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516 Jahre Lebenserfahrung in einem Haus

Göttinger Alten-WG 516 Jahre Lebenserfahrung in einem Haus

Eine Villa, eine Idee – und sieben Frauen zwischen 62 und 84, die zusammen 516 Jahre alt sind: Die Göttinger Alten-WG gibt es nun schon seit 18 Jahren. 1994 als viel beachtetes Projekt gestartet, das es so noch nicht in Deutschland gab, hat sich die Wohngemeinschaft mittlerweile etabliert.

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In netter Runde: Immer montags kochen die Frauen der Alten-WG zusammen und laden auch schon mal Gäste ein.

Quelle: Vetter

Göttingen. Von den ersten elf Bewohnerinnen wohnt allerdings niemand mehr in der Villa. Eine neue Generation ist eingezogen. Frischer Wind weht in den alten Gemäuern. Und noch etwas ist neu: Die Bewohnerinnen der Alten-WG werden immer jünger.

„1994 sind elf Frauen im Alter zwischen 70 und 80 Jahren, also der 1910er-  und 1920er- Jahrgänge als Pioniergruppe eingezogen“, sagt Regina Meyer von der Freien Altenarbeit, dem Trägerverein der Alten-WG. „Mittlerweile aber wohnen Frauen zwischen 60 und Mitte 80 im Haus, die in den 1930er- und 1940er- Jahren geboren sind.“ Eine von ihnen, Christiane Scholz-Muntschick, zog gar schon mit 58 ein.

Dieser Umstand darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Alten-WG an Nachwuchs mangelt. Vier freie Plätze gibt es derzeit. „Dabei hatten wir früher lange Wartelisten“, erklärt Uta Berger (76). Aber Leerstände gebe es derzeit überall. „Die Wohnungsunternehmen bauen ja wie verrückt.“ Nur leisten könne sich diese Wohnungen kaum jemand. „Und immer mehr wollen in ihren eigenen vier Wänden bleiben“, sagt Berger.

Immer wieder: Scheitern am Finanziellen

Auch Menschen, die sich für die Alten-WG interessieren, scheitern immer mal wieder am Finanziellen. „Bei 450 bis 600 Euro Miete im Monat plus Strom reichen 800 Euro Rente im Monat nicht aus“, rechnet Christiane Scholz-Muntschick (62) vor. „1200 bis 1400 Euro muss man schon haben, um hier einzuziehen.“

Schwierig ist der Schritt, das eigene Zuhause zu verlassen. „Das sich Trennen vom Haus. Unterlagen, Möbel, Bücher wegzugeben. Sich aufs Wesentliche zu reduzieren. Das scheuen viele“, sagt Scholz-Muntschick. „Von 120 auf 33 Quadratmeter, das ist schon ein Schritt“, ergänzt Hannelore Mann (70). „Ich bin vorher gewandert, um zu testen, was ich wirklich brauche“, erklärt Hilde Bernholt (64). „Es sind zehn Kilo.“

Was die Frauen allerdings weniger an Habseligkeiten haben, das haben sie mehr an Gemeinschaft. Und das, sagen sie unisono, ist ein absoluter Gewinn. Alle haben zwar ihr eigenes Apartment mit Bad und kleiner Küchenzeilen. „Rückzugsräume sind eben sehr wichtig“, sagt Berger. „Ansonsten aber trifft man sich, wo es schön ist.“

Männer können sich auch bewerben

Und von diesen Orten gibt es in der altehrwürdigen Villa genügend: eine große Küche, Esszimmer, Bibliothek und Salon gehören dazu. „Und natürlich der Garten und die herrliche Terrasse“, sagt Berger. Manche schauen abends zusammen einen Film, andere machen morgens Gymnastik. „Jeder verabredet sich mit jedem, fürs Kino, fürs Theater, zum Spielen. Und jeder kann auch für sich sein.“

Interessenten sollten sich also nicht scheuen, die WG zu besuchen. Es gibt nur wenige Bedingungen. Eine davon ist, dass die Bewerber im Rentenalter sein müssen. Auch der Gesundheitszustand muss passen. Es gibt zwar ein Pflegekonzept, das vorübergehend greift, zum Beispiel nach einem Unfall oder Sturz, aber nicht bei einer Dauerpflege. Und auch wenn die WG nur aus Frauen besteht: Männer können sich auch bewerben. „Wir haben mal einen gehabt, mit dem lief das sehr gut“, sagt Charlotte Lierse. „Der konnte alles reparieren.“

Und wenn es wider erwarten doch nicht passen sollte, ist das auch kein Problem. Es passiert zwar selten, aber manch einer hat die WG auch wieder verlassen. „Das darf auch sein“, sagt Lierse. „Wir sind kein Gefängnis – und verheiratet sind wir auch nicht.“

Ein Tag der offenen Tür findet am Freitag, 21. September, von 14 bis 19 Uhr in der Alten-WG, Am Goldgraben 14, statt. Ein Kennenlerntreffen für Interessenten ist für das Wochenende, 12. und 13. Oktober, angesetzt. Weitere Infos bei der Freien Altenarbeit Göttingen unter Telefon 05  51/4  36  06.
 
