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35 Länderspiele als Nationaltorwart – heute Taxifahrer in Göttingen

Göttinger Profile: Bahram Mavaddat 35 Länderspiele als Nationaltorwart – heute Taxifahrer in Göttingen

Wer Bahram Mavaddat zufällig trifft oder sich in sein Taxi setzt, würde nicht darauf kommen, dass der 65-Jährige mal ein berühmter Star gewesen ist.

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Bahram Mavaddat

Quelle: HR

Göttingen. Doch das war er – als Torhüter der iranischen Nationalelf jubelten ihm im Azadi-Stadion von Teheran 100000 Zuschauer zu, baten Menschen auf der Straße ihn nach einem Autogramm.

Heute, rund 40 Jahre später, lebt der studierte Sozialpädagoge in Göttingen und fährt Taxi. Er hat sie noch, die Fotos aus den 70er-Jahren, die in Zeitschriften erschienen, welche die iranischen Pendants zum Kicker oder zur Bravo darstellten. Mit seinen sorgfältig gestylten Haaren und seinen farbenfrohen Outfits sah Mavaddat eher aus wie ein britischer Disco-Star als ein Spitzensportler. Doch das war er. Zwischen zehn und 35 Länderspielen (je nachdem, welche Spiele man als offizielle Begegnungen ansieht) hat er bestritten, bei der Weltmeisterschaft in Argentinien war er Keeper Nummer zwei der iranischen Auswahl. Aber auch auf der Ersatzbank war die WM für Mavaddat ein „faszinierendes, unheimlich schönes Erlebnis“.      

1979 ging er mit seiner Frau Firoozeh und seinem dreijährigen Sohn in die Leinestadt, um sich an der Uni weiterzubilden. Göttingen 05 zeigte Interesse, auch zu Hessen Kassel und Hannover 96 gab es Kontakt. Wahrscheinlich hätte Mavaddat ab der Saison 80/81 für 05 in der zweiten Liga gespielt, wenn nicht die Kälte gewesen wäre: Firoozeh kam mit der fehlenden Sonne und den – für sie – harschen Temperaturen Südniedersachsens gar nicht zurecht. Und so ging die Familie wieder zurück – in ein Land, das sich seit ihrem Weggang innerhalb kürzester Zeit radikal verändert hatte.

1979 war der Schah gestürzt worden, Ajatollah Khomeini hatte die Macht übernommen. Mavaddat hatte die Revolution zunächst begrüßt, doch was danach folgte – der Krieg gegen den Irak sowie die Verfolgung Oppositioneller – machte ihn zu einem Gegner des Regimes. Spätestens, als ein ehemaliger Mitspieler aus der Nationalmannschaft hingerichtet wurde, wusste er: „Hier kann ich nicht bleiben.“ Freunde aus Göttingen verhalfen der Familie zu einem Visum, und so kehrte sie 1984 in die Leinestadt zurück.

Hier arbeitete Mavaddat zunächst als Betreuer minderjähriger iranischer Flüchtlinge, später als Leiter eines Flüchtlingsheims in Northeim. Als die Zahl der Flüchtlinge sank und das Lager aufgelöst wurde, wechselte er ins Taxigewerbe. Zunächst als Fahrer, später als Firmeninhaber. Er fährt heute noch, obwohl er es eigentlich nicht mehr nötig hätte, wie er sagt. Aber er mag nicht stillsitzen, das Fahren sei eine „angenehme Beschäftigung“.

Eins aber weiß der Mann, der sein Geburtsland seit über 30 Jahren nicht mehr betreten hat: „Wenn der Iran wieder frei ist, kehre ich sofort dorthin zurück. Auch, wenn ich dann schon uralt sein sollte. Mein Wunsch ist es, in der Heimat begraben zu werden.“ hr

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