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Mit aufheulendem Motor die Politesse genötigt

Amtsgericht Göttingen Mit aufheulendem Motor die Politesse genötigt

"Die Politesse musste beiseite springen, sonst hätte sie wohl drunter gelegen." Es war eine dieser Zeugenaussagen, die einen 35 Jahre alten Göttinger vor den Amtsrichter brachten. Eine hohe Strafe drohte, doch er kam mit nur 40 Tagessätzen (600 Euro) wegen Nötigung glimpflich davon.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Dabei hatte anfangs alles nach einem gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, nach versuchter Körperverletzung und Nötigung ausgesehen. "Quasi der Audi A4 als Waffe", fasste der Amtsrichter den Vorwurf des gefährlichen Verkehrseingriffs zusammen. Aber den "Schädigungsvorsatz" hatte der Angeklagte von Beginn an bestritten: "Ich wollte sie doch nicht verletzen." Das war ihm nicht zu widerlegen.

Der Vorfall fand vor reichlich Publikum statt. Dafür hatte der Angeklagte selbst gesorgt. Am 10. September 2015 hatte er einen Termin in der Innenstadt. Er war spät dran. In der Kurzen Straße fuhr er auf die markierte Fläche für den Schwenkbereich des Busses - ins absolute Halteverbot. Er will im Rausspringen seinem Bruder, dem Beifahrer, zugerufen haben, der solle das Auto wegfahren. Doch der Bruder hatte es genauso eilig. Mit Schlüssel im Schloss blieb der Audi unabgeschlossen im Halteverbot stehen.

Bus kam nicht um die Kurve

Es kam eine Mitarbeiterin des städtischen Ordnungsdienstes. Die ahnte schon, was folgt: der Bus. Der Gelenkbus kam nicht um die Kurve. Hinter ihm stauten sich die Autos. Es wurde gehupt, Fahrgäste des Busses stiegen neugierig aus, Bewohner schauten aus den Fenstern auf die Szene. An Zeugen mangelte es in diesem Prozess nicht.

Die beschreiben, wie erst der Bruder kam, den Wagen auf Anordnung der Politesse aber nicht wegfahren durfte. Der Halter solle kommen. Als der kam, habe die Ordnungskraft ihn angewiesen, nur einige Meter vor zu fahren, damit sie seine Personalien aufnehmen könne. Schließlich hatte sie inzwischen schon den Abschleppdienst gerufen. Doch der Fahrer wollte weg. Mehrfach, so Zeugen, habe er den Motor aufheulen lassen und sei ruckweise vor gefahren, wohl um die Politesse einzuschüchtern. Die habe auf Höhe des Vorderrades gestanden. Als der Angeklagte durchstartete und dabei noch den Bordstein mitnahm, habe sie beiseite springen müssen, um nicht erfasst zu werden, sagt sie als Zeugin.

Zahlreiche Zeugen

Je mehr Zeugen gehört werden, umso unterschiedlicher die Aussagen. Den besten, aber stummen Überblick hatte ein Studentenpaar aus dem Küchenfenster im ersten Stock. "Ich habe gedacht, der fährt die jetzt um", sagt die junge Frau. "…wenn sie nicht so geistesgegewärtig reagiert hätte", sagt ein Rentner. "Der wollte nur abhauen", ergänzt ein 82-Jähriger.

Am Ende fasst der Staatsanwalt zusammen: Er sei nicht direkt auf sie zugefahren, also kein gefährlicher Eingriff. Er habe sie nicht verletzen wollen, also keine versuchte Körperverletzung. Aber er habe sie natürlich genötigt. Dem schließt sich der Richer an. Dem Verteidiger, der alles zum Missverständnis erklärt und Freispruch will, sagt er noch: "Wenn er nicht bezweckt haben will, dass sie wegspringt, was denn dann?" Seinen Führerschein, den das Gericht im November wegen des Vorfalls beschlagnahmt hatte, bekommt er wieder. 40 Tagessätze und drei Monate Sperre reichen - zumal der 35-Jährige wegen des vorübergehnden Führerscheinverlustes auch seinen Job verloren hatte.

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