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Alexander Schissel hat 1941 das Massaker von Odessa überlebt

Trauermarsch durch die Lager Alexander Schissel hat 1941 das Massaker von Odessa überlebt

Der Vergeltungsplan des rumänischen Staatsführers Ion Antonescu war einfach: Für jeden seiner Soldaten sollten 100, für jeden Offizier 200 Einwohner Odessas umgebracht werden. Zuvor waren bei einem Anschlag von sowjetischen Partisanen auf das Hauptquartier der rumänischen Truppen in der ukrainischen Stadt am Schwarzen Meer rund 60 Angehörige des Militärs getötet worden.

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Erzählt in russischer Sprache eindrücklich aus seiner Vergangenheit: Alexander Schissel lebt mittlerweile bei Göttingen.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Es ist 1941, und Alexander Schissel ist als elfjähriger Junge der Willkür und Vernichtungswut der deutschen und rumänischen Diktaturen ausgesetzt.

Seine Erlebnisse hat er mit einer neunten Klasse des Hainberg-Gymnasiums nun in einer Ausstellung und einem öffentlichen Erzählcafé im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde mit interessierten Mitmenschen geteilt. Die Veranstaltung wurde von der Projektwerkstatt „Spurensuche” und der Jüdischen Gemeinde Göttingen organisiert.

Schissels Geschichte endet mit dem Satz: „Entschuldigen Sie, wenn es nicht sehr fröhlich zuging in meiner Erzählung.” Er meint diese Entschuldigung ernst. Und er sagt: „Schon früh habe ich begriffen, dass es egal ist, welcher Nation man angehört. Auch Deutsche haben mir damals oft geholfen.”

„Deutschland hat seine Vergangenheit aufgearbeitet”

Auch nach mehreren Gesprächen zwischen den Neuntklässlern und dem Shoah-Überlebenden beschäftigt eine Schülerin noch, warum er in Anbetracht seiner Erlebnisse vor etlichen Jahren überhaupt nach Deutschland gezogen ist. Schissel überlegt kurz, bevor er antwortet: „Deutschland hat seine Vergangenheit aufgearbeitet.”

Tatsächlich scheint er seinen Frieden mit dem gemacht zu haben, was ihm in Odessa von Deutschen und Rumänen widerfahren ist – soweit das möglich ist. Dem Erschießungskommando entging er nur, indem er in letzter Sekunde einer Arbeitseinheit zugeteilt wurde.

So entronn er der Ermordung von rund 30 000 Menschen, die vom 22. bis zum 24. Oktober von rumänischen Truppen getötet wurden. Erschossen, lebendig verbrannt, gehängt, „bis es keinen Ort in der Stadt mehr gab, an dem man etwas aufhängen konnte”, erzählt Schissel ruhig und methodisch. Bald floh er, die erste Flucht von vielen, versteckte sich in der Stadt, kam später in eine Strafkolonie – ein „Trauermarsch” durch verschiedene Lager, wie er sagt.

Das alles erzählt er auf Russisch, Ilse Koppe übersetzt simultan und einfühlsam.

„Richtig vorstellen kann man es sich trotzdem nicht”

Neben Schissel sitzen die Schüler Birte Malz und Christian Zochowski, die diesen Teil der Geschichte nur aus Schulbüchern kennen. „Man hört immer vom Holocaust, aber richtig vorstellen kann man es sich trotzdem nicht”, sagt Christian.

Wenn Schissel erzählt, bekomme die Geschichte ein Gesicht. Dafür ist ihm auch Birte dankbar. Sie und ihre Mitschüler haben ihren Teil der Ausstellung, die sie zuvor mit ihm erarbeitet haben, Schissels Mutter gewidmet. Sie hat ihren Sohn kurz vor dem Massaker in die Reihe der Arbeitsfähigen gestoßen. Sie selbst habe zu dem Zeitpunkt bereits gewusst, wofür sie angestanden hat.

Von Jonas Rohde

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