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Als Göttingen fast eine Straßenbahn bekam

Bauarbeiten 1914 gestoppt Als Göttingen fast eine Straßenbahn bekam

Eine Straßenbahn für Göttingen haben die Grünen ins Gespräch gebracht. „Sie könnte dazu beitragen, dass die Stadt ihre Klimaschutzziele erreicht“, erläutert Bürgermeister Ulrich Holefleisch (Grüne).

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Postkarte aus Göttingen: Eine Fotomontage zeigt die Stadt bereits mit modernen Verkehrsmitteln.

Quelle: Archiv Schreivogel

Göttingen. Das sei in den kommenden Monaten im Zuge der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans zu prüfen. Die Anregung sei ernst gemeint, stellt der Politiker klar. Die Stadt hätte bereits eine Straßenbahn, wenn nicht vor knapp 100 Jahren der Erste Weltkrieg ausgebrochen wäre.

Über das seinerzeit gescheiterte Göttinger Straßenbahn-Projekt hat Hörbuch-Verleger Sven Schreivogel (37) vor 18 Jahren eine 36 Seiten starke, reich bebilderte Broschüre herausgebracht. „Es hat in der letzten Zeit wieder einige Anfragen nach meinem Buch gegeben, was wohl mit dem Vorstoß der Grünen zusammenhängt“, sagt Schreivogel. Der Sohn eines Eisenbahners, der in Grone aufgewachsen ist und das Max-Planck-Gymnasium besucht hat, ist von Kindesbeinen an mit Schienenfahrzeugen vertraut. Von einem Arbeitskollegen des Vaters erfuhr er seinerzeit von dem Straßenbahn-Projekt. Anderthalb Jahre recherchierte er in Göttingen, Dessau und Wiesbaden.

„In den 1880er Jahren nahmen viele deutsche Städte Straßenbahnen in Betrieb“, fand Schreivogel heraus. In Göttingen stellte Oscar Graf von Reichenbach im September 1881 einen Antrag auf Konzession einer Pferdebahn. Er hielt sich die Option offen, später auf Elektrizität umzurüsten. Die weltweit erste elektrische Straßenbahn, eine Erfindung von Werner von Siemens, war im gleichen Jahr in Berlin-Lichterfelde in Betrieb genommen worden.

Graf von Reichenbach plante zwei Linien. Eine sollte vom Bahnhof über den Theaterplatz zur Herzberger-Chaussee führen, die zweite Linie von der Weender-Chaussee über den Kornmarkt zur Reinhäuser-Chaussee. 1883 ging bei der Stadt ein zweiter Antrag ein, diesmal vom Königlichen Kommissionsrat J. Lehmann, der die Neue Berliner Pferdebahn leitete. Am Ende zerschlugen sich beide Pläne. Eine Pferdebahn sei in einer Stadt von der Größe Göttingens nicht „sonderlich lohnend“, teilte Graf von Reichenbach der Verwaltung mit.

Nach zehn Jahren Ruhe zeigte die Allgemeine Deutsche Kleinbahn-Gesellschaft aus Berlin Interesse am Bau einer Straßenbahn, die Göttingen mit den damals noch eigenständigen Gemeinden Geismar und Weende verbinden sollte. Nur wenige Wochen später wurde auch der Schönebecker Straßenbahndirektor W. Theuerkauf vorstellig. Magistrat und Oberbürgermeister Georg Calsow zeigten sich entgegenkommend, doch scheiterten die Verhandlungen.

Zwischenzeitlich war die Stadt selbst auf den Geschmack gekommen. Sie nahm von sich aus Kontakt mit der Deutschen Gasbahn-Gesellschaft auf, die seit 1894 in Dessau die erste mit Gas betriebene Straßenbahn der Welt betrieb. Die Gesellschaft begann mit Planungen, die sie im Mai 1896 im Rathaus vorstellte. Die Gesellschaft schlug zwei Linien vor. Eine sollte Weende mit den Kasernen in der Geismarchaussee verbinden, die andere den Bahnhof mit dem Albanikirchhof. Die Bahn sollte mit 12 bis 13 Stundenkilometern durch die Stadt fahren, der Billettpreis zehn Pfennige betragen.

