, dass die Tafel Fahrer benötigt. Sie habe sich vorgestellt und ist bis heute geblieben.

Raissi-Morgenstern ist erst seit einem halben Jahr Helfer bei der Tafel. Er kennt aber auch die andere Seite: Vor anderthalb Jahren habe er zum ersten Mal die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen müssen. Seine Selbstständigkeit habe nicht funktioniert, Kunden seien Geld schuldig geblieben. Am Ende dann Hartz IV und der Gang zur Tafel, um über die Runden zu kommen. Nein, sagt der 56-Jährige, Scheu habe er nicht gehabt, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Es ist doch schön, dass es so etwas in Deutschland gibt, wo Menschen geholfen wird“, sagt er.

Unterdessen hat in der Göttinger Mauerstraße die Ausgabestelle geöffnet, die ersten Kunden warten schon. Sie geben ihre Kundenkarte ab, dann wird wie bei einer Lotterie die Reihenfolge ausgelost, an wen zuerst Lebensmittel ausgegeben werden. Um Streit unter der Bedürftigen zu vermeiden, erläutert Betriebsleiterin Elke Gerland. Sie wacht über das Lebensmittellager und die Ausgabe. Jeweils drei Helfer verrichten hier ihre Arbeit.

„Guten Tag, die Tafel ist da“

Zweimal in der Woche komme sie zur Tafel, sagt eine junge Mutter. Oft gegen Ende des Monats, wenn das Geld knapp wird. Heute landen Brot, Nudeln und Bananen in den mitgebarchten Taschen. „Das hilft weiter“, sagt sie.
Kolbe und Raissi-Morgenstern haben in der Zwischenzeit den Tegut-Markt in Weende an der B 27 erreicht. Sechs Kisten Bio-Bananen gibt es. „Ausgerechnet Bananen“, seufzt Kolbe. Derzeit sei Bananenzeit. Schließen landen zwei Kisten im Wagen. Mehr könnten heut nicht an die Kunden verteilt werden.  Der Duft von Bananenbrot macht sich im Fahrerhaus breit.

Kolbe und Raissi-Morgenstern sind ein eingespieltes Team. Sie holt am Lutteranger die Lebensmittel bei Aldi, er sammelt bei Real gespendete Pfandbons ein, die in Göttinger in extra Boxen in sechs Märkten gesammelt werden.
Ihre nächste Station liegt in der Südstadt. Café Hemer. Raissi-Morgenstern grüßt: „Guten Tag, die Tafel ist da.“

©Hinznmann

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Altersarmut wird kommen

Interview mit Martina May, Geschäftsführerin der Göttinger Tafel.
Welchen Stellenwert nimmt die Göttinger Tafel bei der Hilfe für Bedürftige in Göttingen ein?
Martina May: Das Angebot der Tafel ist eine ergänzende Hilfe für Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Wir versuchen, den Menschen, durch Einsparung von Lebensmitteleinkäufen einen kleinen finanziellen Spielraum zu verschaffen und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Wir verstehen uns als spezieller Teil - alles rund um Lebensmittel - der sozialen Angebote in Göttingen.

Wie hat sich dieser in den vergangenen 20 Jahren gewandelt?
Unser Angebot hat sich erweitert um die kostenlose Rechtsberatung durch Jurastudenten und Rechtsanwälte seit Anfang 2011. Zu dem gibt es seit dem Dezember 2012 Frühstückstüten an der Martin-Luther-King-Schule und einen Lieferservice für nicht-mobile Bedürftige ebenfalls seit 2012. 2013 startete das Projekt Pfandboxen gemeinsam mit dem Obdachlosenmagazin Tagessatz in sechs Geschäften. Insgesamt fühlen wir uns als feste Einrichtung in Göttingen, die auch akzeptiert wird.

Wie setzt sich Ihre Kundschaft zusammen?
Völlig gemischt. Es gibt keine Altersgruppe, die besonders herausragt. Alte Menschen sind noch in der Unterzahl. Altersarmut wird kommen.

Wie hat sich das in den vergangenen 20 Jahren geändert?
Die Kundschaft hat sich nicht wesentlich geändert. Selten steigt eine bestimmte Altersgruppe überproportional an, das hängt aber dann mit dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt zusammen. Wir sind im Laufe der Jahre immer professioneller geworden, mussten das auch werden. Auch wir haben zunehmend Auflagen bezüglich Lebensmittelhygiene erhalten, Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel, Einhaltung der Kühlkette und aktuell müssen wir auch über Zusatzstoffe informieren wie jeder Lebensmittelbetrieb.

Welchen Schwierigkeiten begegnen Sie und ihre Mitarbeiter bei der täglichen Arbeit?
Hauptschwierigkeit sind Sprachprobleme mit den Kunden.

Wo gibt es langfristige Probleme?
Die ehrenamtlichen Helfer wechseln häufig. Glücklicherweise haben wir seit über zwei Jahren viele junge Menschen, die aber nicht so lange bleiben. Etwa Studenten, die nach dem Examen den Ort wechseln oder ein Auslandssemester machen. Geldspenden sind – wie für jeden Verein – das Dauerproblem. Wir haben viele treue Dauerspender und erhalten auch Geldzuweisungen über die Gerichte.

