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Aus dem Amtsgericht Göttingen

„Wir glauben eher, dass Bewährung nicht klappt“ Aus dem Amtsgericht Göttingen

Eigentlich wird Bewährung nur dann ausgesprochen, wenn eine positive Sozialprognose dafür spricht. „Wir glauben eher, dass Bewährung nicht klappt“, entschied jetzt das Jugendschöffengericht, und versagte einem notorischen Marihuana-Dealer dennoch die „allerletzte Chance“ nicht.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Neun Monate Jugendstrafe werden zur Bewährung ausgesetzt. Der 21-Jährige gilt als ganz harter Fall. Zwölf Jahre seines Lebens hat er in einem Jugendheim verbracht. Als 14-Jähriger stahl er mit drei gleichaltrigen Heimkindern das Auto eines Bediensteten und „hätte sich beinahe totgefahren“, sagt der Jugendgerichtshelfer. Das Auto hatte sich überschlagen. Die Liste der Vorstrafen enthält elf Eintragungen vom Diebstahl über Körperverletzung und Sachbeschädigung bis Hausfriedensbruch und Betrug. Und eben Betäubungsmitteldelikte.

„Wir treffen uns sehr, sehr häufig“, sagt zum Auftakt Jugendrichter Oliver Jitschin. Der Name des Angeklagten taucht immer wieder, wenn der Untersuchungsrichter Telefonüberwachungen in der Drogenszene auswertet, in den Protokollen als Dealer auf. Deshalb sind die 22 Gramm, die im Februar 2015 bei einer Wohnungsdurchsuchung sichergestellt wurden, „nur die Spitze des Eisbergs“, meint der Richter.

Angeklagt sind Besitz und Handeltreiben mit Betäubungsmitteln. Den Besitz gibt der Angeklagte sofort zu. Nachdem ein Polizeibeamter ausgesagt hat, dass er im Rucksack des Angeklagten acht „Bömbelchen“, also in Staniolpapier eingedrehte Handelseinheiten von jeweils rund einem Gramm, gefunden habe, räumt der 21-Jährige auch den Handel ein. Bis dahin hatte er noch behauptet, das seien seine Rationen gewesen, „damit ich nicht zu viel verbrauche“.

Also doch ein Dealer. Noch vor einem Jahr, bei seiner letzten Verurteilung, hatte er eine letzte Chance erhalten. Doch die ihm auferlegten Arbeitsstunden hatte er nicht abgeleistet mit der Begründung, er mache sich „doch bei Gartenarbeit die Finger nicht schmutzig“. In der Anhörung gab er noch mehr preis: Er brauche nun einmal morgens und abends seinen Joint. Ans Aufhören denke er nicht. Inzwischen aber hat er seinen Realschulabschluss geschafft, hat einen Platz in einem Berufsfindungsprojekt und sogar die Chance, nach zwei Monaten Vorbereitung ein ebenso langes Praktikum auf Teneriffa zu machen. Bis dahin müsse er ohnehin völlig clean sein, sonst fliege er aus dem Projekt. Das schaffe er, sagt er. Er bietet freiwillig Urinproben an - aber erst in vier Wochen, aktuell falle die sicher positiv aus. Kurz, er kifft noch.

Auch wenn der letzte Drogendeal vier Tage vor seinem 21. Geburtstag stattfand, er also gerade noch Heranwachsender war, geht das Gericht von Jugendrecht aus. Die Reifeverzögerung durch den langen Heimaufenthalt liege auf der Hand. Der Verteidiger plädiert auf ein möglichst enges Korsett an Auflagen für die Bewährung. „Je mehr Zeit die Leute haben, umso mehr Unfug machen sie.“ Seinen Mandanten durch Auflagen zu beschäftigen, könne ihm nur helfen. Das Gericht verhängt dann tatsächlich neun Monate Jugendhaft und ordnet eine Urinkontrolle noch im Januar an. An dem Berufsprojekt weiter teilzunehmen, sei ebenfalls Pflicht. Danach müsse er eine Therapie fortsetzen. Jeder Cannabis-Missbrauch in den nächsten zwei Jahren werde zum Widerruf der Bewährung führen. Eine allerletzte Chance, aber die werde „verdammt hart bei Ihrem Vorleben und dem bisherigen Konsum“.

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