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2000 Gäste bei Fest gegen Nazi-Aufmarsch in Güntersen

Güntersen zeigt Flagge 2000 Gäste bei Fest gegen Nazi-Aufmarsch in Güntersen

Mehr als 2000 Menschen haben am Sonnabend in Güntersen mit einem Frühlingsfest gegen Rockerbanden und Neonazis in dem 700-Einwohner-Dorf protestiert.

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Partystimmung auf der Günterser Hauptstraße mit Walking-Acts vom Ensemble des Deutschen Theaters Göttingen.

Quelle: Heller

Güntersen. Unter dem Motto „Bunt statt Braun - wir zeigen Flagge“ feierten sie mit Musik namhafter Künstler von Klassik bis Rock und weiteren Aktionen auf drei Bühnen und auf der Hauptstraße. Das Fest war ihre Antwort auf einen an diesem Tag geplanten Nazi-Aufmarsch und vorangegangene Treffen der inzwischen verbotenen Rockervereinigungen Hells Angels, die sich mehrfach in Güntersen versammelt hatten.

„Es gehört viel persönlicher Mut dazu, sich gegen solche Bedrohungen zu stellen“ , sagte die stellvertretende Göttinger Landrätin Maria Gerl-Plein (Grüne) zu Beginn des Festes, an dem sich viele Abgeordnete aus der Region beteiligt haben. Mit ihrem Widerstand und dem Fest zeigten die Bürger, „dass in Güntersen kein Platz für menschenverachtendes Gedankengut und für Rechtsextremismus ist“, fügte der Staatssekretär im niedersächsischen Innenministerium, Stephan Manke, an.

Der Adelebser Neonazi Mario Messerschmidt, der im Bundesvorstand der Partei „Die Rechte“ sitzt, wollten an diesen Sonnabend auf dem Friedhof einen Kranz zum Gedenken an Horst Wessel, Verfasser der NSDAP-Parteihymne, niederlegen. Darauf formierten sich etwa 60 Günterser in einer Initiative, die in 150 Tagen das Frühlingsfest als Gegenveranstaltung organisierten. Nach einer Verbotsankündigung durch den Landkreis Göttingen hatte Messerschmidt den geplanten Aufmarsch schließlich abgesagt. Das werteten viele als Erfolg der Günterser.

„Ich bin überwältigt von dieser ganz eigenen Dynamik im Dorf, die die Ängste und Befürchtungen jetzt überlagert“, sagte Ortsbürgermeister Norbert Hasselmann (Grüne). „Heute sind wirklich alle aus dem Dorf unterwegs“, fügte er an – und mehrere Hundert Besucher aus Südniedersachsen. Nach einem ökumenischen Gottesdienst und Redebeiträgen herrschte den ganzen Tag über Volksfeststimmung bei Bratwurst und Gnocchi, „regionaler Bihunsuppe“ (Moderator Lars Wätzold), 90 Kuchen und einem großen Kulturprogramm.

Ein Konzerte des Göttinger Symphonie Orchesters in der Kirche war ebenso überfüllt wie Auftritte von Bands wie Seven Up und Merry-go-Round Reißenden Absatz fanden „Widerstandsbretter“ der Günterser bei einer Versteigerung zu Gunsten der Fest-Kasse: Mitglieder der Initiative hatten im August mit lauten Maschinen Fichtenbretter zersägt, um gleich nebenan tagende Präsidenten der Hells Angels zu stören. Für die Versteigerung hatte die Werkstatt des Deutschen Theaters Göttingen die Holzstücke „vergoldet“.

„Mit großer Zivilcourage“ habe Güntersen „drohendes Ungemach“ verhindert, kommentierte der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann die Initiative. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler wertete das Engagement der Dorfbewohner als „gelebte wehrhafte Demokratie“. „Ihr seid aufgestanden und habt eine Antwort gegen die gefunden, die euch heimgesucht haben“, lobte der Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Grüne) die Dorfbewohner. Lob gab es auch von Mitglieder im Göttinger Arbeitskreis Asyl. Sie kritisierten aber auch eine geplante Verschärfung des Asylrechts in Deutschland, die „Menschen mit rassistischem Gedankengut in ihrem Tun ermutigt“.

Kritik gab es schließlich auch vom Vorsitzenden des Festkomitees, Bernd Lehr: Er sei stolz auf sein Team und die vielfältige Hilfe von außen, aber: „Vom Gemeinderat Adelebsen hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht.“

„Ending Road“ und Gedenken

Güntersen. Solidarisch unterstützt wurde die Günterser von der Gruppe Antifaschistische Linke International (Ali) und vom Göttinger Bündnis gegen Rechts. Sie organisierten eine kurzzeitige Straßenblockade am Ortseingang, kombiniert mit einer Nachbildung des berühmten Platten-Motivs „Abbey Road“ der Beatles als symbolische „ending Road“ für Neonazis.

Gegen Abend gab es auf dem Friedhof eine Gedenkveranstaltung für drei dort beerdigte Zwangsarbeiter des NS-Regimes. „Wir wollen damit zeigen, dass es gute Gründe für den Widerstand der Günterser gegen Rechte gibt“, sagte ein Ali-Sprecher. Vorsorglich hatten die Gruppen auch Kundgebungen an den Bahnhöfen in Göttingen, Adelebsen und Northeim angemeldet. Sie wollten spontanen Aufmärschen von Rechten entgegen wirken – die aber ausblieben.

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