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50 Anzeigen und ein Urteil reichen nicht

Stalking-Opfer ohne Schutz 50 Anzeigen und ein Urteil reichen nicht

Den Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat sie auf ihrer Seite. Die Polizei und das Gericht auch. Alle wollen Stalking-Opfer besser schützen. Lena L. (27) ist Opfer - und sie ist verzweifelt. Von Schutz merkt sie nichts. 50 Strafanzeigen gegen ihren Peiniger haben bisher nichts gebracht.

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Quelle: Gückel

Göttingen. Heute darf über Lena L. (Name geändert) berichtet werden. Sie ist in Sicherheit, wenn der Text erscheint. Ihr Stalker Murad Ü. ist bald wieder frei. Dann muss er nach dem jüngsten Verstoß gegen bisher fünf Gewaltschutz-Anordnungen aus dem Dauergewahrsam entlassen werden. Lena L. rechnet mit neuer Schikane, mit Beschimpfungen, Bedrohungen, sexuell-perversen Beleidigungen oder gar mit Tätlichkeiten.

Beleidigungen und Platzverbote

Drei Jahre lang waren Lena und Murad ein Paar. Im Juni 2013 war er es, der bei ihr auszog. Doch der heute 34-Jährige suchte immer wieder Gelegenheiten, sie aufzusuchen. Die nervenden SMS-Ketten voller Beleidigungen waren noch harmlos. Als sie sich eine neue Handynummer geben ließ, begann der Terror. Er lauerte der Krankenschwester vor der Tiefgarage auf, besuchte sie, um Sachen zu holen oder sie zu zwingen, Fotos, die sie gemeinsam zeigten, von ihrem Computer zu löschen. Aggressiv sei er gewesen, einmal habe er sie auch geschlagen. Sie zeigte die Tat damals nicht an.

Dann jener Abend, als sie erstmals die Polizei rief: Ü. hatte geklingelt, wollte zu ihr. Sie wies ihn an der Türsprechanlage ab, drohte mit der Polizei. Als er nicht aufgab, rief sie 110. Sie hatte den Notruf-Beamten noch am Telefon, da stand Ü. schon auf ihrem Balkon - im vierten Stockwerk. Er muss außen hochgeklettert sein. Die Polizisten nahmen ihn mit. Es gab das erste Platzverbot.

Seit eineinhalb Jahren arbeitsunfähig

Es folgten viele weitere Nachstellungen. Dass die 27-Jährige die Freundschaft zu seinen Verwandten trotz Trennung anfangs aufrecht erhielt, erzürnte ihn besonders. Schließlich beantragte L. bei Gericht ihre erste Gewaltschutzanordnung. Die beeindruckte Ü. nicht. Der Terror ging weiter: Eier und Tomaten gegen die Fenster, Drohungen an der Haustür, zugeklebte Schlösser. Lena gab die Wohnung auf, zog zu ihren Eltern. Eine Kamera an der Haustür wurde installiert. Sie konnte nicht mehr arbeiten, wurde krank, musste neun Wochen in eine psychosomatische Klinik. Seit eineinhalb Jahren ist sie arbeitsunfähig.

Als sie 40 Strafanzeigen erstattet hatte, kam es endlich zu einem Verfahren. Bis dahin hatte die Staatsanwaltschaft versucht, sie zu einem Täter-Opfer-Ausgleich zu überreden. Sie, die nur Ruhe vor ihm wollte, sollte gezwungen werden, seine Entschuldigung zu akzeptieren. Selbst der beteiligte Sozialarbeiter hielt den Versuch für falsch.

Eine Woche Dauergewahrsam

Schließlich der Prozess: Nur drei Taten angeklagt - bei 40 Anzeigen. „Skandalös“, sagt dazu Opferhilfe-Anwalt Steffen Hörning. Es gab sechs Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. Seinen Bewährungsauflagen kam er nach. In Ruhe gelassen hat er sie nicht. Wenige Wochen nach dem Urteil wurde Lena L.s schwerkranker Vater am Heiligabend hinterrücks niedergeschlagen. „Jetzt habt ihr, was ihr wolltet“, soll der Täter geschrien haben. Er habe Ü.s Stimme erkannt, sagt Vater L. Sogar einen Zeugen gab es. Doch die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Auf Antrag Hörnings wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen.

Der Überfall, zehn weitere Anzeigen bei der Polizei nach dem Bewährungs-Urteil – das alles hat nicht gereicht, den unter Bewährung stehenden Ü. zur Besinnung oder hinter Gitter zu bringen. Dabei heißt es in der jüngsten Gewaltschutzanordnung: „Ordnungsgeld bis zu 250 000 Euro oder Ordnungshaft bis zu sechs Monate“ für jeden Fall, dass er sich Orten, an denen sie sich aufhält, weniger als 50 Meter nähert. Gehalten hat er sich daran nie. Jede neue Gewaltschutzanordnung listet neue Beleidigungen, Nachstellungen, Bedrohungen auch gegen die Eltern auf. Einmal gar erschien er vor ihrer Wohnung, als sie gerade mit der Kripochefin und einem Ermittler in der Küche saß, um ihnen ihr Leid zu klagen. Immerhin nahm die Polizei ihn zuletzt eine Woche in Dauergewahrsam – bis Dienstag.

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Freiheitsstrafe droht

Der 34 Jahre alte Murad Ü., der wegen des Stalkings seiner früheren Freundin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, ist erneut angeklagt worden. Ü. soll laut Anklageschrift wenige Tage nach dem letzten Urteil den Vater seines Opfers an Heiligabend 2015 in der Feldmark beim Gassigehen mit dem Hund der Familie überfallen und zu Boden geschubst haben.

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