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Antizyklisch

Wochenendkolumne Antizyklisch

Ich bin nicht sicher, wobei mir der Gedanke erstmalig durch den Kopf ging. Vielleicht war es, als in dieser Woche auf jedem Schreibtisch der Redaktion plötzlich Osterhasen im Folienkleid erst auftauchten und dann ebenso schnell wieder verschwanden. Vielleicht war es auch, als der geliebte Nachwuchs kürzlich eine Weihnachtsgeschichte als Gute-Nacht-Lektüre einforderte.

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Bei beiden Gelegenheiten dachte ich mir: Warum fügen wir uns eigentlich den angeblich festen Abläufen des Alltags, den Gezeiten des Jahres? Warum denn nicht mal anders? Der Blick auf die schoko-gesättigten Kollegen hier und die beinahe besinnlich wirkenden Kinder dort legt die Vermutung nahe, dass es glücklich macht, Dinge eben nicht zu tun, wenn sie gerade dran sind. Lässt sich das perfektionieren? Wir haben es ausprobiert.

Die Arbeit: Wird von unserem Experiment ausgeklammert, da antizyklisches Arbeiten vermutlich weder zu Ruhm und Ehre noch zu zyklischer Bezahlung führt.

Kindeserziehung: Ist auf fast schmerzhafte Art an den Lauf der Jahreszeiten gekoppelt. Nichts ist so wiederkehrend wie der Nachwuchs. Und so feiern derzeit wohl viele Eltern nach Schneeschmelze und Frühlingsbeginn das Ende der Indoor-Saison. Auch ich stehe diese Woche im Garten und beobachte die lieben Kleinen, wie sie sonnenbeschienen über die Wiese tollen. Fröhlich ausgelassen, endorphingetränkt – sie wie ich. Aber wir wollten doch antizyklisch sein. Und da bin jetzt mal dankbar für die kreative Mithilfe einer Lehrerin meines Ältesten. Er (8) ist wohl ein normaler Schüler. Allerdings mit großen Defiziten im Umgang mit dem Computer. Er hat schlicht keinen. Daher verschrieb ihm die Lehrerin mehr Übung mit Tastatur und Maus. Und da ich pädagogische Überlegenheit nie in Frage stelle, habe ich das kleine Gartenidyll natürlich sofort beendet und ihn an den schattigen elterlichen Schreibtisch verbannt. Sinnvoll? Ich weiß nicht. Antizyklisch in jedem Fall.

Das Wochenende: Die Erwartungshaltungen sind familienintern unterschiedlich hoch, der Terminkalender voll, die Angebote aus Sport, Kultur und Gesellschaft groß und vielfältig. Hier lockt das Historienspektakel, dort ein Stadtfest mit verkaufsoffenem Sonntag, der Zoo ruft und der Besuch im Schwimmbad ist oft versprochen und längst überfällig. Damit ist klar, wo das Leben tobt, was man also gefälligst zu tun hat. Wir steigen ins Auto und fahren vorbei an Zoo, Fest und Spektakel in die nächstgelegene Kleinstadt. Hier sind die Geschäfte nicht geöffnet, weit und breit keine Ritter, wilde Tiere oder Tunnelrutschen. Es ist ein bisschen einsam vielleicht. Aber wenn man sich dann nach zwei Stunden von der Außenbestuhlung eines fast göttlichen Italieners erhebt, läuft die Entspannung der ganzen Familie fast schon in kleinen Pfützen unterm Tisch zusammen. Ein antizyklisches Ereignis.

Unterwegs: Wenden wir uns an die Profis des Wiederkehrenden, die Deutsche Bahn. Der Weg führt an die Küste. Göttingen – Hamburg – Nordsee. Wenig mehr als vier Stunden. Laut Plan. Aber offensichtlich wissen die dort von unserem Versuch, Routinen zu durchbrechen. Und so wird der Trip zur Tagesreise inklusive Rundfahrt durch die norddeutsche Tiefebene. Auch schön. Zwei Tage später beginnt der Streik. Der kommt mir persönlich jetzt ein bisschen zu zyklisch.
Fazit: Antizyklisch ist viel Entspannung, ein klein bisschen Punk, manchmal komisch. Und die Kinder kommen damit nicht in den Zoo. Naja, vielleicht an diesem Wochenende... Nein.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016