Auch über Stiftungen fließen Gelder. Diese sind jedoch immer zweckgebunden, das heißt für Kühlzellen oder Autos. Kurz: Gegenstände können wir immer beantragen und die werden meist bewilligt. Meist sind so 75 Prozent finanziert, der Eigenanteil beträgt 25 Prozent. Das große Problem ist die Finanzierung der laufenden Betriebskosten, die übernimmt keine Stiftung. Aktuell haben wir zwei Privatmenschen – ehemalige Göttinger –, die einen Teil der Mietkosten übernehmen. Bislang für 2014 und auch jetzt für 2015.

Und wie sieht es mit Lebensmittelspenden aus?
An Lebensmittelspenden gibt es aktuell genug. Seit etwa sechs Monaten ist erstmalig ein großer Discounter bundesweit dabei, allein in Göttingen mit acht Filialen. Es gibt viele treue Lebensmittelspender, die seit 20 Jahren dabei sind. Ein akutes Problem ist, dass die Supermärkte anders kalkulieren anders. Bei einigen gibt es nicht mehr so viel Ware.
Das Interview führte Michael Brakemeier

1400 Kunden bei der Tafel

Göttingen. Tafel-Geschäftsführerin Martina May zieht Bilanz für das zurückliegende Jahr. Derzeit habe die Göttinger Tafel rund 1400 registrierte Kunden, darunter etwa 300 Kinder, die die Lebensmittelhilfe der Tafel in Anspruch nehmen. Unter den 1400 Kunden seien etwa 350, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Aktuell kämen vermehrt Menschen aus afrikanischen Ländern, aus Syrien und aus der Ukraine zur Tafel. Allein im November hätten sich beispielsweise 70 syrische Flüchtlinge neu angemeldet.

2014 sind knapp 48000 Essensportionen an Bedürftige ausgeteilt worden. In den vergangenen Jahren lag die Summe der verteilten Lebensmittel bei etwa 200 Tonnen. Um die Lebensmittel bei den rund 100 verschiedenen Läden und Märkten abzuholen und anschließend an die Ausgabestellen zu verteilen legten die Fahrer mit den drei Tafel-Autos knapp 40000 Kilometer in 2014 zurück.

Durch die Optimierung der Routen seien im Vergleich zu den Vorjahren rund 10000 Kilometer eingespart worden. Die ehrenamtlichen Helfer, deren Zahl derzeit bei etwa 80 liegt, waren rund 29000 Stunden im Einsatz. Hinzu kommt die Arbeit von zwei Festangestellten und zwei Mini-Jobbern. Für seine Arbeit benötigt der Verein jährlich rund 80000 Euro, die zum Großteil aus Spenden stammen.

Bescheiden waren die Anfänge der Göttinger Tafel, die 1994 als eine der bundesweit ersten Einrichtungen dieser Art gegründet wurde. Sechs Kunden kamen zur ersten Essensausgabe. Im ersten Jahr nahmen zwischen 700 und 900 Menschen wöchentlich die Hilfe der Tafel an.

 
Chronik: 20 Jahre Göttinger Tafel
  • 16. November 1994 erstes Treffen bei Peter Cordes
  • Dezember 1994 Besichtigung der Räume in St. Jacobi
  • Januar 1995 erste Mitgliederversammlung
  • 1. Februar 1995 Bezug der Räume am Jacobikirchhof, erste Lebensmittelausgabe an sechs Kunden, erste Angestellte als ABM-Kraft
  • Oktober 1995 erster Zivildienstleistender und erste Praktikantin
  • Februar 1996 rund 45 ehrenamtliche Helfer, rund 700 Kunden
  • Juni 1996 Einrichtung eines Mittagstisches im Gemeindesaal von St. Jacobi
  • März 1998 erste Außenstelle in Grone
  • September 1998 Eröffnung Außenstelle in Geismar und auf dem Holtenser Berg
  • November 2004 Feiern zum 10-jährigen Bestehen
  • November 2011 Angebot Angebot einer kostenfreien regelmäßigen Rechtsberatung durch Studenten und Rechtsanwälte
  • September 2012 Übernahme des Projektes „Frühstückstüten“ an der Martin-Luther-King-Schule
  • Februar 2013 Projekt „BonBons“ gemeinsam mit dem Tagessatz, Aufstellung der Pfandboxen in sechs Geschäften
  • Mai 2014 Umzug in die Mauerstraße 16/17
 
Ausgabestellen

Neben der Haupstelle in der Mauerstraße 16/17 gibt es inzwischen vier weitere Ausgabestellen, drei im Stadtgebiet, eine in Bovenden.

Damit erreicht die Tafel zum einen auch die Menschen, die sich keine Busfahrkarte in die Innenstadt leisten können, um dort in der Hauptausgabestelle Lebensmittel abzuholen.

Zum anderen reduziert sich durch die Verteilung die tägliche Anzahl der Hilfesuchenden in der Hauptstelle auf eine „überschaubare“ Größenordnung.

  • Hauptstelle Innenstadt (Mauerstraße 16/17)

Montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 17 Uhr. Mittwochnachmittag geschlossen.

  • Holtenser Berg, Gemeindehaus St. Bethlehem (Londonstraße 11a)

Montags von 15 bis 15.30 Uhr und donnerstags von 11 bis 11.30 Uhr.

  • Grone, Gemeindehaus St. Jona (Deisterstraße 12)

Mittwochs von 14 bis 14.30 Uhr.

  • Geismar, Gemeindehaus St. Martin (Mitteldorfstraße 4)

Dienstags und freitags von 11.30 bis 12.15 Uhr.

  • Bovenden, Bürgerhaus (Rathausplatz 3)

Mittwochs von 14.30 bis 15.15 Uhr.

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