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Anwalt im Wahn prügelt Nachbarin

Zu 50 Tagessätzen verurteilt Anwalt im Wahn prügelt Nachbarin

Er nennt sich „Privatgelehrter“ und lebt von 300 Euro Rente in Magdeburg. Göttinger Strafverteidiger kennen ihn noch, weil er einst bei Mandantenbesuchen im Gefängnis unter U-Häftlingen unkollegial neue Kunden einwarb und vor Gericht mit kruden Anträgen Richter nervte. Gestern wurde der 67-jährige Jurist selber in Handschellen vorgeführt. Knapp fünf Jahre nach der Tat musste er sich wegen eines Angriffs auf die Mitbewohnerin eines Hauses im Ostviertel vor dem Amtsrichter verantworten.

Er wurde schuldig gesprochen: 50 Tagessätze zu je 15 Euro. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er am 18. November 2005 kurz nach 16 Uhr der unter ihm wohnenden Miteigentümerin einer Vier-Parteien-Villa unvermittelt die Faust ins Gesicht schlug, sie auf dem Treppenabsatz weiter mit Fäusten traktierte und sie schließlich mit Fußtritten schmerzhaft mehrere Treppenstufen hinunterrutschen ließ. Angeklagt war zunächst gar eine „das Leben bedrohende Behandlung“, weil davon ausgegangen wurde, dass er beabsichtigte, die Frau die Treppe hinunter zu stürzen.
Dabei hatte das spätere Opfer den Juristen zunächst als „netten, intelligenten, sensiblen, ja liebenswerten Menschen“ kennengelernt. Mit den Jahren habe er sich verändert. Er habe sich über Lärm aus ihrem Arbeitszimmer, über dem sein Schlafzimmer lag, beschwert. Dabei, so die Frau, habe sie nur Hefte korrigiert. Als sie anfing, Klarinette zu spielen, sei er massiv geworden, habe auf der Treppe gedroht, so dass sie auswich, und er habe Briefe geschrieben und sie schriftlich bei Behörden und bei ihrem Arbeitgeber als „hochsadistisch“ angeschwärzt.
Den Inhalt der Briefe hat sich eine psychiatrische Sachverständige genau angesehen. Darin behauptet der Jurist, die Nachbarin bringe durch ihren Lärm sein Bett ins Schwingen. Als sie einwandte, sie sei in der fraglichen Zeit im Urlaub gewesen, behauptete er, sie betreibe eine mechanische Einrichtung, die sein Bett in Schwingung setze.
Die Gutachterin erläuterte anhand der Jasperschen Wahnkriterien – erstens unmöglicher Inhalt, zweitens feste Überzeugung des Patienten, drittens Unkorrigierbarkeit der Überzeugung –, dass der Angeklagte unter einer wahnhaften Störung gelitten haben muss. Deshalb sei er wohl eingeschränkt schuldfähig gewesen. Genaues konnte die Ärztin nicht sagen. Der Jurist verweigerte jedes Gespräch. So wie er sich auch dem Prozess entzogen hatte. 2007 war er schon einmal wegen eines Angriffs auf eine Frau, deren Hund ihn beim Joggen störte, verurteilt worden. Schon damals gab es 50 Tagessätze wegen Körperverletzung. Danach war er untergetaucht und zur Verhandlung nicht erschienen. Der Haftbefehl, um den Prozess zu sichern, konnte erst drei Jahre später vollstreckt werden. Gestern war es so weit. Das Opfer bekam zudem 1000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

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