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Als Göttingen noch in Nordafrika lag

Der Boden, auf dem wir leben Teil 1 Als Göttingen noch in Nordafrika lag

In dieser kleinen Serie geht es um den Boden, auf dem wir leben, um das Leinetal. Also um geologische Erdschichten, um das lebenswichtige Wasser ebenso wie um  Salzvorkommen – und nicht zuletzt auch darum, was denn auf diese­m Boden an typischen Pflanzen wächst. Heute: die geologischen Besonderheiten im Leinetal.

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Von der Burg Plesse aus betrachtet: das Leinetal südlich von Göttingen.

Quelle: Kühn

Göttingen. Achtung: Dies ist kein wissenschaftlicher Text. Aber er erzählt eine Geschichte, wie sie die Geologen (in anderen Worten natürlich) ebenfalls erzählen könnten. Sie beginnt so: Vor rund 240 Millionen Jahren lag Göttingen sehr viel weiter südlich. Genauer gesagt: in Nordafrika. Ungefähr dort, wo sich heute am Südrand der Sahara der Senegal befindet. Der Grund dafür ist die sogenannte Kontinentalverschiebung.

Hier muss man dann doch ein wenig wissenschaftliche Theorie einbauen:  Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Landmasse der Erde vor rund 320 Millionen Jahren im Wesentlichen zwei Kontinente umfasste, nämlich Gondwana und Laurasia. Vor rund 250 Millionen Jahren waren beide zum Riesenkontinent Pangaea zusammengewachsen, der vom Riesenozean Panthalassa umgeben war und in den sich von Osten die Tethys wie eine riesige Bucht hinein erstreckte.

Vor etwa 135 Millionen Jahren brach die Kontinentalmasse auseinander. Die Tethys öffnete sich weiter nach Westen und trennte einen Südkontinent ab, der wieder als Gondwana bezeichnet wird. Der Nordkontinent zerfiel durch die Öffnung des Nord-Atlantiks in die beiden Teile Nordamerika und Eurasien. Bis vor rund 100 Millionen Jahren hat sich der Zerfallsprozess der Kontinente weiter fortgesetzt. Vor allem der große Südkontinent hat sich in Südamerika, Afrika, Indien, Antarktis und Australien gespalten.

„Tektonisch eingeschlafen“

Diese Kontinentalverschiebung erklärt auch, warum wir den Blick heute über ein breites, flaches Tal, das Leinetal, schweifen lassen können. Ein so kleiner Fluss nämlich kann ein solches Tal nicht geschaffen haben. Vielmehr handelt es sich bei unserem schönen Leinetal um eine Bruchzone der Erdkruste. Eine Zone, die von Südnorwegen über den Rheingraben hinunter bis nach Marseille reicht. Genannt wird er Mittelmeer-Mjösen-Graben – ein Begriff, den 1930 ein deutscher Geologe namens Hans Stille geprägt hat. Diese Bruchzone ist rund 2000 Kilometer lang und umfasst, wie bereits beschrieben, das Rheintal oder die westhessische Senke.

Im Umfeld dieser Bruchzone hat es immer auch vulkanische Aktivitäten gegeben – beispielsweise am hohen Habichtswald westlich von Kassel, oder am Hohen Hagen bei Dransfeld. Weshalb wir hier überwiegend Basaltboden vorfinden. Die Hauptereignisse des Grabenbruches, wie auch am Oberrhein, werden in die Zeit vor etwa 20 Millionen Jahren datiert. Dort allerdings grummelt es unter der Erde noch, weshalb es immer wieder Berichte über mögliche Vulkanausbrüche gibt, während der Leinegraben als sozusagen „tektonisch eingeschlafen“ gilt. Übersetzt: Ein Vulkanausbruch hier gilt als relativ unwahrscheinlich.

Doch in der unvorstellbar langen Zeit, auf die wir hier zurückblicken, hat es auch immer wieder Eiszeiten gegeben, war das Land mehrfach ein Meer, dann wieder eine trockene Wüste. Auch in Göttingen und Umgebung, wo beispielsweise das Muschelkalkmeer vor 240 Millionen Jahren lag – und Spuren hinterlassen hat. So gibt es etwa im Forststeinbruch von Herberhausen Einblicke in jene Abschnitte der sogenannten Trias-Zeit, wo man den Kalksandboden dieses urzeitlichen Meeres erkennen kann. Im Laufe der Zeit haben sich dort viele Schichten des urzeitlichen Meeres gebildet, die als geologische Bänke übereinander gestapelt waren, durch Wind und Wasser aber auch aufgewirbelt wurden – zu Kalkbänken, auch Wellenkalk genannt. Neuzeitliche Bagger haben an den Wänden des Steinbruches diese Schichten freigelegt.

