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"Nur mal anfassen und weglaufen"

27-Jähriger verfolgt Frauen aus Bus "Nur mal anfassen und weglaufen"

Er ist einschlägig vorbestraft: versuchte Vergewaltigung. Das hat einen 27 Jahre alten Göttinger nicht davon abgehalten, nachts junge Frauen nach Hause zu verfolgen, sie sexuell zu beleidigen und anzugrapschen. Wegen vier Taten steht er jetzt vor dem Landgericht. Er hat gestanden.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Es ist der Horror jeder Frau, die im Dunkeln allein nach Hause geht: ein Verfolger, der schließlich zugreift. Tatsächlich sind laut Polizeistatistik solche Fälle seltener als befürchtet, aber sie passieren. So im Winter 2015/16. Opfer sind drei junge Frauen. Viertes Opfer ist eine 17-Jährige, der der Angeklagte mittags auf dem Heimweg von der Schule das Angebot käuflicher Liebe machte: 50 Euro für Sex. Als sie es brüsk zurückwies, erhöhte er auf 100 Euro. Die Anklage sieht das als sexuelle Beleidigung, weil es unterstellt, das Mädchen sei eine Prostituierte.

Drei Anklagen, vier Taten

Drei Anklagen liegen auf dem Tisch, vier Taten sind es. Der 27-Jährige gesteht die Vorwürfe. Er macht aber Einschränkungen. Er habe niemanden Angst machen wollen. Auch habe er nicht vorgehabt, seine Opfer zu vergewaltigen. "Nur mal anfassen und weglaufen", sagt er. Die Anklagen werfen ihm entsprechend nur sexuelle Nötigung, sexuelle Beleidigungen und in einem Fall sexuelle Handlungen an einer Minderjährigen vor. In diesem Fall sagt er, er habe ja nicht gewusst, wie alt sie ist. "Ich wollte halt mit ihr Sex haben."

Dem Prozess folgt ein psychiatrischer Sachverständiger. Er soll etwas dazu sagen, ob ein Hang hinter den wiederkehrenden Taten steckt. Immerhin war der heute 27-Jährige schon als Jugendlicher in Northeim wegen versuchter Vergewaltigung und Körperverletzung verurteilt worden. Und Alkohol war auch meist im Spiel. Der Angeklagte will nicht abhängig sein, strebt aber eine Therapie an, weil ihm solche Gedanken meist unter Alkohol kämen. Ob das öfter passiere? "Man macht sich schon seine Gedanken, wenn man eine attraktive Frau sieht. Aber man tut das ja nicht."

Als die Frau schrie, stürmte er sofort davon

Dreimal schon, jeweils nachts nach einer Busfahrt. Mal stieg er in Weende hinter einer 20-jährigen Studentin aus. Die war misstrauisch. In der Schaufensterscheibe einer Apotheke in der Hennebergstraße sah sie, dass sie verfolgt wurde. Sie hatte den Notruf schon gewählt. In der Petrikirchstraße griff er dann zu. Zuvor hatte er sie aufgefordert, sich an ihren "geil verpackten Arsch" fassen zu lassen. Als die Frau schrie, stürmte er sofort davon.

Einer anderen Studentin, ebenfalls als Nebenklägerin beim Prozess, ging es am 15. Februar in der Ludwig-Prandtl-Straße so. Er habe sie erfasst, zu Boden gedrückt und mit behandschuhter Hand den Mund zugehalten. Als sie sich wehrte, habe er abgelassen. Drittes Opfer ist eine junge Frau, der er vom Max-Born-Ring folgte und der er überraschend zwischen die Beine fasste.

Wiederholungsgefahr?

Für den Ausgang des Prozesses wird es entscheidend darauf ankommen, ob Wiederholungsgefahr besteht. Seine Freundin, mit der er eine kleine Tochter hat, sagt, sie stehe zu ihm, wenn er aus Untersuchungshaft komme, "wir müssen aber beide an uns arbeiten". Ob in Freiheit oder hinter Gittern, wird für ihn der weitere Prozessverlauf entscheiden.

Zwei bis drei Taten im Jahr

Nach Einschätzung von Anne Kortleben, Leiterin des 1. Fachkommissariates der Polizeiinspektion Göttingen, sind "überfallartige Taten mit Tätern aus dem Nichts" laut Kriminalstatistik "die absolute Ausnahme". Die Polizeistatistik weist für den gesamten Landkreis Göttingen durchschnittlich 22 Vergewaltigungs- oder sexuelle Nötigungs-Delikte im Jahr aus (in den letzten drei Jahren 19, 23, 24). Davon seien maximal zwei bis drei von unbekannten Tätern verübt worden. Beleidigungen auf sexueller Basis freilich seien häufiger: durchschnittlich 50 Fälle im Jahr, oft unter Alkohol, beim Tanz oder in der Kneipe. 

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Grapscher erhält strenge Auflagen

Der 27 Jahre alte Göttinger, der nachts junge Frauen auf dem Heimweg verfolgt und angegrapscht hat, ist zu einer Bewährungsstrafe von knapp zwei Jahren verurteilt worden. Obwohl er untherapiert weiter als Gefahr für die Allgemeinheit gilt, sieht das Landgericht in strengen Auflagen das bessere Mittel als Freiheitsentzug.

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