Das Unternehmen schlug den Göttingern die Gründung einer Aktiengesellschaft vor, bei der es die Hälfte des Kapitals einbringen wollte. Der Magistrat konnte sich nicht entschließen zuzustimmen. Schreivogel lobt die zögerliche Haltung. Am Ende hätte sich der Gasantrieb in Deutschland nicht durchgesetzt. Wenige Jahre später seien alle Gasbahnen auf Strom umgerüstet worden.

Im Jahr 1900 kam die Straßenbahnfrage erneut auf den Tisch. Damals nahm die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) aus Berlin in der Godehardstraße das erste Elektrizitätswerk der Stadt in Betrieb. Da sich die AEG auch mit Straßenbahnen befasste, wurden entsprechende Planungen für Göttingen angestellt. Die AEG schlug zwei Linien vor. Allerdings erhöhten sich die erwarteten Kosten derart, dass der Magistrat kalte Füße bekam.
1908 bildete sich in Göttingen unter Leitung von Baurat Friedrich Jenner eine Straßenbahnkommission. Sie nahm Kontakt mit dem Wiesbadener Unternehmen Hecker auf, das Straßenbahnen baute und betrieb. Die Vorbereitungen liefen derart gut an, dass sich die Stadt entschloss, das Projekt ohne Hecker umszuetzen. Das geschah dann aber doch nicht.

So wurde die Stadt vier Jahre später erneut bei Hecker vorstellig. „Mittlerweile hatten alle deutschen Städte mit mehr als 35 000 Einwohnern eine Straßenbahn“, berichtet Schreivogel. Zu den beiden Ausnahmen gehörte Göttingen. Diesmal wurde ein insgesamt 8,5 Kilometer langes Schienennetz mit drei Linien projektiert. Eine Linie sollte Weende über den Kornmarkt mit Grone verbinden, eine den Bahnhof über den Kornmarkt mit den Kasernen in der Geismar-Chaussee und eine den Bahnhof mit der Herzberger-Chaussee und der Wilhelm-Weber-Straße.
Im Juni 1914 wurde die Städtische Straßenbahn Göttingen gegründet. Im gleichen Monat begannen die Bauarbeiten. Die erste Linie sollte zum Jahresende in Betrieb gehen, die anderen beiden Anfang 1915. Am 1. August 1914 brach allerdings der Erste Weltkrieg aus. Die Bauarbeiter wurden eingezogen. Die Kriegsamtsstelle in Hannover beschlagnahmte die Schienen, transportierte sie allerdings nicht ab.

Nach Kriegsende 1918 gab es einen Anlauf, zumindestens eine der Linien zu bauen. Sie sollte vom Bahnhof durch die Innenstadt zu den Kasernen führen. Aufgrund der schlechten Finanzlage entschloss sich die Stadt aber dafür, die mittlerweile verrosteten Schienen für 640 000 Mark zu verkaufen. Fuhrunternehmer Ernst Kulp beantragte 1925 die Konzession für einen Stadtbus. Als die Politiker sahen, dass sich das Fahrgastgeschäft rechnete, übernahm die Stadt 1927 die Konzession selbst. In jenem Jahr wurde die Städtische Straßenbahn Göttingen, die auf dem Papier noch weiterbestanden hatte, aufgelöst.

„Das Thema Straßenbahn kam aber im Laufe der Jahre immer mal wieder ins Gespräch“, berichtet Schreivogel. Als 1973 die Weender Straße zur Fußgängerzone umgestaltet werden sollte, nahm sich das Göttinger Tageblatt der Sache an. Die Zeitung ging davon aus, das 1914 bereits Schienen in der Straße verlegt worden waren. Sie stellte scherzhaft zur Diskussion, die Strecke als Minibahn auszubauen.

Ernsthafter war der Vorschlag von Walter Theine gemeint, der im Dezember 1991 sein für die Stadt ausgearbeitetes integriertes Verkehrskonzept vorstellte. Dort bezeichnete er den Bau einer Straßenbahn als „konsequenteste Lösung“ der Göttinger Verkehrsprobleme. Eine Straßenbahn belaste die Umwelt kaum, sie sei schnell und fasse viele Menschen. Der damalige Oberstadtdirektor Herrmann Schierwater nannte die Idee „utopisch“, aber „nicht irreal“. Den Ausschlag gaben am Ende die Kosten: pro Kilometer Schienen fünf Millionen Euro.

Restexemplare des Buches von Sven Schreivogel „Die Göttinger Straßenbahn“ gibt es bei der Göttinger Buchhandlung Deuerlich.

Von Michael Caspar

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