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Baumfrevel in Göttingen: Angebohrt und totgespritzt

Giftattacke Baumfrevel in Göttingen: Angebohrt und totgespritzt

Erneut sind Bäume im Landkreis Göttingen Ziel einer Giftattacke geworden. Nachdem es zuletzt in Gleichen und Rosdorf zu derartigen Anschlägen gekommen war, hat es jetzt drei Erlen in Geismar erwischt. Wieder bohrten Unbekannte die Stämme an und injizierten eine Substanz, an der die Bäume zugrunde gingen.

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Müssen gefällt werden: Unbekannte haben drei Erlen in Geismar totgespritzt. Die Bäume wurden schon mit gelber Farbe markiert.

Quelle: Hinzmann

Geismar. Besonders perfide: Die Baum-Ripper in Geismar deckten die Löcher mit Borke ab, damit sie keiner sieht. Jetzt müssen die Erlen, die kümmerlich vertrocknet sind und deren Stämme dicke Knubbel aufweisen, gefällt werden. Sie sind nicht mehr zu retten.

Dabei hätten sie im vergangenen Jahr noch in voller Pracht an der Ecke Am Rischen/Im Bruche gestanden, erzählt ein Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Jetzt sind sie kahl und haben keine Blätter mehr.“

Er habe sich schon gedacht, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Es sei schlimm, dass es Leute gebe, die Bäume mutwillig totspritzten.

„Die Bäume müssen entfernt werden“

Die Stadt Göttingen bestätigt unterdessen den Verdacht. Ein Sachverständiger habe sich die Bäume angeschaut, sagt Sprecher Hartmut Kaiser. Ergebnis der Untersuchung: „Die Stämme wurden angebohrt und mit einer Substanz gefüllt. Vermutlich handelt es sich dabei um Gift.“

Die Löcher seien dann provisorisch mit Borke verschlossen worden. „Die Bäume müssen entfernt werden, keine Chance.“

Der Vorfall sei „sehr bedauerlich“ und in dieser Form einmalig in Göttingen, sagt der Stadtsprecher. Es gebe bislang keine Hinweise darauf, wer dies aus welchem Grund getan haben könnte.

Kein Einzelfall

„Wir werden jetzt prüfen, ob wir eine Anzeige gegen Unbekannt stellen, um Ermittlungen einzuleiten“, sagt Kaiser. Außerdem müsse noch geprüft werden, welche Substanz die Unbekannten in die Löcher gespritzt hätten.

Zuletzt hatten sich in Weißenborn und Rosdorf ähnliche Fälle von Baumfrevel zugetragen. Auch dort hatten Unbekannte Bäume angebohrt und vergiftet. In Weißenborn traf es eine 100 Jahre alte Esche, in Rosdorf zwei 80 Jahre alte Linden.

Reicht ein Kupfernagel?

Hartnäckig hält sich die Mär, dass ein Baum abstirbt, wenn man einen Kupfernagel in seinen Stamm treibt. Das aber ist falsch. Zwar sind Kupfersalze giftig. „Entscheidend ist aber, dass Nägel nur Stichkanäle im Stamm erzeugen.

Ein Stichkanal ist eine vergleichsweise kleine Wunde, die kaum die Gefäße der Leitungsbahnen verletzt und die ein vitaler Baum sehr gut abschotten kann“, erklärt der Göttinger Baumsachverständige Prof. Ulrich Weihs. Außerdem gelange vom Nagel kaum giftiges Kupfer in das Versorgungssystem des Baumes.

In der Staatsschule für Gartenbau an der Uni Hohenheim gab es im Jahr 1976 gar einen Versuch, die Legende zu überprüfen. In die Stämme verschiedener Bäume schlug man jeweils fünf bis acht dicke Kupfernägel. Zur Kontrolle verwendete man auch noch Nägel aus Messing, Blei und Eisen.

Ergebnis: Alle Bäume überlebten die Tortur. Die meisten stehen noch heute und erfreuen sich bester Gesundheit. Einige wurden zur Kontrolle gefällt. Man fand die Nägel, umgeben von braunen Verfärbungen – sonst aber nichts.

   
Interview mit Professor Ulrich Weihs, Göttinger Sachverständiger für Baumpflege

Treibt ein Baumfrevler in der Region sein Unwesen? Das könnte sein, sagt Prof. Ulrich Weihs von der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst. Der Göttinger Sachverständige für Baumpflege, Verkehrssicherheit von Bäumen und Baumwertermittlung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen erklärt, welches Gift verwendet wurde und wie es wirkt – und was dem oder den Tätern droht.

