Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Als Besatzungssoldat in Wibbeckerin verliebt

Erzählcafé Als Besatzungssoldat in Wibbeckerin verliebt

Ein ganz besonderes Erzählcafé zum Thema Kriegsende 1945 hat es im Mehrgenerationenhaus Adelebsen gegeben. Dort war der 83-jährige Brite Raymond Goodwin zu Gast. 1946 hatte er in Wibbecke seine spätere Frau Hildegard Schröder kennen gelernt.

Voriger Artikel
Resolute Wirtin: „Oma Schnarre“ ist 100
Nächster Artikel
Disco-Abend soll junge Leute ins Festzelt locken

Wiedervereinte Verwandte: Evelyn und Axel Engelbrecht, Raymond Goodwin, Heike Lindemann, Dennis und Sarah Goodwin (v.l.).

Quelle: CR

Goodwin kam, so berichtet er, im Januar 1946 als britischer Besatzungssoldat nach Adelebsen. Zuvor war er in Belgien stationiert gewesen. Raymond wohnte in Adelebsen und war Fahrer eines sogenannten „Bren Gun Carriers“, eines kleinen Panzers, der mit einem Maschinengewehr bestückt war. Er bildete andere Soldaten als Fahrer aus und fuhr deshalb auch im Flecken Adelebsen herum.

Schon in der ersten Woche kam er dabei auch nach Wibbecke und wollte in einem Haus Eier gegen Zigaretten eintauschen. Die erste Person, die der 19-jährige Soldat traf, war die 22-jährige Hildegard Martha Schröder. Zwischen den beiden funkte es sofort – im Gefolge des Fraternisierungsverbotes sei das noch immer eine problematische Sache gewesen, so beschreibt es Goodwin. Aber er hatte Erfolg und wurde schon bald vom späteren Schwiegervater ins Haus eingeladen.

Den späteren Eheleuten stand allerdings noch eine längere Durststrecke bevor, denn nach einem halben Jahr wurde Goodwin zunächst nach Braunschweig und später auch nach Berlin versetzt. Die beiden hielten aber brieflich Kontakt, und ab und zu gelang es Schröder auch, ihren künftigen Mann mit dem Zug zu besuchen.

Doch die notwendigen Papiere für die Heirat wollte die britische Armee nicht so recht herausrücken – diesen Eindruck hatte jedenfalls Goodwin. Er habe sie jedenfalls bis zu seinem Ende der Armeezeit Ende 1947 nicht erhalten. Dafür ging dann alles ganz schnell. Hildegard Schröder konnte nach England kommen. Am Heathrow Airport in London gab es ein Wiedersehen. Goodwin arbeitete auch im zivilen Leben als Fahrer, und am 29. März 1948, dem 22. Geburtstag Goodwins, heiratete das Paar in Canterbury. Auch wenn es Schröder als Deutsche so kurz nach Kriegsende in England nicht immer leicht hatte – die Ehe hielt. Sieben Kinder gingen aus ihr hervor.

Ein Ereignis aus der Zeit als Besatzungssoldat in Deutschland ist Goodwin in besonderer Erinnerung geblieben: Im Gefängnis in Spandau zählte er zu den Bewachern des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß und wechselte auch einige Wort mit ihm.

Suche nach Verwandten

Vor zwei Jahre nun starb Goodwins Frau. Nun hat er sich noch einmal aufgemacht, um den früheren Wohnort seiner Frau zu besuchen und nach noch lebenden Verwandten Ausschau zu halten. Begleitet wird er dabei von seinem mittleren Sohn Dennis, der am Stammbaum der Familie arbeitet, und dessen Frau Sarah. Ziel war auch den Stammbaum des deutschen Teils der Familie zu vervollständigen – Hildegard Schröder hatte immerhin 14 Geschwister.

Nachdem frühere Besuche schon eine Weile zurücklagen, fanden die Goodwins aber zunächst keine Angehörigen mehr. Die Häuser, die sie noch kannten, waren nicht mehr von Verwandten bewohnt. Mit Hilfe der Gleichstellungsbeauftragten des Fleckens, Reinhild Otterbein, und des Ortsbürgermeisters von Wibbecke, Walter Koch, gelang jedoch die Familienzusammenführung. Mit Heike Lindemann wurde eine Enkelin der Schwester von Hildegard Schröder ausgemacht. Gemeinsam mit Lindemann, ihrem Bruder Axel Engelbrecht und dessen Frau Evelyn gab es ein Familientreffen.

Goodwins Geschichte wurde im Erzählcafé mit Wohlwollen aufgenommen. Rund 40 Besucher waren dorthin gekommen, um sich den Tageblatt-Film zum Kriegsende in Südniedersachsen anzusehen.

Einige Szenen zeigen, wie Panzer der Amerikaner durch Adelebsen rollten. In einer Szene erkannte Werner Reinecke sich und seinen Vater wieder – der Auftakt für eine ganze Reihe von Erinnerungen, die unter Moderation von Hartmut Koch hochkamen. 

Eine mehrfach geäußerte Erinnerung von Adelebsen: Viele sahen damals das erste Mal in ihrem Leben dunkelhäutige Menschen – und hatten Angst. Schließlich hatten sie vorher Geschichten gehört von Schwarzen, die angeblich Kinder fressen. Bald jedoch wich die Angst vor dem Feind und dem gewaltigen Umbruch durch die Besatzung: „Have you chocolate for me?“, sei der erste Satz gewesen, den sie damals gelernt hätten, meinte eine Zuhörerin schmunzelnd.

Von Jörn Barke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Martin Sonneborn in Göttingen

Martin Sonneborn in Göttingen - Antrag zur Namensänderung von Göttingen