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Aufgebauer spricht über Antisemitismus

Universität des dritten Lebensalters Aufgebauer spricht über Antisemitismus

Vorurteile, Angst und Hass gegen Juden waren in Göttingen im 18. und 19 Jahrhundert auch unter den Gelehrten der Universität an der Tagesordnung. In Äußerungen von „berühmten Gelehrten“, so der Historiker Peter Aufgebauer, begegne einem „gewissermaßen die Nachtseite der Aufklärung; Vorurteile, Ressentiments bis hin zu biologistisch argumentierender Infamie“. Aufgebauer beleuchtete in der Auftaktveranstaltung zum neuen Semester der Göttinger Universität des dritten Lebensalters die Geschichte der Göttinger Juden im 18. und 19. Jahrhundert.

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Auftakt: Prof. Peter Aufgebauer (r. ) spricht über Antisemitismus in Göttingen im 18. und 19. Jahrhundert.

Quelle: Heller

1790 etwa schreibt der Philosoph Christoph Meiners: „So wenig jemals Unterthanen mit ihren Regenten, Kinder mit Erwachsenen, Weiber mit Männern, Bediente mit ihren Herren gleiche Rechte und Freyheiten erhalten werden; so wenig können Juden und Neger, so lange sie Juden und Neger sind, mit den Christen und Weissen, unter welchen sie wohnen, oder denen die gehorchen, dieselbiegen Vorrechte und Freyheiten verlangen.“

Im Zuge des Skandals um Ferdinand Freiherr von Grote, Baron zu Schauen aus Hannover, der sich 1779 an der Georgia Augusta eingeschrieben hatte, sei der „Tenor der professoralen Stellungnahmen aus jener Zeit überwiegend judenfeindlich“, so Aufgebauer. Das gelte für den Orientalisten und Theologen Johann David Michaelis, den Mathematiker Abraham Gotthelf Kaestner, den Philologen Christian Gottlob Heyne, den Historiker August Ludwig Schlözer, den Orientalisten Johann Gottfried Eichhorn und den Technologen Johann Beckmann. Georg Christoph Lichtenberg ließ sich über das „ungeziefermäßige“ der Juden aus.

Diesen Äußerungen voran gegangen war, dass sich der junge Freiherr von Grote in seiner Studentenzeit mit 19 000 Talern hoch verschuldet hatte. Glücksspiel, Liebschaften, Empfänge, Kneipengänge – das Freiherrenleben war kostspielig. Das nötige Kleingeld besorgte er sich bei den jüdischen Pfand- und Geldleihern. Durch so viel Verschwendungssucht war nicht nur der Ruf des Freiherren in Gefahr, auch der der Universität. Die Schuldigen waren schnell ausgemacht: die jüdischen Pfandleiher. Erst durch die Geschäfte mit ihnen konnte der Freiherr von Grote überhaupt so viel Geld ausgeben. Viele von ihnen mussten die Stadt verlassen, anderen wurde untersagt, mit Studenten Geschäfte zu machen.

Auch bei den Bürgern der Stadt hatte sich im 18. Jahrhundert Antisemitismus festgesetzt. In einem Memorandum schrieben die Stadt- und Bürgerdeputierten an die Gremien der Universität: „Die Stadt Göttingen, welche ehedem reich und mächtig gewesen; durch die vielen Kriege im vorigen Jahrhundert aber herunter gekommen; und erst seit der Zeit, da sie der Sitz der berühmtesten Universität ist, sich zu erholen angefangen: diese gute Stadt läuft nun Gefahr durch eine Menge beschnittener Fremdlinge zu Grunde gerichtet zu werden.“

Auch an der Universität hielt sich der Antisemitismus, auch wenn etwa die Vorbehalte gegen jüdische Professoren allmählich aufgegeben wurden, so Aufgebauer. 1848 erhielt der Mathematiker Moritz Abraham Stern auch unter dem Eindruck der Emanzipationsgesetze eine außerordentliche Professur. „Es dauerte weitere 14 Jahre bis er endlich zum ordentlichen Professor ernannt wurde“, erklärt Aufgebauer. Bei dieser Gelegenheit habe Universitätskurator Warnstedt über Stern gegenüber dem Ministerium in Hannover geäußert: „Seine Persönlichkeit ist ein wenig unangenehm, indem seine orientalische Abstammung ihm sehr anhaftet. Sein Übertritt zum Christentum ist wohl mehr durch äußere Gründe bestimmt.“

Aufgebauer weiter: „Dass Ressentiments und Vorurteile durch Gleichstellungsvorschriften nicht zu überwinden waren, machte in der Folge der aufkommende Antisemitismus deutlich, wie ihn etwa der preußische Hofhistoriograph Heinrich von Treischke, der in Göttingen studiert hatte, 1880 mit der Parole Die Juden sind unser Unglück propagierte.“ Noch weiter sei der Orientalist Paul de Lagarde, der bis zum Tod 1891 in Göttingen wirkte, gegangen. Er schrieb 1878: „Jeder fremde Körper in einem lebendigen andern erzeugt Unbehagen, Krankheit, oft sogar Eiterung und den Tod. Die Juden sind als Juden in jedem europäischen Staate Fremde, und als Fremde nicht anderes als Träger der Verwesung.“

In der Erinnerung an die jüdischen Wissenschaftler Felix Klein, Otto Wallach, James Franck, Emmy Nöther und Max Born sagte Aufgebauer: „Die Universität Göttingen verdankt ihren Ruf jüdischen Wissenschaftlern.“

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