Erzählungen, Theorien, Darstellungen

Und natürlich gibt es auch Fossilienfunde aus  alten Zeiten. Was man im geologischen Museum der Göttinger Universität bewundern kann. Darunter auch den Pfeilschwanzkrebs Gottingensis (s.l.). Saurierreste hat man übrigens auch im Ostviertel gefunden; Dinosaurierspuren allerdings bisher nicht– wohl aber eine einzelne im Eichsfeld. Doch das ist eine andere Geschichte. Zurück zum Leinegraben, der Bruchzone. Dort hat es neben diesem Graben auch noch andere Erdverschiebungen gegeben, in andere Richtungen, sogenannte Verwerfungen, sogenannte Zerrungssprünge.

In dem Bereich rund um Göttingen kennt man unter anderem den Gelliehäuser Sprung oder den Reinhäuser Sprung. Diese Verwerfung hat einige Spuren hinterlassen: Sie beginnen etwa am Leineknie bei Reckershausen. Westlich an Reinhausen vorbei erreicht diese die Südspitze des Westerberges und tritt dann in das Massiv des Göttinger Waldes ein. Dann gibt es da noch den Göttinger Sprung, der von Friedland und östlich an Stockhausen vorbei am Rande der Leineaue entlangläuft. Von Geismar ab bildet er die Stufe des Lohberges und des Hainberges. Vom Northeimer Sprung oder dem Arenshäuser erst gar nicht zu sprechen.

Bei so vielen Erzählungen, Theorien, Darstellungen der Erdwissenschaftler über die Vergangenheit gibt es natürlich auch einige über die Zukunft. Ideen darüber, wie es in 20 Millionen oder 200 Millionen Jahren hier bei uns aussehen könnte. Eine meine Lieblingstheorien, natürlich ebenfalls  von Wissenschaftlern entwickelt, geht so: in etwa 80 Millionen Jahren ist Afrika nach Norden vorgedrungen. Das Mittelmeer gibt es nicht mehr, durch den Schubs ist vielmehr dort eine neue Gebirgskette entstanden. Und wo der Boden, auf dem wir heute leben, dann zu finden sein wird? Niemand weiß es. Aber das ist eine andere Geschichte...

Eine andere ist auch die, die wir in der nächsten Folge betrachten: nämlich die Gestaltungskraft des Wassers, das stets ein großer Modellierer von Landschaftsformen gewesen ist, gerne auch als „Bildhauer der Natur“ bezeichnet wird.

Von Ilse Stein und Joachim Reitner

Psammolimulus gottingensis

Diese Gattung lebt heute noch, zum Beispiel an der Ostküste der USA. Der Limulus ist verwandt mit den Spinnentieren, ist also kein Krebs. Diese langlebigen Tiere werden als „lebende Fossilien“ bezeichnet und sind somit für die paläontologische Forschung von besonderer Bedeutung.

Die Vorkommen im Göttinger Bundsandstein sind einmalig und geben Einblicke in eine Welt vor rund 240 Jahren, eine Zeit, die als Erholungsphase nach dem größten Aussterbeereignis vor rund 250 Millionen Jahren. Vertreter dieser Art haben offensichtlich diese damalige gewaltige ökologische Krise überlebt.

 
Zur Person

Prof. Joachim Reitner, 62, ist deutscher Paläontologe. Er diplomierte und promovierte an der Universität Tübingen (1984).

An der Freien Universität Berlin habilitierte er sich 1991 und wurde 1994 auf den Lehrstuhl für Geobiologie an der Universität Göttingen berufen.

1996 erhielt er den Leibnizpreis. Reitner untersucht die Wechselwirkung zwischen Organismen und abiotischen Faktoren.

Er befasst sich unter anderem mit der Interaktion zwischen Mikroben und vielzelligen Organismen.

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Foto: Europas älteste Pfannensaline: Saline Luisenhall im Göttinger Ortsteil Grone.

In dieser kleinen Serie geht es um den Boden auf dem wir leben, um das Leinetal. Also um geologische Erdschichten, um das lebenswichtige Wasser ebenso wie um Salzvorkommen – und nicht zuletzt auch darum, was denn auf diesem Boden an typischen Pflanzen wächst. Heute: die prägende Kraft des Wassers.

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