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Aus Amtsschimmel Rennpferd gemacht

Schuldenfreie Stadt Aus Amtsschimmel Rennpferd gemacht

Die rheinische Stadt Langenfeld liegt auf dem Bier-Äquator – im Norden wird Alt und im Süden wird Kölsch getrunken. Bekannt geworden ist die Stadt aber durch kompletten Schuldenabbau. Bürgermeister Magnus Staehler (CDU) erklärte im Neuen Rathaus, wie es geht – nur auf dem langen, steinigen Weg und mit Wir-Gefühl.

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Schuldenfrei: Magnus Staehler im Göttinger Ratssaal.

Quelle: Mischke

60000 Einwohner, eingeklemmt zwischen Autobahnen und Großstädten am Rhein – eigentlich eine ganz normale Mittelstadt. Die Stadt ist seit vergangenem Jahr komplett schuldenfrei – die erste Stadt in Deutschland zwischen 50000 und 100000 Einwohnern. Sonst haben das nur Düsseldorf und Dresden geschafft, allerdings indem sie das Tafelsilber – RWE-Aktien und den Wohnungsbestand – verkauften. In Göttingern blieb es bislang beim Wunsch. 

In Langenfeld gibt es keinen Sanierungsstau mehr, steigende Rücklagen, Qualitäts- und Bildungsoffensiven – die Stadt kann es sich jetzt sogar leisten, Lehrerfortbildung zu bezahlen –, 5000 neue Arbeitsplätze und als „Bürgerdividende“ sinkende Steuern und Gebühren. Der Gewerbesteuersatz liegt nur noch bei 360 Prozent, die Grundsteuer A bei 150 und B bei 336 Prozent. Die entsprechenden Zahlen für Göttingen sind 430, 530 und 530. 

„1-2-3-schuldenfrei. Wie man aus Amtsschimmeln Rennpferde macht“ lautete der Titel der Veranstaltung im Neuen Rathaus. Die Ratsfraktionen von CDU und FDP hatten den mittlerweile bundesweit bekannt gewordenen Bürgermeister der Stadt Langenfeld eingeladen, von seinen Erfahrungen zu berichten. Göttingens Kämmerer Hans-Peter Suermann (CDU) hatte während der Vorstellung des Haushaltsentwurfs – damals noch schwarze Zahlen – Staehlers Buch empfohlen, als Beweis, dass Schuldenfreiheit möglich ist, und ihn nebenbei als „meistgehassten“ Bürgermeister bezeichnet. Das wollte Staehler nicht auf sich sitzen lassen. Er könne ja verstehen, dass Suermann es vorziehe, lieber in Gran Canaria zu sein. Die Anwesenden könnten dem Kämmerer ja erzählen, „dass ich gar kein so schlechter Kerl bin“. 

„Präsenile Bettflüchtlinge“

Mittlerweile ziehen die Bürger mit. Bürger und Unternehmer sind für Staehler nicht Kunden oder Untertanen, die zwischen den Wahlen nur stören, sondern „Gesellschafter“ – mindestens auf gleicher Augenhöhe. Bürgerlichem Engagement müsse Freiraum gegeben werden, so Staehler. Die Vereine unterhalten alle Sport-Außenanlagen, der größte Verein Hallen- und Freibad. Ein Spaßbad hat keine Chance, in seinem Haushalt aufzutauchen. „Wir als Kommune sind dazu da, Kindern das Schwimmen beizubringen und nicht präsenilen Bettflüchtlingen morgens ein Spaßbad aufzuheizen.“ 

In Langenfeld wird langfristige und nachhaltige Sparpolitik zum Prinzip erhoben. Ein Hektar Gewerbefläche muss mindestens 100 Arbeitsplätze bringen. Logistikfirmen brauchen gar nicht erst anfragen. Die Stadt kommt mit 600 Stellen aus, ein Drittel weniger als üblich. Dafür werden sie auch besser als üblich bezahlt und bekommen Verantwortung. Auch Sachbearbeiter dürfen ihre Projekte den Ausschüssen und der Presse vorstellen. „Motivation“, so Staehler. Den „Reichsbedenkenträgern“ in der Verwaltung müsse man allerdings auf die Finger klopfen.

500 Bürger zahlen 100 Euro

Langenfeld setzt auf die Attraktivität der Innenstadt, Einkaufszentren auf der grünen Wiese gibt es nicht – dafür 3000 Parkplätze in der City, die erste Stunde umsonst. Ein qualifiziertes Hausmeisterteam als Feuerwehr – nur noch 23 statt vorher 44 – und eigene Architekten – alles Frauen – kümmern sich um Bau und Gebäudemanagement. „Ich hatte gedacht, öffentliche Gebäude müssen graue Kisten sein, aber es geht auch mit Farbe.“ 

Trotz einiger Zumutungen steigt die Identität der Einwohner mit ihrer Stadt offenbar. Staehler schaffte kurzerhand die Straßenreinigung ab und verteilte 1000 Besen auf dem Marktplatz. Seine Kollegen dürften halt nicht bei Protesten und zwei, drei Leserbriefen gleich umfallen, merkte Staehler an. Trotz komplett weggebrochener Stahl- und Textilindustrie und einem Schuldenberg von 40 Millionen Euro konnte die kleine Stadt nach 20 Jahren 2008 schließlich eine U-100-Party feiern. Die Pro-Kopf-Verschuldung war bis auf 100 Euro abgebaut. Jeder schuldenfreie Langenfelder bekam ein Zertifikat, er musste dafür allerdings 100 Euro mitbringen. Nicht 50 oder 70 Bürger, wie Bürgermeister und Kämmerer wetteten, sondern 500 Einwohner standen Schlange und wollten zahlen.

                                                                                                                             Von Gerald Kräft

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