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Auch soziale Lügen haben kurze Beine

Aus dem Landgericht Auch soziale Lügen haben kurze Beine

Das ist ja gerade noch mal gut gegangen, könnte man sagen. Denn vom Vorwurf der Vergewaltigung ist der Angeklagte nun freigesprochen worden. Das Urteil markiert das Ende einer mithin als bizarr charakterisierten Gerichtsgeschichte. Von Lukas Breitenbach

Begonnen hat alles im Jahr 2009 mit einem Urlaub in Schweden. Dort soll Fritz (Name geändert), damals 56 Jahre alt, Familienvater und Rentner, die lesbische Lebensgefährtin seiner von ihm getrennten Ehefrau vergewaltigt haben. Als sie nach einem feucht-fröhlichen Abend in der Nacht noch einmal die Toilette aufsuchen wollte, so wollte sich das vermeintliche Opfer erinnern, habe Fritz, unbekleidet und mit übergestülptem Kondom, die Frau im Flur überwältigt, umklammert, geknebelt, zu einem Tisch bugsiert und im Wohnzimmer eigenhändig vergewaltigt.

„Das kann man sich nicht ausdenken“, befand im ersten Prozess das Landgericht unter dem Vorsitz von August-Wilhelm Marahrens. Die Bemühungen des Verteidigers Olaf Wiesemann, einen aussagepsychologischen Gutachter hinzuzuziehen, blieben damals unerhört. Die Glaubhaftigkeit stellte die Kammer selbst fest, zum Beispiel anhand der Reaktion des angeblichen Opfers auf Fritz’ Darstellung, es habe sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt: „Aber doch nicht mit dem!“

Aber doch, sagte der Bundesgerichtshof, der die Möglichkeit jedenfalls nicht so schnell abtun wollte, wie es nach höchstrichterlicher Auffassung die Göttinger Richter taten: „Die Beweiswürdigung hält rechtlicher Prüfung nicht stand“, lautete der Spruch aus Karlsruhe, und so spielten sie den Ball ans Landgericht in Göttingen zurück, wo nun eine andere Kammer (dieses Mal unter dem Vorsitz von Ralf Günther) neu verhandeln musste. Die Zeugen wurden erneut vorgeladen – was dem einen mal mehr, dem anderen mal weniger passte. In dieser Runde wurde denn auch mit Gutachtern gearbeitet. Und siehe da: Der Fachmann hält die Aussage für „nicht erlebnisorientiert“. Im Klartext: Sie ist erstunken und erlogen. Bereits in den polizeilichen Vernehmungen hatte sich das vermeintliche Opfer in Widersprüche verwickelt. So hatte die Frau zunächst angegeben, nur mit ihrem Peiniger allein losgefahren zu sein. Den Hund, Nero, hatte sie auch vergessen. Obwohl er ihr, in ihrer Mär von der Vergewaltigung, zu Hilfe gesprungen sei.

Seinen Freispruch im Wiederholungsprozess stützt Richter Ralf Günther im Wesentlichen auf die Unglaubwürdigkeit des vermeintlichen Opfers. Die von Revisionsführer Steffen Stern vorgeschlagene „soziale Lüge“ bezeichnete Günther in seiner mündlichen Urteilsbegründung als schlüssige Erklärung. Die soziale Lüge versteht Stern als Alltagslüge, die viele gebrauchen, „um Probleme zu umschiffen“. In diesem Fall scheint die Lüge gehörig außer Kontrolle geraten zu sein.

An der Darstellung des Opfers blieben „mehr als vernünftige Zweifel“. Nach alledem „bräuchten wir das Gutachten gar nicht mehr“, das der Psychiater angefertigt hat. Und weiter: „Wir sind sicher, dass Frau P. gelogen hat“, sagt Günther. Das ist insoweit bemerkenswert, dass es die gleichen Aussagen waren, die die Kollegen dazu veranlasst haben, Fritz zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe zu verurteilen. Und Günther betont am Schluss, dass es sich hierbei um einen Freispruch erster Klasse handele – also wegen erwiesener Unschuld und nicht aus Mangel an Beweisen. Wenngleich er hinzufügte, dass nicht herausgefunden werden konnte, was wirklich passiert ist. Günther drückte sein Bedauern darüber aus, dass der Beschuldigte mit diesen schweren Vorwürfen überzogen wurde, welche Belastungen man ihm zugemutet habe.

Es ist also noch einmal gut gegangen? Ein schwacher Trost für Fritz, wenn überhaupt. Ein unbescholtener Mann wurde über Jahre eines widerwärtigen Verbrechens bezichtigt. Juristisch mag er vom Vorwurf freigesprochen sein. Für Vorverurteilungen und Dorfklatsch gibt es leider keine Revision am BGH.

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