Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Aufstieg und Fall eines NS-Funktionärs

Hermann Muhs Aufstieg und Fall eines NS-Funktionärs

Vor sieben Jahren sorgte das Pflanzen einer Linde in Barlissen für Aufregung. Aber nicht wegen des Baumes, sondern weil zu dessen Wurzeln auch Informationen über einen gebürtigen Barlisser „von überörtlicher Bedeutung“ versenkt wurden – über Hermann Muhs, einen ranghohen Funktionär des nationalsozialistischen Terrorregimes. In zwei Beiträgen für das Hildesheimer Jahrbuch hat Klaus Arndt nun die Biographie des 1962 gestorbenen NS-Funktionärs verfasst.

Voriger Artikel
Im Sommer kann am Luhbach gebaut werden
Nächster Artikel
Göttingen von Lokführer-Warnstreiks betroffen

Barlisser Idyll: Unter der kleinen Linde am Tie sind die Dokumente zu Hermann Muhs vergraben.

Quelle: Barke

Muhs wird am 16. Mai 1894 im kleinen Dorf Barlissen geboren. Vater Wilhelm ist Knecht. Er lebt und arbeitete auf einem Hof in Atzenhausen. Er stirbt, als sein Sohn ein Jahr alt ist – im Ort wird von Selbstmord getuschelt, schreibt Arndt. Hermann Muhs’ Mutter, eine Haushaltshilfe, heiratet nicht wieder. Sie kümmert sich um ihr einziges Kind gemeinsam mit ihrer Schwägerin, die selbst auch Kinder hat.

Nach seinem Abitur 1914 meldet sich Muhs nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger bei einem Feldartillerie-Regiment. 1917 wechselt er zu einem Fliegerverband, steigt zum Leutnant der Reserve auf und wird mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. 1918 gerät er als Flugzeugführer einer Jagdstaffel in französische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung im Frühjahr 1920 studiert Muhs erst Volkswirtschaft, dann Rechtswissenschaften an den Universitäten Göttingen, Berlin und Königsberg. 1923 promoviert er in Göttingen, 1927 eröffnet er dort eine Rechtsanwaltskanzlei und wird 1932 als Notar zugelassen.

Muhs ist ein früher und glühender Nationalsozialist: „Seit dem Jahre 1922 habe ich mich zum Nationalsozialismus bekannt. An den Parteitagen 1927 und 1929 in Nürnberg habe ich teilgenommen. Bei der Gründung des Nationalsozialistischen Richterbundes auf dem Parteitag in Nürnberg war ich anwesend als einziger Jurist aus der Provinz Hannover.“ Seit 1928 ist Muhs Fraktionsvorsitzender der NSDAP in Göttingen.

Zeitzeugen beschreiben ihn als redegewandt, arbeitssam und standfest, aber auch als fanatisch. Bereits 1930 wird er von der Parteiführung zum stellvertretenden Gauleiter für Südhannover-Braunschweig ernannt. 1931 tritt Muhs in die SS ein. Anfang 1933 führt er in Göttingen noch einen rüden Wahlkampf für die NSDAP, ehe er Ende März Regierungspräsident in Hildesheim wird. In dieser Funktion trägt er dazu bei, Parteigenossen in öffentliche Ämter zu hieven, widersetzt sich aber in zwei Fällen auch dem Willen der Partei. In Muhs’ Zeit als Regierungspräsident wird das KZ Moringen eingerichtet – die Verantwortung für den Arbeitseinsatz dort liegt bei ihm. Muhs hält flammenden Reden für die neue Ideologie: „Entweder man ist für den Staat und damit Nationalsozialist oder man ist kein Nationalsozialist und damit gegen den Staat. Jede Tarnung wird in kürzester Zeit erkannt und rücksichtslos ausgerottet werden.“ Diejenigen, die nicht auf der Linie der Diktatur liegen, bezeichnet Muhs als „verantwortungslose Schädlinge“, „Verräter“ oder „nichtswürdige Lumpen“.

