Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Bankrott eines Insolvenzverwalters

Prozess in Göttingen Bankrott eines Insolvenzverwalters

Er war als Rechtsanwalt auf Insolvenzen spezialisiert - und ist selber insolvent. Die Firma, die er zu verantworten hatte, legte drei Jahre lang keine Bilanz vor.

Voriger Artikel
Polizei ermittelt„akribisch“
Nächster Artikel
„Es geht um die Wurst“
Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Außerdem hat er ein Leasing-Auto unterschlagen. Deshalb ist der 46 Jahre alte Volljurist zu 150 Tagessätzen zu je 30 Euro verurteilt worden. Anfangs drohte eine höhere Strafe: Allein der Strafbefehl wegen zweier Fälle des Betruges war mit 12 600 Euro bemessen worden. Doch in diesem Punkt wurde er freigesprochen. Die 4500 Euro Strafe für die weiteren Anklagepunkte wirken vergleichsweise gering.

Der schwerste Vorwurf lautete: Er soll gleich in zwei Fällen einem Geschäftspartner aus den Niederlanden, der in seiner Firma stiller Gesellschafter war, jeweils 20 000 Euro Darlehen abgenommen, aber nichts zurückgezahlt haben. Der Holländer erstattete Strafanzeige wegen Betruges. Vor Gericht musste der Geschäftsmann dann aber einräumen, dass das Geld zur Weiterführung der Geschäfte war. Eine schlechte Investition also, aber kein vorsätzlicher Betrug durch Täuschung. Freispruch in diesem Punkt.

Doch auch die anderen Vorwürfe haben es in sich: So hat der heute 46-Jährige als Insolvenzanwalt, der bei fünf Amtsgerichten in Südniedersachsen und Nordhessen sein Einkommen hatte, 2008 eine GmbH gegründet und als deren Geschäftsführer gezeichnet. Eine Bilanz hat er dafür nie erstellt. „Ich war irgendwann nicht mehr fähig, die Sache ordentlich abzuwickeln.“ Nicht einmal, als alles aufflog, als das Finanzamt Insolvenzantrag stelle und er selbst den Eigenantrag versäumte.

Deshalb wurde nicht nur ein Verstoß gegen die Buchführungspflicht sondern gar ein Bankrott ausgeurteilt. „Tatsächlich habe ich die Kapuze über den Kopf gezogen“, sagt der, der als Anwalt und Wirtschaftsberater viele Firmenchefs vor den Folgen zu später Anzeige der Zahlungsunfähigkeit gewarnt hatte.

Für das Gericht unverständlich blieb auch die „veruntreuende Unterschlagung“. Der Anwalt hatte einen fast 90 000 Euro teuren BMW geleast. Als er mit den Raten im Rückstand war, kündigte das Autohaus. Er gab den Wagen nicht zurück, ließ gar ein Urteil gegen sich ergehen, versteckte ihn vor dem Gerichtsvollzieher. Erst ein Jahr später fand die Polizei das Auto in der Tiefgarage seiner Kanzlei - mit 16 000 Euro mehr auf dem Tacho, als zulässig.

Auch in diesem Punkt wurde der Jurist schuldig gesprochen. Er lebt heute getrennt von der Familie bei seiner Mutter, hat Privatinsolvenz angemeldet, ist von der Anwaltskammer von der Anwaltsliste gestrichen worden und arbeitet nur noch freiberuflich als Berater. „Sie haben sich übernommen“, sagte in der Urteilsbegründung Richter Ehsan Kangarani. Dass die Tatfolgen seine gesamte berufliche Existenz vernichtet haben, rechnete der Richter dem Angeklagten strafmildernd an.

Schadhafter Zahlersatz aus China

Die Geschäftsidee, mit der der verurteilte Insolvenzanwalt in die Zahlungsunfähigkeit schlidderte, verhieß schon anderen Kaufleuten eine strahlende Zukunft.Die Geschäftsidee, mit der der verurteilte Insolvenzanwalt in die Zahlungsunfähigkeit schlidderte, verhieß schon anderen Kaufleuten eine strahlende Zukunft. Schon die Mc Zahn AG hatte auf tolle Umsätze mit billigem Zahnersatz aus China spekuliert, die deutsche Zahnärzte ihren Kunden einsetzen sollten.

Die Mc Zahn ging im Oktober 2008 in die Pleite. Der Göttinger Anwalt wollte die Idee mit drei Geschäftspartnern jedoch weiterführen. Seine Ende 2008 gegründete Firma übernahm die Mc-Zahn-Kundschaft und beschäftigte drei Damen in der Acquise, alle mit eigenem BMW. Die Umsätze erreichten im ersten Jahr 229 000 Euro, 2011 sogar mehr als 400 000 Euro. Doch es gab zu viele Reklamationen, die Qualität stimmte nicht, die Zahnärzte fühlten sich übervorteilt. Allein ein Zahnarzt hielt rund 300 000 Euro zurück. Am Ende war auch der zweite Versuch mit Billig-Zähnen aus Fernost gescheitert: Firma pleite. Eine Million Euro Schulden. Über die Idee aber sagt der Verurteilte heute noch: „War ja eigentlich nicht blöd.“ck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Weihnachtsdeko in Göttingen und Umgebung