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Im Wahn einer Justiz-Verschwörung

60-Jähriger bedroht Richter mit dem Tode Im Wahn einer Justiz-Verschwörung

Er lebt im Wahn - im Wahn einer Verschwörung von Richtern und Ärzten, die alle seinen Kampf um Gerechtigkeit boykottieren. So lassen sich zwei Gutachteraussagen zusammenfassen, die sich mit einem 60 Jahre alten Psychiatriepatienten beschäftigen, der vielfach Richter und Amtspersonen mit dem Tode bedroht hat.

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Am jüngsten Verhandlungstag ist zunächst ein Psychiater aus Brandenburg gehört worden.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Der 60-Jährige ist im Maßregelvollzug in Moringen untergebracht, wo er seinen Lebensinhalt pflegt: den Kampf gegen die Justiz. Dort wird er wohl auch die nächsten Jahre verbringen. Denn die acht Fälle versuchter Nötigung, die sich in seinen unzähligen Schreiben an Justizpersonen bis hinauf zu Verfassungsgericht und Europäischen Gerichtshof dokumentieren, dürften erneut zu Freiheitsstrafe und Unterbringung führen. Beleidigungen und Bedrohungen, so sind sich beide psychiatrischen Sachverständigen einig, seien weiter zu erwarten. Einzig daran, ob er seine angedrohten Taten je umsetzt, haben die Gutachter unterschiedlich ausgeprägte Zweifel.

Am jüngsten Verhandlungstag ist zunächst ein Psychiater aus Brandenburg gehört worden, der schon vor Jahren „32 Kilo Akten“ über den Angeklagten ausgewertet hat und danach prompt ebenfalls mit dem Tode bedroht wurde. Damals wie heute ließ sich der 60-Jährige auf kein Gespräch mit Psychiatern ein. Alle müssen nur nach dem Inhalt schriftlicher Eingaben werten. Diese sind ungezählt. Eine einzelne Beschwerde kann dann schon einmal 80 Seiten betragen. Das Tageblatt erhielt nach der ersten Veröffentlichung des Falles ein knappes Kilo Beweismaterial zur angeblichen Psychiatrisierung seiner Person durch die Justiz und ihre Gutachter.

Während der Zeugenaussage des früheren Gutachters empörte sich der Angeklagte immer wieder mit Worten wie „Vollidiot“, „Märchenerzähler“ und „Lügner ohne Ende“. Der 77-jährige Psychiater beschreibt den Patienten als notorischen Querulanten, für den die verlorenen Prozesse gegen seinen Vater (auf Unterhalt für die Mutter) und gegen die Gothaer-Versicherung (auf Schmerzensgeld nach einem Unfall) zum Lebensinhalt geworden sind. Verschärft wurde das, als ein dritter Psychiater - auch dessen Ermordung wurde vielfach angekündigt - den Patienten für prozessunfähig erklärte. Ein „Wahn, der inzwischen angenehmer als die Realität“ geworden sei, so der Zeuge. Im Maßregelvollzug könne er sich ganz auf seinen Kampf gegen die Justiz konzentrieren. In Freiheit müsste er erkennen, dass er es im Leben zu nichts gebracht habe. „Es kommt ihm nicht mehr darauf an, Recht zu behalten, sondern darauf, seine querulatorische Haltung weiterzuleben.“

Kollege Helge Laubinger, der das aktuelle Gutachten vertrat, sprach von einer „wahnhaften Störung“ des Angeklagten. Der habe eine „paranoide Persönlichkeitsstörung“. Sein Wahn sei „unerschütterlich und mit Argumenten nicht zu relativieren“. Dabei habe er sich eine „Rechtfertigung konstruiert, Gewaltandrohung als letztes Mittel gegen seine juristischen Misserfolge einsetzen zu dürfen“. Weitere Taten seien „sicher zu erwarten“. Auch wenn es Zweifel gebe, ob er angedrohte Morde je umsetzt, sei der Angeklagte „letztlich für seine Umgebung gefährlich“. Einmal war er schon mit Messer gegen einen Gerichtsvollzieher losgegangen, einmal versteckte er einen Brieföffner, um (nach eigenen Worten) einen Gutachter zu töten.

Ob das Gericht Wiederholungsgefahr auch sieht, wird sich am Freitag bei Plädoyers und Urteil zeigen. Käme er auf Bewährung frei, weiß er eine Lebensgefährtin an seiner Seite - ausgerechnet eine ehemalige Mitarbeiterin des Maßregelvollzugszentrums Moringen, die dem Gericht zusagte, ihn aufzunehmen.

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Von Redakteur Jürgen Gückel

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