  Die Bewohnerinnen der Alten-WG
Seit eineinhalb Jahren wohnt Ilse Berger in der Alten-WG. Die 83-Jährige arbeitete früher als Chefsekretärin und Spanisch-Dolmetscherin. Mit ihrem Mann lebte sie in Hildesheim. Als dieser starb, wollte sie nicht alleine bleiben und noch einmal etwas Neues wagen. Von der Alten-WG erfuhr sie durch ihre Tochter, die in Göttingen gerade ein Haus gekauft hatte. „Guck dir das doch mal an“, habe diese zu ihr gesagt, erinnert sich die 83-Jährige. Das tat sie dann auch. Nach einer Woche Probewohnen war sie begeistert. „Das muss passen“, sagte sie zu sich. Und so war es. Sie bekam eine Zusage und zog ein. „Bis jetzt hab’ ich das nicht bereut“, betont Berger.
Christiane Scholz-Muntschick wusste es schon immer: „Im Alter will ich in die Stadt ziehen und mit Menschen zusammenziehen.“ Schließlich habe sie schon mit 19 in einer WG gewohnt. Die 62-Jährige arbeitete früher als Diakonin in Loccum. Nachdem 2003 ihr Mann gestorben war, erfuhr sie über Verwandte von der Alten-WG. „Ich war ganz glücklich, weil meine Kinder und Enkel auch hier wohnen“, sagt sie. „Mit klopfendem Herzen“ stellte sie sich vor. Jetzt wohnt sie schon seit vier Jahren in der WG, und hat es nicht bereut. „Es ist schön, im Alter nicht alleine zu wohnen. Menschen um mich herum zu haben, tut mir gut“, sagt Scholz-Muntschick.
Aus dem Fernsehen wusste Uta Berger , die früher Lehrerin im Harz war, von der Alten-WG. Erst engagierte sich die 76-Jährige im Zeitzeugenprojekt der Freien Altenarbeit. Dadurch kam sie der WG näher und zog schließlich vor dreieinhalb Jahren ein. „Alleine zu leben ist zwar luxuriös, weil man machen kann, was man will.“ Aber mit anderen zusammen zu wohnen sei „ein Riesengewinn“, betont Berger. Es sei großartig, weil man immer jemanden als Gesprächspartner habe, aber auch eine Herausforderung, die viel Mut, Geduld und Toleranz erfordere. „Ich habe es nie bereut, auch wenn ich bei Konflikten schon gezweifelt habe“, sagt Berger.
Als sie ihr Auto abgeben musste, war für Marianne Fischer der Zeitpunkt gekommen (77), etwas zu ändern. Die ehemalige chemisch-technische Assistentin lebte auf einer Anhöhe in einer ländlichen Gegend in Süddeutschland. „Ich wollte aber noch einmal in die Stadt, wo alles zu Fuß geht und sich viele Menschen treffen“, sagte sie. Sie hörte von der Alten-WG  und bewarb sich. Mit Erfolg. „Ich habe den Schritt von weither gewagt und es nicht bereut“, sagt die 77-Jährige, die seit zweieinhalb Jahren jeden Abend dafür sorgt, dass alle Außentüren abgeschlossen werden. Mit vielen Menschen zusammen zu wohnen, sei ein Geschenk, betont sie.
Was mache ich jetzt“, fragte sich Hannelore Mann (70), als ihr Mann vor einigen Jahren starb. Sie, die in der Erwachsenenbildung gearbeitet und viele junge Frauen beraten hatte, brauchte plötzlich selbst Rat. Erst versuchte sie, einen Wohnprojekt für ältere Menschen in ihrem Dorf in der Lüneburger Heide auf die Beine zu stellen. Das misslang. Ihr Sohn erzählte ihr dann von der Alten-WG in Göttingen. „Ich gehöre hierher“, dachte sie nach dem Probewohnen – und wartete auf Nachricht. Die kam nicht, also rief sie an und bekam die ersehnte Bestätigung. Das war vor fünf Monaten. „Ich fühle mich wohl“, sagt Mann. „Es ist genau das Richtige.“
Sie ist der Neuling:  Hilde Bernholt. Vor zwei Monaten zog die 64-Jährige pensionierte Lehrerin aus dem Ruhrgebiet in die Alten-WG. „Ich habe immer schon Gemeinschaft gesucht“, begründet sie ihren Entschluss. Bereits als Studentin lebte sie in einer WG, war verheiratet, ließ sich scheiden, hatte einen neuen Partner, trennte sich wieder. Die vergangenen fünf Jahre lebte sie allein. Dann bewarb sie sich bei der Göttinger Alten-WG, weil in der Nähe auch ihre Tochter wohnt. Die Entscheidung fiel schnell: „Ich will das, und das ist auch jetzt noch so.“ Es sei zwar einfacher, alleine zu wohnen, „weil keiner stresst“. Aber in der WG sei es lohnender.
Die Älteste ist auch gleich die treueste Bewohnerin: Charlotte Lierse (84) wohnt seit zwölf Jahren in der Alten-WG. Als sie ihre Kinder vor etlichen Jahren in deren WGs besuchte, fasste sie den Entschluss: „Wenn ich alt bin, will ich das auch machen.“ Sie habe schon immer gerne mit vielen Menschen zu tun gehabt, sagt die ehemalige Waldorflehrerin. Noch heute habe sie zu vielen ihrer Schüler Kontakt. Denen habe sie immer gesagt: „Egal was im Leben passiert, du wirst mit allem fertig.“ Das sagte sie sich dann auch, als ihr Mann früh starb. Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie bei der Aidshilfe, in einem Hospiz, bis sie eine Schüler-Mutter auf die Alten-WG brachte: „Das wäre was für sie.“ Sie sollte Recht behalten. „Ich habe meinen Einzug noch nicht bedauert“, sagt Lierse. „Es ist nicht immer einfach, aber immer spannend.“
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