Warum werden Bäume von Menschen zerstört?
Da kann man nur spekulieren. Aus meiner langjährigen Erfahrung weiß ich aber, dass es sich dabei häufig um Nachbarschaftsstreitigkeiten handelt. Oft fühlen sich die Menschen auch durch Bäume vor ihrem Haus gestört, weil sie ihnen das Licht nehmen. Die sitzen dann in ihrer dunklen Wohnung und ärgern sich.

Hinzu kommt Verschmutzung durch Laub- und Samenfall. Auch wenn Solarmodule wegen eines Baums nicht genügend Licht bekommen, gibt es Probleme. Manchmal ist es aber auch einfach nur Zerstörungswut.  

Haben Sie es in Göttingen schon erlebt, dass Bäume angebohrt und vergiftet wurden?
Ich arbeite in Göttingen nun seit über zwölf Jahren als Baumgutachter, aber einen solchen Fall habe ich noch nicht erlebt. Die Methode ist allerdings nicht neu. Auch in der Forstwirtschaft wurden früher im Rahmen der chemischen Läuterung Waldbäume zum Absterben gebracht.

Welches Gift wurde bei den Fällen in der Region verwendet?

Höchstwahrscheinlich das Breitbandherbizid Glyphosat, das vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt wird und als Roundup in Kleingebinden für Hobbygärtner in jedem Gartenbaumarkt erhältlich ist.

Wie wirkt das Gift auf einen Baum?
Das Gift wird im gesamten System des Baums verteilt und verhindert die Fotosynthese. Der gesamte Ernährungskreislauf wird gestört. Das Gemeine daran: Man sieht das nicht sofort.

Es vergehen mehrere Monate, manchmal auch bis zu zwei Jahre, bis der Baum abstirbt. Die Krone vertrocknet und verliert Blätter und sieht irgendwann aus wie eine Krücke. Das ist eine ganz miese Art und Weise, einen Baum zu zerstören.

Ist so ein Baum noch zu retten?
Nein. Wenn das Gift erst mal vom Baum aufgenommen wurde und die Dosis ausreichend war, ist die Sache gelaufen. Dann stirbt der Baum langsam ab. Denn Bäume können nicht heilen, sie können sich nur abschotten.

Wer könnte so etwas getan haben?
Um diese Methode anzuwenden, muss man sich schon ein bisschen auskennen. Das geht über laienhaftes Wissen hinaus. Das ist jemand, der weiß, was er tut. Das ist zwar nur Spekulation, aber aufgrund dessen, dass sich die Fälle in Gleichen, Rosdorf und Göttingen ähneln und zeitlich nah beieinander liegen, könnte es sein, dass es ein Baumfrevler ist, der hier rumläuft, sozusagen ein Serientäter.

Was ist zu tun?
Polizei und Ordnungsamt sollten das ernst nehmen. Sie sollten ermitteln, ob zwischen den Fällen Parallelen bestehen und die Ergebnisse dokumentieren. Dann hätte man zumindest die Möglichkeit, wenn man jemanden erwischt, zu sagen: „Das warst du auch.“ Allerdings ist Glyphosat ein sehr flüchtiges Mittel und nur über einen kurzen Zeitraum nachzuweisen.

Was droht einem Baumfrevler?
Bäume sind wesentliche Bestandteile des Grundstücks, auf dem sie stehen. Wer sie beschädigt oder zerstört, ist zum Schadenersatz verpflichtet. Der Wert eines älteren Baumes liegt bei mindestens 10 000 Euro. Bei gestalterisch besonders wertvollen Bäumen kann er aber auch ein Vielfaches des genannten Betrages erreichen.

Baumfrevler sollten sich also darüber im Klaren sein, dass sie – zumindest bei kommunalen Bäumen des öffentlichen Grüns – wertvolles Allgemeingut zerstören und mit Schadenersatzforderungen in erheblicher Höhe rechnen müssen, wenn sie überführt werden.

Interview: Andreas Fuhrmann

Ulrich Weihs

Ulrich Weihs

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Totgespritzt: Birken an der Schillerstraße.

Nachdem in Geismar drei Erlen durch Giftattacken zerstört worden sind, hat die Stadt Göttingen jetzt Anzeige erstattet. Das bestätigte Verwaltungssprecher Detlef Johannson. Die Bäume, die auf öffentlichem Grund stehen, waren von Unbekannten angebohrt und totgespritzt worden.

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