Als Regierungspräsident unterstützt Muhs die NS-treuen „Deutschen Christen“. Diese gewannen die Wahl in der evangelischen Landeskirche. Die Deutschen Christen wollen das Alte Testament streichen und einen heldischen Jesus. Beim Luthertag 1933 in Hannover spricht Muhs in SS-Uniform: „Gerade Adolf Hitler hat uns wieder glauben und leben gelehrt.“

1935 gerät Muhs’ Karriere aufgrund von innerparteilichen Querelen ins Stocken. 1936 wird er aber ins Reichskirchenministerium berufen und an Hitlers Geburtstag 1937 zum Staatssekretär ernannt. Auch seine SS-Ränge werden höher. 1939 sitzt Muhs beim letzten großen Staatsbankett – Hitler persönlich hat geladen – an der Haupttafel.

In einem Brief schreibt Martin Niemöller, der die Verhaftung von kritischen Pfarrern anprangert, von „einem Gesamtplan der Christenverfolgung des Herrn Muhs“. Es sei nicht recht, „wenn über die Predigt der evangelischen Kirche nicht der Herr Christus, sondern Herr Muhs bzw. die Staatspolizei mit rechtlicher Wirkung zu bestimmen hat“.

In Barlissen ist Muhs ein willkommener Gast. Die Einwohner stehen für den Staatssekretär Spalier. Wenn dieser auch noch selbst mit einem Doppeldecker auf einem Acker landet, führt das zu einem Volksauflauf. Meist kommt er aber mit Dienstwagen und Chauffeur und verbringt seine Zeit mit Freunden in einem Wochenendhaus, das er sich Ende der dreißiger Jahre dort bauen lässt.

Als Reichskirchenminister Hans Kerrl 1941 stirbt, wird Muhs mit der Fortführung der Aufgaben in dem kleinen Ministerium betraut, wobei er auch die Reichsstelle für Raumordnung übernimmt. Zum Minister ernannt wird er allerdings nicht. Muhs, so schreibt Arndt, habe in Personalentscheidungen eingegriffen und sei gegen Pfarrer der Bekennenden Kirche – die sich nicht gleichschalten lassen wollte – mit Staatsgewalt vorgegangen. Auf Anordnung von Muhs werden im April 1945 kurz vor Untergang der Nazi-Diktatur die Personalakten und die Unterlagen über den Kirchenkampf verbrannt.

Nach dem Krieg wird Muhs von Juni 1945 bis Mai 1948 interniert. In einem Verfahren vor dem Spruchgericht Bielefeld gibt er zu Protokoll, die in Konzentrationslager eingewiesenen Geistlichen seien „ordnungsgemäß“ verurteilt worden. Konzentrationslager und Gestapo bezeichnet er als „Staatseinrichtungen“, die Einweisung von Juden allein aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit habe auf „staatlich erlassenen Gesetzen“ beruht. Das Gericht verurteilt ihn zu einer Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren, die durch die erlittene Internierungshaft als verbüßt gilt. 1949 wird das Urteil in der Revision aufgehoben. Begründung: Muhs habe sich schon seit 1939 als Nicht-Mitglied der SS betrachtet und somit keine Kenntnis über die verbrecherischen Machenschaften dieser Organisation gehabt. Muhs war im April 1941 vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, „in Ehren“ aus der Organisation entlassen worden. Himmler begründete dies damit, dass Muhs in SS-Uniform am Begräbnis des Kölner Kardinals Schulte teilgenommen habe. Himmler hatte jedoch 1934 die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen in SS-Uniform verboten.

Eine ähnliche Wendung gibt es bei der Entnazifizierung von Muhs. Das Verfahren zögert sich bis Juni 1951 heraus. Muhs stellt sich als aufrechten Mann dar, der sich bald von der NS-Ideologie abgewendet, mit Vertretern des Systems aneinandergeraten sei und in seiner Position nur Schlimmeres verhindert habe. Viele Vertraute entlasten ihn mit Aussagen, bezeichnen ihn als gundanständig, ehrlich, ein Muster an Pflichterfüllung. In seinem Heimatort hat er viele Sympathien – der Jühnder Pastor sowie Bürgermeister, Gemeindesekretär und Ortsbauernführer von Barlissen setzen sich für ihn ein. Belastungszeugen werden laut Arndt nicht befragt. Trotzdem wird Muhs zunächst „als wesentlicher Förderer des Nationalsozialismus“ in Kategorie III eingestuft. In der Berufung wird das Urteil jedoch schon im Oktober 1951 aufgehoben – Muhs kommt in Kategorie V und gilt als entlastet. Ihm wird nun sogar aufgrund von Zeugenaussagen zugebilligt, nach seiner anfänglichen NS-Euphorie Kontakte zum Widerstand unterhalten zu haben.

Weniger Glück hat Muhs allerdings dabei, die Stellung eines Oberregierungsrates und die entsprechenden Versorgungsansprüche einzuklagen. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gegen ihn – und hegt Zweifel an seiner frühen Distanzierung vom Nationalsozialismus. Als Rechtsanwalt wird Muhs nach weiteren Verfahren mit widersprüchlichen Ergebnissen 1959 wieder zugelassen, aber er führt laut Arndt keine Praxis mehr. Erneut zum Notar bestellt wird Muhs wiederum nicht.

In Barlissen findet der nun weitgehend mittellose Muhs weiter eine Heimat und Unterstützung. Er wohnt erst bei einer Cousine und deren Mann, dann teilweise in seinem Wochenendhaus. Anfang der sechziger Jahre baut er gemeinsam mit zwei Cousinen ein Haus, das er auch mit den beiden bezieht. Der Bau ist möglich durch den Verkauf familieneigener Grundstücke und die – auch finanzielle – Hilfe von Freunden. Muhs habe bescheiden und zurückhaltend gelebt, aber auch hochfahrend, arrogant und stur sein können, schreibt Arndt: „Wenn er allerdings in die einzige Gaststätte im Dorf kam, war er sehr jovial. Er sprach Plattdeutsch und wies jüngere Dorfbewohner, die ihn mit ‚Herr Dr.’ oder ‚Herr Staatssekretär’ ansprachen, zurecht: ‚Oh, oh Dussel, für dich bin ich Onkel Hermann.’“

Am 13. April 1962 stirbt Muhs – nach „einem Leben voller Pflichterfüllung“, so schreiben es seine Verwandten in der Todesanzeige. Die Beerdigung übernimmt nicht der Ortspastor, sondern Eugen Mattiat, in der NS-Zeit Landesleiter der Deutschen Christen und SS-Mitglied. Im Dezember 1962 geht bei der Kirchengemeinde Barlissen der Antrag auf Aufstellung eines Gedenksteines ein. Das mit 1,60 Meter Höhe und knapp einem Meter Breite durchaus auffällige Grabmal wird genehmigt. Im Mai 1963 kommt ein „Kreis guter Freunde“ zu einer Gedenkfeier in Barlissen zusammen, darunter auch ehemalige NS-Aktivisten aus der Region. Als 2003 die Grabstelle eingeebnet wird, stellen Verwandte von Muhs den Gedenkstein gut sichtbar am Grundstück des von ihm erbauten Hauses auf.

Muhs war in der NS-Zeit unter anderem zum Ehrenbürger in Hildesheim, Northeim und Herzberg ernannt worden. Hildesheim entzog die Ehrenbürgerschaft 1983, Northeim 1990, Herzberg 2009. Laut einer Zeitungsnotiz von 1933 soll Muhs auch zum Ehrenbürger von Barlissen ernannt worden sein. Unterlagen dazu konnte Arndt allerdings nicht finden: „Und die Barlissener konnten (oder wollten) den Inhalt der obigen Zeitungsnotiz nicht bestätigen.“

Muhs sei „ziemlich verarmt, aber ungebeugt“ gestorben, steht in den Unterlagen, die bei der Pflanzung der Linde vor sieben Jahren in der Dokumentenbox versenkt wurden. Die Beerdigung des ehemaligen NS-Funktionärs sei wahrscheinlich die größte gewesen, die Barlissen in seiner Geschichte je erlebt habe, heißt es weiter. Verantwortliche des Vereins, der die Linde gepflanzt hatte, betonten anschließend, Barlissen sei kein „rechtes Nest“, sondern fest in der Demokratie verwurzelt. Die Wertungen in den vom Schriftführer der Vereins zusammengestellten Dokumenten gäben nicht die Meinung des Vereins und der Bevölkerung wieder. Es werde erwogen, die Dokumentenbox wieder auszugraben und erläuternde Unterlagen hineinzupacken, die auch eine Distanzierung enthalten sollten. Die Dokumentenbox ist seitdem unverändert geblieben.

Klaus Arndt: Dr. Hermann Muhs. In: Hildesheimer Jahrbuch, Band 81 und 82, 2009/2010, S. 75-116 und S. 71-125.

Hinweis der Redaktion: Der Kommentarbereich wurde aufgrund zahlreicher Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen gesperrt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Bilder der Woche vom 16. bis 22. September 2017